Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unterschätzen Prognosen des Meeresspiegelanstieges Auswirkungen auf den Verlust von Lebensraum?

13.06.2012
Durch die globale Erwärmung wird der Meeresspiegel voraussichtlich noch in diesem Jahrhundert um bis zu zwei Meter ansteigen.
Florian Wetzel und Dustin Penn von der Vetmeduni Vienna haben mit Forschern der Aarhus Universität die Folgen möglicher Verlagerungen von Siedlungsgebieten auf die Verfügbarkeit von Lebensraum und die Lebensräume von Säugetieren im Computer simuliert. Sie zeigen, dass diese sekundären Effekte in dichter besiedelten Regionen zu einem ebenso hohen oder sogar höheren Verlust an Lebensraum führen können als die primären Effekte durch Überschwemmungen im Küstenbereich. Die Ergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Global Change Biology“ veröffentlicht.

Aufgrund der globalen Erwärmung wird der Meeresspiegel voraussichtlich noch in diesem Jahrhundert weltweit um ein bis zwei Meter ansteigen. Studien, die die möglichen Folgen eines Meeresspiegelanstiegs für Menschen und für die Artenvielfalt global oder über große Regionen untersuchen, stecken jedoch noch in den Kinderschuhen. Während man angefangen hat, die direkten Folgen, die sogenannten primären Effekte, eines steigenden Meeresspiegels durch Überschwemmungen in den Küstenbereichen abzuschätzen, gibt es derzeit noch keine Studien über die möglichen sekundären Effekte, die aufgrund von Verlagerung von überschwemmtem Siedlungsgebiet und landwirtschaftlichen Flächen in andere Gebiete zustande kommen könnten.

Verlagerung des Siedlungsraums als Problem

Florian Wetzel, Helmut Beissmann und Dustin Penn vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) haben mit Forschern um W. Daniel Kissling der Gruppe Ökoinformatik und Biodiversität der Aarhus Universität in Dänemark das Potenzial solcher sekundärer Verlagerungen auf die Verfügbarkeit von Lebensraum und die Verteilung von Säugetieren ausgearbeitet. Sie fanden heraus, dass sekundäre Effekte in dichter besiedelten Regionen zu einem ebenso hohen oder sogar höheren Verlust an Lebensraum führen können, als die Überschwemmungen im Küstenbereich.

Auch extreme Szenarien berechnet

Die Forscher prüften die möglichen ökologischen Folgen des Meeresspiegelanstiegs auf Verfügbarkeit von Lebensraum für mehr als 1200 Inseln im südostasiatischen und pazifischen Raum. Die meisten Modelle gehen von einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter in diesem Jahrhundert aus. Dies ist das gemäßigte Szenario, welches das Forscherteam in Erwägung zog. Zudem berechneten die Wissenschafter ihre Ergebnisse auch für durchaus mögliche Szenarien, in denen der Meeresspiegel um drei oder gar sechs Meter ansteigt. Sie berechneten zudem die möglichen Konsequenzen einer durch den Meeresspiegel-Anstieg hervorgerufenen Verdrängung von Menschen in Lebensräume ausgewählter Säugetierarten und die Folgen für deren Verteilung.

Ihre Ergebnisse zeigen, dass je nach Szenario zwischen drei und 32 Prozent der Küstengebiete dieser Inseln durch primäre Effekte des Meeresspiegelanstieges, also durch permanente Überschwemmungen, verloren gehen könnten, wodurch etwa acht bis 52 Millionen Menschen verdrängt würden. Um Nebenwirkungen zu bewerten, nahmen die Autoren vereinfachend an, dass überschwemmte städtische und intensiv landwirtschaftlich genutzte Gebiete flächengleich ins Hinterland verlagert werden und dort einen Lebensraumverlust für Wildtiere bewirken.

Dramatische Auswirkungen auch auf Lebensräume der Tiere

Die Prognosen zeigen, dass solche Verschiebungen dramatische Auswirkungen auch auf die Verbreitung der Tiere haben könnten. Im moderaten Szenario könnten sekundäre Raumverlusteffekte durch die Verlagerung von bewohnten oder genutzten Gebieten die primären Effekte durch die Überschwemmungen bei mindestens 10 bis 18 Prozent der untersuchten Säugetiere überschreiten, und im Extremfall könnte dies sogar für 22 bis 46 Prozent der Tiere der Fall sein. Zudem sind einige Arten im Hinterland nur von Sekundäreffekten der Meeresspiegelerhöhung betroffen (neun Prozent). "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es sehr wichtig ist, ökologisch gefährdete Regionen und Arten genau zu identifizieren und zusätzliche Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs, wie etwa durch Abwanderung von Menschen aus dem Küstenbereich, zu analysieren, um die ganze Bandbreite der möglichen Folgen darzustellen", betont Florian Wetzel, Erstautor der Studie.
Sekundäre Effekte stärker berücksichtigen

Es stellte sich zudem heraus, dass die verschiedenen Regionen dem Meeresspiegelanstieg sehr unterschiedlich ausgesetzt sind. Nach den Modellberechnungen wären Arten in Ozeanien stärker durch Primäreffekte betroffen, während Indo-Malaysische Inseln ein höheres Sekundärrisiko haben – dort könnten zwischen sieben und 48 Millionen Menschen durch Überschwemmungen aus ihrer Heimat verdrängt werden. „Wir sind uns bewusst, dass wir es mit Prognosen zu tun haben, und dass dies ein umstrittenes Thema ist, aber wir sind davon überzeugt, dass Einschätzungen des Meeresspiegelanstiegs solche sekundären Effekte integrieren sollten, sonst riskieren wir, die Folgen der globalen Klimaveränderung auf die Artenvielfalt und Ökosysteme zu unterschätzen", sagt Dustin Penn.

Der Artikel „Future climate change driven sea-level rise: secondary consequences from human displacement for island biodiversity” von Florian T. Wetzel, W. Daniel Kissling, Helmut Beissmann und Dustin J. Penn ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Global Change Biology“ erschienen (doi: 10.1111/j.1365-2486.2012.02736.x).

Zusammenfassung des wissenschaftlichen Artikels online (Volltext gegen Entgelt oder Subskription):
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1365-2486.2012.02736.x/abstract

Rückfragehinweis
Priv.Doz. Dr. Dustin Penn
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 4890915-823
E dustin.penn@vetmeduni.ac.at
Aussender
Mag. Klaus Wassermann
Public Relations/Wissenschaftskommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien
T +43 1 25077-1153
E klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at

Klaus Wassermann | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at
http://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/aktuelles/presseinformationen/presseinfo2012/sea-level-rise-wenzel/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel
23.05.2018 | Helmholtz-Zentrum Potsdam - Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ

nachricht PM des MCC: CO2-Entzug aus Atmosphäre für 1,5-Grad-Ziel unvermeidbar
23.05.2018 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics