Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vulkanausbruch: Im Fernen Osten gab es auch ein Pompeji

01.10.2013
Ein internationales Forscherteam mit Berner Beteiligung hat den Vulkan identifiziert, der 1257 für die kolossalste Eruption der letzten 7000 Jahre verantwortlich war. Unter anderem hatte dieser Ausbruch in Indonesien ein gesamtes Königreich verwüstet und in Europa ein «Jahr ohne Sommer» verursacht.

Ein mysteriöser Vulkanausbruch soll im Europa des 13. Jahrhunderts für Erdbeeren im Winter und Missernten im darauffolgenden kalten Sommer verantwortlich gewesen sein. Ablagerungen in polaren Eisbohrkernen deuten darauf hin, dass sich diese Naturkatastrophe um 1257 oder 1258 zugetragen haben soll, vermutlich in den Tropen.

Trotz der ausserordentlichen Grösse des Ausbruches konnte die Quelle der geheimnisvollen Eruption bislang nicht eruiert werden. Nun hat ein internationales Team des «Centre National de la Recherche Scientifique» (CNRS), der Universitäten Bern, Cambridge, ETH Zürich und indonesischen Forschenden das Vulkan-Rätsel um die mächtigste Eruption der letzten 7000 Jahre gelöst: Es ist der Samalas-Vulkan auf der indonesischen Insel Lombok. Die Studie wurde nun im Journal «Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)» veröffentlicht.

Auswurfmaterial im Eis gespeichert

Bei grossen Vulkanausbrüchen werden Staub- und Aschepartikel in der Rauchwolke bis zu den Polen transportiert und im Eis abgelagert. In den Eisbohrkernen werden diese Ablagerungen gespeichert und können so für die Datierung vergangener Eruptionen herangezogen werden. Eine äusserst starke Konzentration solcher Aerosolen findet sich in Bohrkernen beider Polarzonen um 1258.

Neuen Schätzungen zufolge war der Gehalt von Aerosolen und Aschepartikeln in der Stratosphäre etwa achtmal so gross wie jener des verheerenden Ausbruches des Krakatau im Jahr 1883, und mindestens doppelt so gross wie bei Tambora (1815) – beide in Indonesien.

Basierend auf Untersuchungen im Gelände, physischer Vulkanologie, Chronikdaten und Altersbestimmungen mittels C-14-Methode konnte das Forscherteam den Samalas-Vulkan (Rinjani, auf der Insel Lombok) auf Indonesien als Quelle des extremen Vulkanausbruchs im 13. Jahrhundert bestimmen. In den Vulkanablagerungen in der unmittelbaren Umgebung des Samalas konnten Kohlefragmente verbrannter Bäume geborgen und so das Alter des Ausbruches bestätigt werden.

Basierend auf Modellberechnungen haben die Forschenden zudem aufgezeigt, dass Samalas während der drei heftigsten Ausbrüche mindestens 40 Kubikkilometer Ascheablagerungen in die Stratosphäre schleuderte – die Ausbruchsäule war dabei bis zu 43 km hoch. Mit einer geschätzten Magnitude von mindestens 7.0 dürfte der Samalas-Ausbruch die grösste explosive Eruption der letzten 7000 Jahre sein.

Javanische Katstrophenberichte auf Palmblättern

«Die geochemische Zusammensetzung der Aschepartikel in der Arktis und Antarktis stimmen ausgezeichnet mit jenen im Samalas-Krater überein», sagt Prof. Dr. Markus Stoffel, Mitautor der nun veröffentlichten Studie und Forscher am Institut für Geologie der Universität Bern und am Institut für Umweltwissenschaften der Universität Genf.

«Zudem verfügen wir über sogenannte ‹Babad Lombok›, auf Palmblättern verfasste Chroniken in altem Javanisch, welche auf eine kolossale Vulkaneruption auf Lombok hindeuten. Die Ausbrüche des Samalas sollen das einstmalige Königreich Lombok und die Hauptstadt Pamatan vollständig verwüstet haben. Wir vermuten daher, dass sich irgendwo unter den bis zu 35 Meter mächtigen Vulkanablagerungen die Überreste von Pamatan befinden. Sozusagen ein Pompeji des Fernen Ostens – sollte es je entdeckt werden.»

Aufgrund der sehr viel stärkeren Ausbreitung der Vulkanablagerungen im Westen der Insel und Baumring-Daten aus der Südhemisphäre kann laut dem Forscherteam zudem davon ausgegangen werden, dass sich der Ausbruch zwischen Mai und Oktober 1257 zugetragen hat, wenn in der Region Passatwinde aus Osten dominieren.

In Europa fiel der Sommer aus

Gemeinsam mit seinem Doktoranden Sébastien Guillet hat Markus Stoffel mittels zeitgenössischer Quellentexte und Jahrringserien von Bäumen die Auswirkungen der Samalaseruption auf das Klima in Europa analysiert. So sollen im Winter 1257-58 in Westeuropa unüblich milde Temperaturen vorgeherrscht haben, Frost soll nur an vereinzelten Tagen aufgetreten sein. In Nordfrankreich etwa berichten Chronisten, dass im Januar Erdbeeren und Äpfelbäume Blüten trugen.

Laut den Forschenden war dieser aussergewöhnlich warme Winter der Nordhemisphäre eine typische Reaktion auf den starken Sulfatgehalt in den Tropen. Der darauffolgende Sommer 1258 soll dagegen ausserordentlich kalt gewesen sein, ein «Jahr ohne Sommer», so dass in England und Frankreich Brot, Wein und Fleisch ausgegangen seien.

«Die neuen Erkenntnisse liefern uns wertvolle Hinweise auf die klimatischen Auswirkungen massiver Vulkanausbrüche. So können etwa bisherige Modellberechnungen von Klimaveränderungen infolge Vulkanaktivität feiner abgestimmt werden und Modelldaten besser verifiziert werden», sagt Markus Stoffel. «Neben der wissenschaftlichen Neugier, wie sich derart gewaltige Eruptionen weltweit auf das Klima auswirken, steht vor allem auch die Frage im Vordergrund, ob Ausbrüche wie jener von 1257 mittelfristig auf das Klima wirkt und ob sie allenfalls auch ein Grund für den Beginn der Kleinen Eiszeit Anfang des 15. Jahrhunderts sein könnten», sagt der Geologe.

Nathalie Matter | Universität Bern
Weitere Informationen:
http://www.unibe.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel
23.05.2018 | Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

nachricht PM des MCC: CO2-Entzug aus Atmosphäre für 1,5-Grad-Ziel unvermeidbar
23.05.2018 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics