Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hochwasserkarten oft schwer verständlich

27.07.2012
Bis 2013 müssen alle EU-Mitgliedsstaaten Hochwasserkarten bereitstellen, damit Bürger sich über die Gefährdung und mögliche Konsequenzen von Fluten informieren können.
Die aktuelle Praxis in vielen EU-Staaten weist jedoch deutliche Defizite auf. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt mehrerer EU-Staaten, das diese Karten untersucht hat. Lokales Wissen sei meist nicht berücksichtigt. Zudem würden die Karten oft nicht den Bedürfnissen der Endnutzer entsprechen und seien für Anwohner schwer verständlich, schreiben die Forscher im Fachjournal Natural Hazards and Earth System Sciences.

Die EU-Hochwasserrichtlinie schreibt Hochwassergefahren und –riskokarten sowie Risikomanagementpläne als die wichtigsten Instrumente vor, um die Bürger besser über Risiken zu informieren und auf solche Katastrophen vorzubereiten. Ein Team von Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich, Großbritannien und Frankreich hat daher im Rahmen des Projektes RISK MAP diese Hochwasserkarten untersucht. In fünf Fallstudien führten die Wissenschaftler dazu Befragungen, Workshops und Blickerfassungstests durch. Dabei wurden unter anderen Hochwasserkarten von Bennewitz/Wurzen (bei Leipzig) in Sachsen, Vorderberg, einer Ortschaft der Kärntner Gemeinde Sankt Stefan im Gailtal in Österreich, und Chertsey, einer Stadt in der englischen Surrey in England, untersucht.

Idealisierte Hochwasserkarte für die Bevölkerung.

Quelle: RiskMap

Insgesamt zeigten sich vor allem drei Defizite:

1. Die Endnutzer der Karten werden häufig nur als Empfänger verstanden und nicht in die Erstellung der Karten einbezogen. Oft entspricht daher der Inhalt nicht den Bedürfnissen der Kartennutzer.

2. Häufig beschränkt sich der Karteninhalt auf die Hochwassergefährdung, teilweise geben auch Karten die zu erwartenden materiellen Schäden wieder – also die Kosten, die durch die Zerstörungen an Gebäuden und Einrichtungen entstehen. Andere wichtige Inhalte wie soziale oder ökologische Risiken, aber auch Informationen zum Verhalten im Katastrophenfall bleiben dagegen zumeist unberücksichtigt.

3. Hochwasserrisikokarten sind oft von Technikern erstellt worden und erfordern daher zum Verstehen technische Vorkenntnisse, die viele der Endnutzer unter den betroffenen Bürgern nicht besitzen. Diese Verständnisprobleme erschweren die Kommunikation und bergen neue Risiken.

Zur Verbesserung der Verständlichkeit empfehlen die Wissenschaftler in erster Linie, dass die Karteninhalte und -darstellung stärker auf die spezifischen Bedürfnisse der unterschiedlichen Endnutzer, also der betroffenen Bürger, dem Katastrophenschutz sowie der langfristigen Hochwasserschutzplanung zugeschnitten werden sollen. Während beispielsweise die von der EU-Richtlinie geforderten Inhalte von Risikokarten insbesondere für die langfristige Planung von Hochwasserschutzmaßnahmen von Interesse sind, so ist die betroffene Bevölkerung eher an leicht verständlichen Gefahrenkarten interessiert.

Viele Katastrophenschützer hingegen wünschen sich vor allem eine Kombination von Gefahrenkarten mit der Darstellung von Gefahrenschwerpunkten, wie kritischen Infrastrukturen und der Anzahl der zu evakuierenden Personen, aber auch eine Integration von Einsatzinformationen im Katastrophenfall in die Karten, wie z.B. Evakuierungsrouten, Sammelpunkten oder die Lage der Krisenstäbe. Eine Trennung von Risikokartierung und -management, wie in der EU-Richtlinie vorgesehen, erscheint somit zumindest für den Bereich des Katastrophenmanagements nicht sinnvoll.

Auch bei der Visualisierung zeigen die unterschiedlichen Nutzergruppen unterschiedliche Anforderungen. Während Experten im Hochwasserrisikomanagement eher in der Lage sind, komplexe und abstrakte Informationen zu erfassen, benötigt insbesondere die betroffene Bevölkerung ereignisspezifische Karten mit einer intuitiv verständlichen Farbgebung und Symbolik. So erleichtern klare Farbkontraste, leicht verständliche Symbole (z.B. für Evakuierungsrouten und Sammelplätze) sowie Text in der Karte das schnelle Verständnis der wichtigsten Inhalte erheblich. „Im Idealfall sollte eine Hochwasserkarte für die Bevölkerung fast so sein wie eine Straßenkarte: so einfach und schnell zu verstehen, dass man die Legende fast nicht braucht. Das sind einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen, von denen wir denken, dass die Karten so ihrer Aufgabe, die Bürger über die Gefahren durch Hochwasser zu informieren, besser gerecht werden könnten“, erklärt Dr. Volker Meyer vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Bessere Inhalte und Darstellung sind aber nur ein Teil der Lösung des Problems. Denn diese Karten sind ein Teil eines komplexen Kommunikationsprozesses zwischen Behörden und Flussanwohnern, der in beide Richtungen funktionieren sollte. Aus Sicht der Wissenschaftler wäre daher die Erstellung dieser Karten eine gute Gelegenheit, die Bürger an diesen Prozessen teilnehmen zu lassen und damit das, was die EU-Hochwasserrichtlinie fordert – nämlich eine „aktive Einbeziehung der Interessenparteien in die Erstellung, Überarbeitung und Aktualisierung der Risikomanagementpläne“ – zu erfüllen.

Tilo Arnhold

Publikationen:
Meyer, V., Kuhlicke, C., Luther, J., Fuchs, S., Priest, S., Dorner, W., Serrhini, K., Pardoe, J., McCarthy, S., Seidel, J., Palka, G., Unnerstall, H., Viavattene, C., Scheuer, S. (2012): Recommendations for the user-specific enhancement of flood maps. Nat. Hazards Earth Syst. Sci. 12 (5), 1701 - 1716
http://dx.doi.org/10.5194/nhess-12-1701-2012

Volker Meyer, Christian Kuhlicke, Jochen Luther, Herwig Unnerstall, Sven Fuchs, Sally Priest, Joanna Pardoe, Simon McCarthy, Wolfgang Dorner, Johanna Seidel, Kamal Serrhini, Gaëtan Palka, Sebastian Scheuer (2011): CRUE Final Report. RISK MAP - Improving Flood Risk Maps as a Means to Foster Public Participation and Raising Flood Risk Awareness: Toward Flood Resilient Communities.
http://risk-map.org/outcomes/CRUE_RiskMap_FinalReport_final.pdf
Die Untersuchungen wurden im Rahmen des Era-Net CRUE-Projektes RISK MAP durchgeführt, das vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, dem britischen Department for Environment, Food and Rural Affairs (Defra), der britischen Environment Agency sowie dem französischen Ministère de l'Écologie, du Développement durable et de l'Énergie gefördert wurde.

Weitere fachliche Informationen:
Dr. Volker Meyer/ Dr. Christian Kuhlicke/ Dipl.-Geogr. Jochen Luther
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: 0341-235-1641, -1751, -1642
http://www.ufz.de/index.php?de=4715
http://www.ufz.de/index.php?de=14283
http://www.ufz.de/index.php?en=19492
oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1635
http://www.ufz.de/index.php?de=640

Weiterführende Links:
EU-Projekt “RISK MAP - Improving Flood Risk Maps as a Means to Foster Public Participation and Raising Flood Risk Awareness: Toward Flood Resilient Communities”
http://risk-map.org/

Gefahrenkarten für Ortslagen in Sachsen
http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/wasser/8843.htm

Dossier: Hochwasserkarten für eine zielgerichtete Risikokommunikation
http://www.klimanavigator.de/dossier/artikel/012159/index.php

Neues Verfahren ermöglicht Gesamtrisikokarten für Hochwassergebiete (Pressemitteilung vom 18. Mai 2009)
http://www.ufz.de/index.php?de=18112

„Bedingt vorbereitet? 10 Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser“ - ein Standpunkt von Dr. Christian Kuhlicke und Dr. Volker Meyer in der aktuellen Ausgabe des UFZ-Newsletters 6/2012:
http://www.ufz.de/index.php?de=10690

Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 1000 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.
http://www.ufz.de/

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 33.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 18 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,4 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

http://www.helmholtz.de

Tilo Arnhold | Helmholtz-Zentrum
Weitere Informationen:
http://www.helmholtz.de
http://www.ufz.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Forscher gehen Sumatra-Erdbeben auf den Grund
29.05.2017 | MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

nachricht Neue Erkenntnisse zum Meeresspiegel-Anstieg
26.05.2017 | Universität Siegen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften