Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ursachenforschung zum Erdrutsch in Nachterstedt

05.04.2012
Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ermitteln derzeit, wo Grundwasser in den Concordia-See strömt. Die Ergebnisse könnten einen Baustein zur Erklärung des verheerenden Erdrutsches von 2009 liefern.

Am 18. Juli 2009 rutschte eine Uferkante in den Concordia-See in Sachsen-Anhalt. Im Morgengrauen riss sie ein Doppelhaus, eine Straße und Teile eines Einfamilienhauses mit in den Abgrund, drei Menschen kamen ums Leben. Seitdem untersucht die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), wie es zu dem Unglück kommen konnte.


Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) messen die Temperaturverteilung auf dem Grund des Concordia-Sees mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks (THW). Foto: IGB/Jörg Lewandowski

Der Zustrom von Grundwasser in das Seewasser erfolgt über riesige Areale des Seebodens und unterscheidet sich häufig auf kleinstem Raum. Das macht die Messungen auf dem schwer zugänglichen Grund schwierig. Daher verwenden die IGB-Forscher einen Trick: Das Seewasser hat derzeit eine Temperatur von etwa fünf Grad Celsius, auch am Seeboden. Die Temperatur des Grundwassers beträgt dagegen ganzjährig etwa zehn Grad Celsius. An Stellen, an denen Grundwasser zutritt, ist daher die Temperatur leicht erhöht, und zwar umso stärker je mehr Grundwasser zuströmt. Dr. Jörg Lewandowski vom IGB erklärt: „Wenn wir die Temperaturverteilung im See kennen, können wir Rückschlüsse auf den Zustrom von Grundwasser ziehen.“

Um die Temperaturverteilung des Seebodens flächendeckend zu bestimmen, haben die Wissenschaftler die faseroptische Temperaturmessung verwendet. Dabei wurde ein mehrere Kilometer langes Messkabel auf dem Seeboden verlegt und für jeden Meter des Kabels die Temperatur gemessen. IGB-Wissenschaftlerin Franziska Pöschke berichtet: „Das tägliche Verlegen und Einholen des zwei Kilometer langen Kabels war echte Knochenarbeit. Ohne die Unterstützung durch das Technische Hilfswerk mit Booten und Mitarbeitern hätten wir das nicht schaffen können.“ Ihre Kollegin Andrea Sacher ergänzt: „Wir hatten sehr starken Wind, es war schwierig, den Kurs zu halten und das schwere Kabel präzise zu verlegen. Es lief dennoch alles gut, nun werten wir die umfangreichen Messungen aus. Die Ergebnisse werden in einigen Monaten vorliegen.“

Bei der Methode der faseroptischen Temperaturmessung (engl. distributed temperature sensing, DTS) wird ein kurzer Laserpuls in eine Glasfaser geschickt. Ein kleiner Teil des Laserpulses wird zurückgestreut und gemessen. Die Rückstreuung ist stark temperaturabhängig, so dass aus der Intensität der Rückstreuung und der Laufzeit des Laserpulses für jeden Meter des Kabels die Temperatur ermittelt werden kann.

DTS ist eine etablierte Technik, die vielfältig eingesetzt wird, zum Beispiel zur Branderkennung in Tunneln, zur Temperaturüberwachung von großchemischen Prozessen, zur thermischen Überwachung von Energiekabeln und Freileitungen sowie zur Leckage-Detektion an Pipelines, Staumauern und Deichen. Auch bei wissenschaftlichen Fragestellungen wird DTS zunehmend eingesetzt. Beispielsweise wird der Rückgang von Permafrost im Gebirge mit DTS-Kabeln untersucht.

Dagegen ist die Erfassung des Zustroms von Grundwasser zu Seen ein neues, noch in der Entwicklung befindliches Anwendungsgebiet, das in Europa maßgeblich durch das IGB vorangetrieben wird.

Gesine Wiemer | Forschungsverbund Berlin e.V.
Weitere Informationen:
http://www.fv-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wetteranomalien verstärken Meereisschwund
16.01.2018 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Material löst sich dynamisch statt kontinuierlich
16.01.2018 | MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - März 2018

17.01.2018 | Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

Fachtagung analytica conference 2018

15.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Projekt "HorseVetMed": Forscher entwickeln innovatives Sensorsystem zur Tierdiagnostik

17.01.2018 | Agrar- Forstwissenschaften

Seltsames Verhalten eines Sterns offenbart Schwarzes Loch, das sich in riesigem Sternhaufen verbirgt

17.01.2018 | Physik Astronomie

Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

17.01.2018 | Physik Astronomie