Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

260 Millionen Jahre alte Reptilien aus Russland mit ersten modernen Ohren

14.09.2007
Die Entdeckung der ältesten bekannten Ohren bei mehr als 260 Millionen Jahre alten fossilen Reptilien versetzt den Ursprung des modernen Gehörs unerwartet weit zurück in die evolutionäre Frühzeit der Landwirbeltiere und gibt erste Hinweise auf eine für die damalige Zeit revolutionäre Überlebensstrategie: Nachtaktivität.

In einer gerade veröffentlichten Studie im Fachmagazin "PLoS One" berichten Johannes Müller und Linda Tsuji vom Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität Berlin über in Russland gefundene Reptilien aus der Zeit des Perm, die überraschenderweise alle Eigenschaften eines modernes Gehörs besessen haben.

Ursprünglich waren die ersten voll ans Landleben angepassten Vorfahren der Säugetiere, Reptilien und Vögel weitgehend taub und vertrauten hauptsächlich auf das Sehen, um sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Heutige Landwirbeltiere besitzen jedoch einen sogenannten Impedanz-wandelnden Gehörapparat, welcher Schallwellen aus der Luft über ein Trommelfell bündelt und über knöcherne Verbindungen zur Signalverarbeitung ins Gehirn weiterleitet.

Obwohl das Hören in der heutigen Zeit enorm wichtig für den Beuteerwerb oder die Kommunikation ist, wurde bisher angenommen, dass dieses sich erst kurz vor dem Entstehen der Dinosaurier vor wenig mehr als 200 Millionen Jahren ausbildete. Jedoch beweisen die Fossilien aus Russland, dass modernes Hören schon wesentlich früher entstanden sein muss: bei allen für die Studie untersuchten Fossilien war die Schläfe offenbar von einem breiten Trommelfell bedeckt, und eine den menschlichen Gehörknöchelchen vergleichbare Knochenstruktur verband jenes mit dem Innenohr und dem Gehirn. Johannes Müller und Linda Tsuji verglichen die aus den fossilen Strukturen ableitbaren Hörfähigkeiten mit denen von modernen Wirbeltieren und kamen zu dem Schluss, dass die fossilen Reptilien aus Russland mindestens ebenso gut hören konnten wie zum Beispiel eine heutige Eidechse.

Aber was war der Grund für die Entwicklung dieser Ohren? "Natürlich ist diese Frage nicht leicht zu beantworten," sagt Johannes Müller, " aber wenn man sich heute lebende Tiere mit exzellentem Gehör anschaut, wie z.B. Katzen, Eulen oder Geckos, dann fällt auf, dass diese Tiere allesamt nacht- oder dämmerungsaktiv sind. Vermutlich trifft das auch auf die fossilen Reptilien aus Russland zu." In der Tat zeigen alle untersuchten Fossilien nicht nur ein gut entwickeltes Gehörorgan sondern auch deutlich vergrößerte Augenöffnungen, was ebenfalls typisch für eine nachtaktive Lebensweise ist. Eine derartige Anpassung in diesem frühen evolutionären Stadium der Landwirbeltiere ist überraschend, denn wechselwarme Reptilien benötigen normalerweise viel Sonnenlicht um eine gesunde Körpertemperatur aufrechterhalten zu können. Daher war der erste Schritt ins Nachtleben sicher nicht einfach.

Die Entdeckung eines modernen Gehörapparats bei permischen Wirbeltieren liefert unerwartet neue Einblicke in die Evolution der frühen festländischen Ökosysteme, welche weit weniger primitiv zu sein scheinen als bisher vermutet. Der ökologische Wettkampf zwischen den damals lebenden Arten war wahrscheinlich schon weitgehend mit den heutigen Verhältnissen vergleichbar, und evolutionäre Neuheiten waren notwendig, um sich im Überleben einen Vorteil zu verschaffen. Letztlich waren es diese Innovationen, die den Weg zu unserer heutigen Umwelt geebnet haben.

Kontakt:
Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin,
Invalidenstrasse 43, 10115 Berlin
Wissenschaftler:
Dr. Johannes Müller
Tel. +49 (0)30 - 2093 8805 Fax: +49 (0)30 - 2093 8868, johannes.mueller@museum.hu-berlin.de
Pressesprecherin:
Dr. Gesine Steiner,
Tel.: +49 (0)30 - 2093 8917 Fax : +49 (0)30 - 2093 8914, gesine.steiner@museum.hu-berlin.de

Dr. Gesine Steiner | idw
Weitere Informationen:
http://www.museum.hu-berlin.de
http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Ohren

Weitere Berichte zu: Fossilien Gehör Landwirbeltier Reptil Russland

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Expedition ans Ende der Welt
29.11.2016 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lakkolithe können auch während eines Vulkanausbruchs entstehen
24.11.2016 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie