Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Grösstes Eisschild der Welt reagiert empfindlich auf Klimaerwärmung

29.08.2013
Das Ost-Antarktische Eisschild scheint durch die Klimaerwärmung mehr gefährdet zu sein als bisher angenommen.

Ein internationales Forschungsteam der Universitäten Durham und Zürich hat zum ersten Mal die langzeitliche Entwicklung von Auslassgletschern mittels Satellitenbildern untersucht. Dabei zeigte sich, dass Vorstoss und Rückzug der 175 untersuchten Gletscher eng mit den Klimaveränderungen zusammenhängen.


Eisschelf und Eisberg-Formationen, Princess Elizabeth Land Antarctica
Michael Hambrey


Auslassgletscher am Ost-Antarktischen Eisschild, Wilkes Land
Michael Hambrey

Auslassgletscher, schnell fliessende Gletscherströme, liefern Eis vom Innern des Eisschildes an die Küste, wo es in Form von Eisbergen ins Meer abbricht. Von 175 solchen Gletschern des Ost-Antarktischen Eisschildes entlang einer Küstenlänge von 5400 Kilometer wurden Satellitenbildern aus den letzten 50 Jahren untersucht. Sie zeigen Veränderungen der Zungenposition der Gletscher und synchrone Zeiträume von Vorstoss und Rückzug, welche mit Klimaschwankungen einhergehen. «Wir haben entdeckt, dass diese Auslassgletscher sehr schnell und direkt auf Schwankungen im Klima reagieren», erklärt Prof. Andreas Vieli von der Universität Zürich. «Das bedeutet, dass das Eisschild stärker einer Erwärmung des Klimas ausgesetzt ist als bisher angenommen.»

Trotz grosser Unterschiede in der Längenänderung zwischen einzelnen Gletschern sind drei Perioden mit klaren Tendenzen sichtbar. In den 1970er und 80er Jahren sind die Gletscher unter wärmeren Lufttemperaturen im allgemeinen eher zurückgegangen (63 Prozent), während in den 1990er Jahren die meisten Gletscher unter einer Abkühlung vorgestossen sind (72 Prozent). Seit dem Jahr 2000 sind die Temperaturen und der Anteil von vorstossenden und sich zurückziehenden Gletschern eher ausgeglichen.

Eisschild galt als klima-unempfindlich

Das bis zu 4000 Meter dicke Ost-Antarktische Eisschild hat bisher als eher klima-unempfindlich gegolten. Der Grund dafür war, dass es in der Ostantarktis sehr kalt ist, die Lufttemperaturen liegen auch an der Küste meistens weit unter dem Gefrierpunkt, und deshalb tritt nur sehr selten Eisschmelze auf. Weiter war bekannt, dass solche Auslassgletscher regelmässige Zyklen durchlaufen, mit langzeitigen Vorstössen und schnellen Rückzügen durch einzelne grosse Abbruchereignisse von Eisbergen, welche im einzelnen vom Klima unabhängig erscheinen. «Das beobachtete synchrone Vorstoss- und Rückzugsverhalten der Gletscher, abhängig von den Schwankungen der Lufttemperatur, hat uns deshalb überrascht», sagt Prof. Vieli. Dieses synchrone Verhalten der Gletscher wurde erst klar sichtbar durch die grosse Anzahl untersuchter Gletscher und die Betrachtung von langen Zeiträumen von mehreren Jahrzehnten.

Eine vertiefte Analyse von Klima- und Gletscherdaten hat dann gezeigt, dass nicht nur die Lufttempe-ratur die Gletscher beeinflusst. Vielmehr scheinen auch die Verbreitung des Meereises, die atmo-sphärische Zirkulation und die Ozeantemperatur eine Rolle zu spielen, welche alle im Klimasystem mit der Lufttemperatur gekoppelt sind. Die gesammelten Daten zeigen klar, dass in Zeiten von wärmeren Temperaturen und weniger Meereis mehr Eisberge abbrachen und sich die Gletscher dabei eher zurückgezogen haben; bei einer Abkühlung war das Meereis mehr verbreitet und die Gletscher sind tendenziell eher vorgestossen.

Weitere Studien notwendig

Die Resultate der Studie legen nahe, dass bei einer Klimaerwärmung die Auslassgletscher relativ schnell durch einen Rückzug reagieren könnten. Damit könnten sie über dynamische Rückkopplungseffekte, wie zur Zeit beobachtet in Grönland, auch das Inlandeis des Ost-Antarktischen Eisschildes angreifen. Dies ist insofern von Bedeutung, als ein hypothetisches totales Verschwinden dieses Eisschildes den Meeresspiegel um mehr als 50 Meter ansteigen lassen würde. Die Forscher mahnen aber, ihre Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren und betonen, dass das Verhalten dieser Auslassgletscher im Zusammenhang mit dem Klima noch genauer untersucht und besser verstanden werden muss.

Literatur:

Miles B.W.J., Stokes C.R., Vieli A., Cox N.J., ‚Rapid Changes in Outlet Glaciers on the Pacific Coast of East Antarctica Driven by Climate’, Nature, doi: 10.1038/nature12382.

http://dx.doi.org/10.1038/nature12382

Kontakt:

Prof. Andreas Vieli
Geographisches Institut
Universität Zürich
Tel. +41 44 635 51 20
Nat. +41 76 732 75 70
E-Mail: andreas.vieli@geo.uzh.ch

Beat Müller | Universität Zürich
Weitere Informationen:
http://www.uzh.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie