Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Starthilfe für den Golfstrom

08.12.2008
Vor rund 15.000 Jahren, gegen Ende der letzten Eiszeit, erlebte Grönland einen heftigen Temperatursprung, der die derzeit beobachtete Erwärmung bei weitem in den Schatten stellt: Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde es um 9 Grad Celsius wärmer. Auslöser des Temperaturschocks war vermutlich der wieder erstarkte Golfstrom. Doch längst nicht alle Teile des damaligen Klimapuzzles sind bekannt.

In einer Studie, die jetzt in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Geology erscheint, liefern Bremer Geowissenschaftler um Dr. Cristiano Chiessi neue Erkenntnisse, wie das Wechselspiel zwischen wie Atlantik und Indischem Ozean die Klimaentwicklung in der Schlussphase der letzten Eiszeit beeinflusste.

Fündig wurden die MARUM-Wissenschaftler in einem 7,7 Meter langen Sedimentkern, den sie in 657 Metern Wassertiefe aus dem Meeresboden vor der südamerikanischen Küste stachen. "Der Kern ist ein Glücksfall", freut sich Co-Autor Dr. Stefan Mulitza, "denn damals wurde sehr viel Sediment am Meeresboden abgelagert." Hohe Sedimentationsraten sind gleichbedeutend mit hoher zeitlicher Auflösung.

"Der Kern zeigt uns minutiös, wie sich die Wassertemperaturen vor 14.700 Jahren in unterschiedlichen Stockwerken des Atlantiks änderten." Demnach stieg die Temperatur des Bodenwassers in der unteren Ozeanetage sehr schnell um 3,5 Grad Celsius an. Das mittlere Ozeanstockwerk erwärmte sich sogar um 6,5 Grad Celsius. Zudem stieg der Salzgehalt im obersten Meeresstockwerk an - vor allem im westlichen Atlantik vor Süd- und Mittelamerika.

"Die enormen Temperatursprünge im Südatlantik gingen Hand in Hand mit der Erwärmung Grönlands", erläutert Mulitza weiter. "Auslöser ist wahrscheinlich die wieder erstarkte Tiefenwasserpumpe im Nordatlantik." Dort kühlt salzhaltiges Golfstromwasser ab, wird dadurch schwerer, sinkt in tiefere Meeresstockwerke und fließt gen Süden. Im Gegenzug wird an der Oberfläche weiteres Golfstromwasser gen Norden gesogen. Doch in der Schlussphase der letzten Eiszeit, so vermuten die Wissenschaftler, schwächelte die atlantische Umwälzpumpe deutlich. Bleibt also die Frage, wie sie wieder auf nacheiszeitliche Touren kam?

In ihrer Arbeit verweisen Chiessi und Kollegen auf Befunde aus Sedimentkernen, die von der südwestafrikanischen Küste, stammen und denselben Zeitraum abdecken wie der vom MARUM-Team untersuchten Südamerika-Kern. Diese Ablagerungen enthielten Überreste von Muscheln, die ursprünglich im Indischen Ozean lebten und offensichtlich mit warmen, salzhaltigen Meeresströmungen um das Kap der Guten Hoffnung verdriftet worden waren.

Die MARUM-Forscher gehen davon aus, dass ein Teil dieser relativsalzigen Wassermassen aus dem Indischen Ozean in den Benguela- bzw. den Südäquatorialstrom eingespeist und quer über den Atlantik bis vor die Küste Mittel- und Südamerikas transportiert wurde. "Die Importe des salzhaltigen Wassers aus dem Indischen Ozean erklären, warum sich die Salzgehalte vor Südamerika überproportional erhöhten", sagt Stefan Mulitza.

Modellrechnungen bestätigen diesen Befunde: "Unser Computermodell zeigt eine "Ost-West-Temperaturwippe" über den ganzen Südatlantik hinweg", sagt Co-Autor Dr. Anrdré Paul: "Die Erwärmung im Westen bzw. die Abkühlung im Osten zeigt an, dass die Ozeanzirkulation wieder anspringt".

Da die Wassermassen - wenigstens zum Teil - via Benguela- und Golfstrom nämlich wie in einem ozeanischen Staffellauf bis in den Hohen Norden transportiert wurden, gaben sie vermutlich auch der Umwälzpumpe im Nordatlantik den letzten Kick. Das Oberflächenwasser war wieder hinreichend salzhaltig. Als die Tiefenzirkulation wieder ansprang, pumpte sie große Wärmemengen aus südlichen Breiten gen Norden. In Grönland wurde es schlagartig wärmer.

Weitere Informationen/Interviewanfragen/Bildmaterial:
Albert Gerdes
MARUM-Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 0421 - 218-65540
Email: agerdes@marum.de
Das MARUM entschlüsselt mit modernsten Methoden und eingebunden in internationale Projekte die Rolle des Ozeans im System Erde - insbesondere im Hinblick auf den globalen Wandel. Es erfasst die Wechselwirkungen zwischen geologischen und biologischen Prozessen im Meer und liefert Beiträge für eine nachhaltige Nutzung der Ozeane.

Albert Gerdes | idw
Weitere Informationen:
http://www.marum.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik