Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Klimawandel: Mehr Schnee in der Antarktis

16.03.2015

Auch wenn es verblüffen mag: Steigende Temperaturen werden der Antarktis mehr Schnee bringen. Jedes Grad Celsius Erwärmung könnte den Schneefall auf dem Eiskontinent um etwa fünf Prozent zunehmen lassen, wie jetzt ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zeigt. Ihre Abschätzung beruht auf Daten aus Eisbohrkernen und auf physikalischen Gesetzen, die in globalen und regionalen Klimasimulationen abgebildet werden; veröffentlicht wird die Studie im Fachjournal Nature Climate Change.

Die Ergebnisse liefern ein wichtiges neues Puzzelstück bei der Abschätzung des Beitrags der Antarktis zum künftigen Meeresspiegelanstieg. Mehr Schnee wird die Antarktis jedoch nicht vor dem Verlust von Masse bewahren, denn ein Großteil des zusätzlichen Eises wird durch sein eigenes Gewicht schneller in Richtung Küste transportiert.

„Wärmere Luft enthält mehr Feuchtigkeit, und das kann zu mehr Niederschlag führen – in der kalten Antarktis geschieht das in Form von Schnee“, erklärt die Leitautorin Katja Frieler. „Ob Daten oder Computersimulationen - alle Indizien deuten in die gleiche Richtung: Mit jedem Grad Erwärmung gibt es in der Antarktis etwa fünf Prozent mehr Schnee“, so Frieler.

Um den Schneefall in der Antarktis für die Zukunft mengenmäßig beziffern zu können, haben die Wissenschaftler aus Potsdam mit Kollegen aus den USA und den Niederlanden zusammengearbeitet. „Eisbohrkerne aus verschiedenen Teilen der Antarktis liefern uns Daten, die dabei helfen, die Zukunft besser zu verstehen“, sagt Peter Clark von der US-amerikanischen Oregon State University.

„Darin sind Informationen über den Schneefall enthalten, die einen großen Zeitraum von Temperaturveränderungen erfassen, zum Beispiel den während der letzten großen Eisschmelze vor 21.000 bis 10.000 Jahren. Und diese Daten sagen uns etwas darüber, was wir in den nächsten Jahrhunderten erwarten können“.

Um Veränderungen von Temperatur und Niederschlag in der Antarktis festmachen zu können, haben die Wissenschaftler diese Daten sowohl mit Simulationen der Klimageschichte der Erde als auch mit umfassenden Zukunftsprognosen durch verschiedene Klimamodelle verknüpft.

**Doppeltes Paradox: Mehr Schneefall durch Erwärmung, mehr Eisverlust durch Schneefall**

„Der antarktische Eisschild mit seinem enormen Eisvolumen könnte durch den Klimawandel zum größten Faktor für den künftigen langfristigen Anstieg des Meeresspiegels werden, dies hätte Auswirkungen für Millionen von Menschen in Küstenregionen“, sagt Frieler.

Deshalb ist es wichtig, so genau wie möglich einschätzen zu können, mit wieviel zusätzlichem Schneefall zu rechnen wäre – dieser sorgt dafür, dass Wasser statt im Meer auf dem antartktischen Eisschild landet und diesen in die Höhe wachsen lässt. In einer früheren Studie hatten die Wissenschaftler jedoch bereits herausgefunden, dass viel von diesem zusätzlichen Eis wieder verloren geht, weil sich auch der Eisfluss in den Ozean beschleunigt.

„Der sich auftürmende Schnee ist schwer und übt entsprechend viel Druck auf das darunter liegende Eis aus“, erklärt Ko-Autorin Ricarda Winkelmann. „Je höher Eis und Schnee sich auftürmen, desto höher ist auch der Druck. Weil zusätzlicher Schnee das auf dem Boden der Antarktis aufliegende Eis stärker erhöht als die schwimmenden Eisschelfe am Rande des Kontinents, fließt das Eis schneller in Richtung Küste – und trägt dadurch zum Anstieg des Meeresspiegels bei.“ Berücksichtigt man diesen Effekt, könnten fünf Prozent mehr Schneefall den Meeresspiegel über 100 Jahre rechnerisch um etwa drei Zentimeter absinken lassen. Andere Prozesse in der Antarktis bewirken aber, dass unterm Strich der Meeresspiegel steigen wird. So führt etwa bereits eine geringe Erwärmung des Ozeans dazu, dass an den Rändern der Antarktis verstärkt Eis abbricht und dadurch Masse vom Kontinent ins Wasser fließt.

**Die Antarktis ist der wichtigste Treiber für den Meeresspiegelanstieg der Zukunft**

„Wenn wir das ganze Bild betrachten, ändern die neuen Erkenntnisse also nichts daran, dass die Antarktis mehr Eis verlieren wird, als sie dazugewinnt, und deshalb großen Einfluss auf den Meeresspiegel der Zukunft haben wird“, sagt Ko-Autor Anders Levermann, der auch einer der Leitautoren des Meeresspiegel-Kapitels im jüngsten Berichts des Weltklimarats IPCC ist. „Für Entscheidungsträger in Küstenregionen ist es wesentlich zu wissen, wieviel Meeresspiegelanstieg durch eine Begrenzung der globalen Erwärmung noch vermieden werden kann, und wie schnell wir uns auf das Unvermeidbare einstellen müssen. Die Antarktis spielt für den Meeresspiegel der Zukunft eine Schlüsselrolle. Unsere Ergebnisse sind ein weiteres wichtiges Puzzelteil, um den Meeresspiegelanstieg der Zukunft besser einschätzen zu können“.

Artikel: Frieler, K., Clark, P.U., He, F., Buizert, C., Reese, R., Ligtenberg, S.R.M., van den Broeke, M.R., Winkelmann, R., Levermann, A. (2015): Consistent evidence of increasing Antarctic accumulation with warming. Nature Climate Change [doi: 10.1038/nclimate2574]

Weblink zum Artikel, sobald er veröffentlicht wird: http://dx.doi.org/10.1038/nclimate2574

Weblink zu einer früheren Studie zu mehr Eisverlust durch Schneefall in der Antarktis:
Winkelmann, R., Levermann, A., Martin, M.A., Frieler, K. (2012): Increased future ice discharge from Antarctica owing to higher snowfall. Nature [doi:10.1038/nature11616]
https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/2012/more-ice-los...

Weblink zu einer früheren Studie zum Meeresspiegelbeitrag der Antarktis:
Levermann, A., Winkelmann, R., Nowicki, S, Fastook, J.L., Frieler, K., Greve, R., Hellmer, H.H., Martin, M.A., Meinshausen, M., Mengel, M., Payne, A.J., Pollard, D., Sato, T., Timmermann, R., Wang, W.L., Bindschadler, R.A. (2014): Projecting Antarctic ice discharge using response functions from SeaRISE ice-sheet models. Earth System Dynamics, 5, 271-293 [DOI: 10.5194/esd-5-271-2014]
https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/antarktis-koennte-meeres...

Kontakt für weitere Informationen:
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Pressestelle
Telefon: +49 (0)331 288 2507
E-Mail: presse@pik-potsdam.de
Twitter: @PIK_Klima

Jonas Viering | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Klimawandel schwächt tropische Windsysteme
20.10.2017 | MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

nachricht An der Wurzel des Amazonas: Bodentiefe bestimmt Vegetationstyp
20.10.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise