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Sensationsfund: Die "Mini-Dinosaurier" aus dem Harz

08.06.2006


Als man 1998 in einem Steinbruch am nördlichen Harzrand ungewöhnlich kleine Dinosaurierfossilien entdeckte, ging man zunächst davon aus, man sei auf eine Gruppe von Jungtieren gestoßen. Ein Trugschluss, wie nun der Bonner Paläontologe Dr. Martin Sander festgestellt hat: Die Feinstruktur der Knochen lasse mit großer Sicherheit darauf schließen, dass die Tiere ausgewachsen gewesen seien - eine wissenschaftliche Sensation: Mit einem geschätzten Maximalgewicht von einer Tonne wären sie nur knapp ein Fünfzigstel so schwer gewesen wie ihre nächsten Verwandten, die Brachiosaurier, und damit bei weitem die kleinsten Riesendinosaurier, die je gefunden wurden. Die Studie erscheint am Donnerstag, 8. Juni, in der Fachzeitschrift "Nature".


Der Dinopark Münchehagen hat angesichts der aktuellen Erkenntnisse neue Modelle einer Europasaurus-Gruppe angefertigt. Zu sehen sind Tiere verschiedener Altersstufen. Modell und Foto: Dinopark Münchehagen


Knochenstruktur von Europasaurus im mikroskopischen Bild. Die Wachstumsmarken sind gut zu erkennen. Sie ähneln den Jahresringen von Bäumen. Foto: Dr. Martin Sander, Universität Bonn



In Dino-Knochen gibt es so genannte Wachstummarken, ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen. In der Jugend liegen sie vergleichsweise weit auseinander, weil das Tier noch schnell wächst. Hat der Saurier seine Maximalgröße erreicht, rücken die Marken entsprechend eng aneinander. "Und genau diese dicht gedrängten Marken haben wir knapp unter der Oberfläche der fossilen Knochen entdeckt", sagt der Bonner Privatdozent Dr. Martin Sander, einer der wenigen Experten weltweit für die Feinstruktur der Dino-Gebeine. "Die Tiere müssen also ausgewachsen gewesen sein, als sie starben." Damit ist die neu entdeckte Gattung im Vergleich zu den übrigen Riesendinosauriern ein Zwerg: Die Tiere wurden kaum länger und schwerer als ein Pkw. "Bei sechs Metern Länge und einer Tonne Körpermasse war Schluss", schätzt Sander. Ihre Verwandten wurden hingegen bis zu 45 Meter lang und brachten 80 Tonnen auf die Waage - soviel wie die Bewohner einer Kleinstadt mit über 1.000 Einwohnern. Sie sind die größten Landtiere, die jemals gelebt haben.

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Elefanten klein wie Bernhardiner und der "Hobbit von Flores"

Die 150 Millionen Jahre alten Knochenfunde galten schon zuvor als wissenschaftliche Rarität: Zu jener Zeit lagen weite Teile Deutschlands unter Wasser. Nur wenige Inseln erhoben sich über den Meeresspiegel - so auch die Region um Oker. Dinosaurier sind aber Landtiere; entsprechend selten sind Fossilfunde in Deutschland. Gerade diese Situation ist aber der Grund dafür, dass die "Saurier-Pygmäen" entstanden: Als der Meeresspiegel stieg und mehr und mehr Land den Fluten zum Opfer fiel, wurden die Nahrungsressourcen knapp. "Daher entstand ein enormer Selektionsdruck: Kleine Tiere, die weniger Nahrung benötigten, hatten bessere Überlebenschancen", erklärt Nils Knötschke vom Dinosaurier-Freilichtmuseum Münchehagen, der mehr als 80 Prozent der gefundenen Knochen präpariert hat und auch die Ausgrabungen im Steinbruch leitete. "Eine derartige Größenabnahme bei eingeschränktem Nahrungsangebot kann extrem schnell erfolgen, manchmal innerhalb von 10 oder 20 Generationen", bestätigt Dr. Sander. So hätten die Engländer einst Hirsche auf den Shetland-Inseln ausgesetzt, die sich binnen kurzer Zeit zu Zwergformen entwickelt hätten. Auf den Inseln des heutigen Indonesiens gab es gar Zwergelefanten, die mit 90 Zentimeter Schulterhöhe kaum größer waren als ein Bernhardiner - klein genug, um dem "Drachen des Orients", dem Komodo-Waran, als Nahrung zu dienen. Dazu passt auch ein Fund, den Wissenschaftler im vergangenen Jahr ebenfalls in der Zeitschrift "Nature" publizierten: Auf der indonesischen Insel Flores hatten sie 18.000 Jahre alte Knochen eines menschlichen "Zwergs" entdeckt. Dieser "Hobbit von Flores" wurde nur einen Meter groß.

Taufpate: Christian Wulff

Entdeckt wurden die Sensationsknochen bereits vor acht Jahren: Im September 1998 war der Hobby-Paläontologe Holger Luedtke im Steinbruch Langenberg bei Oker am nördlichen Harzrand auf Zähne und andere Überreste eines pflanzenfressenden Dinosauriers gestoßen. Das Tier erhielt den vorläufigen Namen "Hanna"; "Taufpate" wurde der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff. "Hanna" wird nun einen neuen wissenschaftlichen Namen bekommen: Der Mini-Dino soll zu Ehren seines Entdeckers "Europasaurus holgeri" heißen.

Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat in dem Steinbruch seit 1998 auf Einladung des "Vereins zur Förderung der niedersächsischen Paläontologie e.V." über 1.000 Saurierfossilien geborgen und präpariert. Aufgrund der geringen Größe nahm man damals noch an, auf eine Herde von Jungtieren gestoßen zu sein. Die wissenschaftliche Beschreibung der neuen weltweit einzigartigen Insel-Dinosaurier Gattung wurde von Dr. Octávio Mateus vom Museu da Lourinha in Portugal geleitet. Der Paläontologe Thomas Laven beschäftigte sich eingängig mit "Hannas" Schädel: Es ist bislang der einzige Schädelfund eines sauropoden Dinosauriers in Europa. Laven fertigte Rekonstruktionszeichnungen an, nach denen inzwischen naturgetreue Modelle des Mini-Dinosauriers erstellt wurden. Sie sind im Dinopark Münchehagen (http://www.dino-park.de/) zu bewundern. Der Steinbruch im Harz hat sich derweil als ein wahres Dino-"El Dorado" entpuppt - mit wunderschönen Fossilfunden von Flugsauriern, Krokodilen und Schildkröten. Sogar die Fußabdrücke gefährlicher Raubsaurier fand man an den Steilwänden des Steinbruchs. Damit gehört diese Fundstelle zu einer der wenigen weltweit, in der die Knochen und die Fußabdrücke von Dinosauriern gemeinsam vorkommen - ein wahrer "Jurassic-Harz", vom dem Steven Spielberg geträumt hätte.

Bone histology indicates insular dwarfism in a new Late Jurassic sauropod dinosaur/ P. Martin Sander, Octávio Mateus, Thomas Laven & Nils Knötschke (Nature 2006)

Kontakt:
Dr. Martin Sander
Institut für Paläontologie
Telefon: 0228/73-3105
E-Mail: martin.sander@uni-bonn.de

Dinosaurierpark Münchehagen
Telefon: 05037/2073
Fax: 05037/5739
E-Mail: dino-park@t-online.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2006/229.html

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