Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ewiges Eis ist nicht ewig: West-Antarktis könnte komplett schmelzen

03.11.2015

Der riesige Eispanzer der westlichen Antarktis könnte vollständig verschwinden, wenn dort das vergleichsweise winzige Amundsen-Becken instabil würde, so haben Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung jetzt berechnet. Gelangt all dies Eis in den Ozean, steigt der Meeresspiegel um rund drei Meter. Einige vor wenigen Monaten veröffentlichte Studien deuten darauf hin, dass dieses Gebiet des Eiskontinents seine Stabilität bereits verloren habe – damit wäre das erste Element des Erdsystems tatsächlich gekippt.

Die neue Veröffentlichung zeigt zum ersten Mal die Folgen einer solchen Entwicklung. Wenige Jahrzehnte Erwärmung des Ozeans können einen über Jahrhunderte und Jahrtausende andauernden Eisverlust auslösen, so die Computersimulationen.


Wenige Jahrzehnte Ozean-Erwärmung könnten zu einem völligen Eisverlust in der West-Antarktis führen (mehr Informationen zur Abbildung: Fig. 1 im Artikel)

„Was wir das ewige Eis der Antarktis nennen, erweist sich leider als keineswegs ewig“, sagt Johannes Feldmann, Leitautor der jetzt in den ‚Proceedings’ der US-National-Akademie der Wissenschaften (PNAS) erscheinenden Untersuchung.

„Wird der Naturzustand der Eismassen einmal gestört, und genau das passiert heute, so reagieren sie in nicht-linearer Weise: nach einer langen Zeit ohne große Veränderungen bricht ihre Stabilität ziemlich rasch zusammen.“

Deshalb spricht man von Kipp-Elementen: werden sie zu stark angestoßen, fallen sie in einen anderen Zustand. Dies trifft beispielsweise auch auf den Amazonas-Regenwald zu, und auf das indische Monsun-System. In der Antarktis nimmt dann der natürliche Eisfluss in den Ozean deutlich und dauerhaft zu.

„Wenige Jahrzehnte Schmelzen stoßen eine Jahrtausend-Veränderung an“

Die Erwärmung des Ozeans schmilzt langsam von unten die vom Festland ins Meer ragenden und aufschwimmenden Eis-Schelfe. Große Teile des Eises der West-Antarktis ruhen auf einem Felsbett, das sich unterhalb des Meeresspiegels befindet. Eisverlust an den Rändern führt dazu, dass sich Stück für Stück die Aufsetzlinie des Land-Eises ins Landesinnere verschiebt. Weil der Boden hier abfällt statt ansteigt, wird eine immer dickere Eiskante dem wärmeren Meereswasser ausgesetzt – was den Eisverlust weiter beschleunigt.

„In unseren Simulationen genügen 60 Jahre des Abschmelzens in der heute beobachtbaren Rate, um einen dann nicht mehr zu stoppenden Prozess des Eisverlustes auszulösen, der tausende von Jahren anhält“, erklärt Feldmann. Dies würde letztlich zu einem Anstieg des Meeresspiegels von mindestens drei Metern führen. „Natürlich läuft das über sehr lange Zeiträume ab“, so Feldmann. „Aber es beginnt mit uns.“

Der Faktor Treibhausgase

„Bislang fehlen uns die Belege, um sagen zu können, ob der Stabilitätsverlust des Amundsen-Eises von den Treibhausgasen und der entsprechenden weltweiten Erwärmung ausgelöst wurde“, sagt Ko-Autor Anders Levermann, der als Meeresspiegel-Experte am jüngsten Bericht des Weltklimarats IPCC mitgearbeitet hat. „Klar ist aber, dass ein weiterer Ausstoß von Treibhausgasen das Risiko eines Kollapses der West-Antarktis erhöht – und damit das eines unaufhaltsamen Anstiegs des Meeresspiegels.“

„Vor dem Meeresspiegelanstieg muss man keine Angst haben, aber er ist etwas worum man sich kümmern muss“, so Levermann. „Der Meeresspiegel steigt langsam an, aber dabei zerstört er unser Menschheits-Erbe; Küstenmetropolen wie Hamburg und New York, die Teile unseres kulturellen Erbes der Zukunft tragen – wenn wir nicht die CO2-Emissionen rasch reduzieren.“

Artikel: Feldmann, J., Levermann, A. (2015): Collapse of the West Antarctic Ice Sheet after local destabilization of the Amundsen Basin. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS, Online Early Edition) [DOI: 10.1073/pnas.1512482112]

Weblink zum Artikel, sobald er veröffentlicht ist: www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1512482112

Kontakt für weitere Informationen:
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Pressestelle
Telefon: +49 (0)331 288 2507
E-Mail: presse@pik-potsdam.de
Twitter: @PIK_Klima

Mareike Schodder | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Tonmineral bewässert Erdmantel von innen
20.11.2017 | Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY

nachricht Neue Einblicke in das 2004 Sumatra-Erdbeben
14.11.2017 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie