Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gab es Leben auf dem Mars?

02.12.2014

Neue Erkenntnisse zu organischem Kohlenstoff im Meteoriten Tissint

Im Juli 2011 schlug der Marsmeteorit Tissint in Marokko auf. Ein internationales Forschungsteam hat in Gesteinsproben des Meteoriten organischen Kohlenstoff gefunden und ihn in Zusammenhang mit den umgebenden Mineralien präzise untersucht.


Foto eines Stücks des Marsmeteoriten Tissint, das nur 327 Gramm wiegt. Dunkle Flecken und Adern auf der gebrochenen Oberfläche sind durch Schmelzprozesse bei einem Schockereignis auf dem Mars entstanden. An der linken Seite sieht man dunkle Fusionskruste.

Foto: Hui Ren, Institut für Geologie und Geophysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking.


Prof. Dr. Ahmed El Goresy, Bayerisches Geoinstitut, Universität Bayreuth.

Foto: Chr. Wißler, Universität Bayreuth;

zur Veröffentlichung frei.

In der Zeitschrift „Meteoritic and Planetary Science (MAPS)“ werden die neuen Ergebnisse vorgestellt. Gewichtige Gründe sprechen dafür, dass der Kohlenstoff auf dem Mars entstanden ist. Die Mitglieder des Forschungsteams sind überzeugt, dass sich ihre Ergebnisse besser durch Lebensprozesse als durch abiotische Prozesse erklären lassen. Sie schließen aber die Möglichkeit nicht völlig aus, dass der Kohlenstoff aufgrund abiotischer Prozesse entstanden ist.

Ein international hochgeschätzter Wissenschaftler

Seitens der Universität Bayreuth hat Prof. Dr. Ahmed El Goresy in dem internationalen Team mitgearbeitet und zu den neuen Erkenntnissen wesentlich beigetragen. Seit 2005 ist er als Gastprofessor am Bayerischen Geoinstitut (BGI), einem internationalen Forschungszentrum der Universität Bayreuth, tätig. Die Meteoritical Society, der führende internationale Fachverband für die Erforschung von Meteoriten und Planeten, hat ihm 2013 die Leonard-Medaille verliehen – die höchste Auszeichnung, die auf dem Gebiet der Meteoritenforschung vergeben wird.

Organischer Kohlenstoff, auf dem Mars entstanden

Es war der Forschung bereits bekannt, dass der Meteorit Tissint – ebenso wie 12 andere Marsmeteoriten, die zuvor gefunden wurden – organischen Kohlenstoff enthält. Umstritten war allerdings immer die Frage, ob sich dieser Kohlenstoff möglicherweise erst nach dem Aufprall auf der Erde gebildet hat. Die Autoren der jetzt in MAPS erschienenen Publikation verweisen auf die kurze Zeit, die zwischen dem Aufprall und dem Fund des Tissint verging, und argumentieren dafür, dass jedenfalls der von ihnen entdeckte und auf seine Strukturen hin untersuchte organische Kohlenstoff nicht auf der Erde, sondern in einer viel früheren Phase des Mars entstanden ist, nämlich vor einigen hundert Millionen Jahren.

Hierfür führen sie insbesondere drei gewichtige Gründe an:

(1) Organischer Kohlenstoff befindet sich in winzigen Gesteinsadern des Tissint, die sich bei einem schockartigen Schmelzprozess gebildet haben müssen. Es ist unplausibel anzunehmen, dass ein derartiger Prozess in dem marokkanischen Wüstengebiet, wo der Meteorit niederging, stattgefunden hat.

(2) Einige Kohlenstoffkörner existieren in den Gesteinsadern des Tissint in Form von Diamant. Es sind keine Bedingungen bekannt, unter denen auf der Oberfläche dieses nordafrikanischen Gebiets Diamant entstanden sein könnte.

(3) Der organische Kohlenstoff im Tissint enthält einen sehr hohen Anteil an Deuterium; also eines schweren Wasserstoffisotops, dessen Atomkern ein Proton und ein Neutron enthält.

„Eine derart enorme Anreicherung mit Deuterium ist der typische ‚Fingerabdruck‘ von Marsgestein, den wir bereits von früheren Messungen kennen“, erklärt El Goresy.

Biotischer Ursprung mit den Forschungsergebnissen gut vereinbar

Ist der im Tissint enthaltene organische Kohlenstoff biotischen Ursprungs? Hat es in jener frühen Phase des Mars Mikroorganismen gegeben, die zu seiner Entstehung beigetragen haben? Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass diese Annahme mit ihren Forschungsergebnissen gut vereinbar ist. Zudem haben sie mit Nano-Sekundärionen-Massenspektroskopie (NanoSIMS) einen auffallend geringen Anteil des Kohlenstoff-Isotops 13C festgestellt: ein Indiz, das die Annahme von Lebensprozessen unterstützt. Die Isotopensignatur des organischen Kohlenstoffs im Tissint zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit Isotopensignaturen, die bei biotischen Aktivitäten auf der Erde beobachtet wurden.

„Wir können und wollen aber nicht völlig ausschließen, dass der organische Kohlenstoff im Tissint einen abiotischen Ursprung hat,“ sagt Prof. Dr. Yangting Lin, der Seniorautor der Studie. Er ist Professor am Institut für Geologie und Geophysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking und erklärt: „Es könnte möglich sein, dass der organische Kohlenstoff durch kohlenstoffhaltige Chondriten – also kleine Meteoriten – entstanden ist, die auf der Marsoberfläche eingeschlagen sind. Allerdings ist es schwer vorstellbar, wie dies geschehen sein könnte.“ Von einigen Wissenschaftlern wurde bisher die Auffassung vertreten, der Kohlenstoff im Tissint sei in heißem Magma synthetisiert worden, das in die Gesteinsadern eingedrungen sei. Diese Möglichkeit aber konnte von dem internationalen Forschungsteam widerlegt werden.

Unterstützung vom Bayerischen Geoinstitut an der Universität Bayreuth

„Es freut uns sehr und wir sind auch ein wenig stolz darauf, dass Prof. Ahmed El Goresy
als langjähriger Gastprofessor des Bayerischen Geoinstituts zu den jetzt publizierten Ergebnissen erheblich beitragen konnte“, freut sich der Direktor des BGI, Prof. Dr. Tomo Katsura, und fährt fort: „Seitens des BGI wollen wir seine Untersuchungen an Marsmeteoriten auch künftig unterstützen. Dies gilt sowohl bei der optimalen Präparation von Gesteinsproben als auch hinsichtlich der Forschungstechnologien, die bei der Untersuchung dieser Proben zum Einsatz kommen, um zu einem besseren Verständnis der Ursprünge von organischem Kohlenstoff in Marsmeteoriten zu gelangen.“ „Unser exzellentes Präparationslabor am BGI gewährleistet, dass die Proben nicht kontaminiert sind, bevor sie untersucht werden“, ergänzt El Goresy.

Meteoritenforschung: Analysen unzerstörter Materie

Die Autorinnen und Autoren der MAPS-Publikation sehen keine Rivalität zwischen der Erforschung von Marsmeteoriten und den Gesteinsuntersuchungen an der Marsoberfläche, die von der U.S.-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA im Rahmen des Mars Science Laboratory (MSL) durchgeführt werden. „Mars-Rover wie die ‚Curiosity‘ stellen einen phantastischen technologischen Fortschritt dar. Sie leisten eine sehr wertvolle Arbeit hinsichtlich der Frage, ob es auf dem Mars günstige Bedingungen für Leben gibt oder gab“, meint El Goresy.

„In einem Punkt allerdings ist die Meteoriten-Forschung bislang überlegen. Die Mars-Rover sammeln, pulverisieren und analysieren große Probenmengen, so dass sie nur Durchschnittswerte bezüglich ihrer Zusammensetzung ermitteln können. Mikroskopische und in situ spektroskopische Untersuchungen ermöglichen hingegen Analysen von unzerstörten individuellen Kohlenstoffkörnern an genau dem Ort, wo sie vorkommen“, so der Bayreuther Meteoritenforscher.

Veröffentlichung:
Yangting Lin et al.,
NanoSIMS analysis of organic carbon from the Tissint Martian meteorite: Evidence for the past existence of subsurface organic-bearing fluids on Mars,
Meteoritics & Planetary Science, Volume 49, Issue 12, pages 2201–2218, December 2014 DOI: 10.1111/maps.12389

An den hier publizierten Forschungsergebnissen sind folgende Einrichtungen in China, Deutschland, Japan und der Schweiz beteiligt: Chinesische Akademie der Wissenschaften mit geowissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Peking, Guiyang und Guangzhou; Bayerisches Geoinstitut (BGI), Universität Bayreuth; Tohoku University, Sendai, Japan; École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL).

Kontakt:
Prof. Dr. Ahmed El Goresy
Bayerisches Geoinstitut (BGI), Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Tel: ab 2.12. bis 4.12.2014 wg. Konferenzteilnahme im Institut für Geowissenschaften
der Universität Heidelberg +49 (0) 6221 548291, danach: +49 (0) 921 553726
E-Mail: ahmed.elgoresy@uni-bayreuth.de (ab 5.12.)
oder ab 2.12. 2014 an: christian.wissler@uvw.uni-bayreuth.de

Christian Wißler | Universität Bayreuth

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Knapp neun Milliarden Tonnen mehr CO2 durch El Niño
19.10.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Satelliten erfassen Photosynthese mit hoher Auflösung
13.10.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie