Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mehr als 80 Meteoritenkrater rund um den Chiemsee entdeckt

25.10.2004


Nahe beim Chiemsee fand zur Zeit der Kelten ein gewaltiger Meteoriteneinschlag statt. Diese Erkenntnis stammt von einem bayerischen Forscherteam und wird jetzt von der US-Fachzeitschrift "Astronomy" vorgestellt.


Die Chiemgau-Krater liegen in einem ellipsenförmigen Streufeld. Die größten finden sich direkt beim Chiemsee, die kleineren liegen nordöstlich davon. Grafik: Rappenglück


Dieser Meteoriten-Einschlagskrater mit dem typischen Ringwall und einem Durchmesser von sechs Metern liegt bei Hohenwart im Chiemgau. Foto: Chiemgau Impact Research Team



Die Forscher entdeckten im Südosten von Bayern mehr als 80 Krater mit Durchmessern von drei Metern bis zu einem halben Kilometer. Sie haben Hinweise, dass alle Krater durch Bruchstücke eines einzigen Kometen verursacht wurden. Dem Team gehören auch die Geowissenschaftler Kord Ernstson und Ulrich Schüßler von der Uni Würzburg an.

... mehr zu:
»Chiemsee »Krater


Die Krater befinden sich in einem ellipsenförmigen Areal, 58 Kilometer lang und 27 breit - ein so genanntes Streufeld. Es entstand, nachdem ein Komet beim Eintritt in die Atmosphäre explodiert war. Seine mächtigsten Bruchstücke gingen rund um den Chiemsee nieder, dort befinden sich die größten Krater. Dagegen flogen die kleineren Fragmente nicht so weit, sie landeten in der Inn-Salzach-Region nordöstlich des Sees. "Also kam der Meteorit von Nordosten", so der Würzburger Geologe und Geophysiker Kord Ernstson, der sich seit 30 Jahren wissenschaftlich mit Meteoriteneinschlägen befasst.

Ernstson zufolge besitzen alle Krater einen typischen Ringwall, sofern sie nicht durch landwirtschaftliche Tätigkeiten eingeebnet wurden. Ebenfalls eindeutige Zeichen: In den Kratern finden sich eine Ascheschicht sowie extrem deformierte Steine und auch "Gerölle, die völlig glatt mit Glas überzogen sind", wie Ernstson beschreibt. Zu dieser Verglasung kommt es, wenn Steine durch eine kurzzeitige, extreme Hitzeeinwirkung angeschmolzen werden. Außerdem fanden die Forscher im Bereich der Krater metallhaltiges Material, das Analysen zufolge von dem eingeschlagenen Himmelskörper herzuleiten ist. Etwas ganz Besonderes in diesem Material sind Stoffe, die noch aus der Zeit stammen könnten, in der sich unser Sonnensystem gebildet hat.

Die geochemischen Untersuchungen erledigt der Würzburger Mineraloge Ulrich Schüßler, der vor einigen Wochen zur Forschungsgruppe dazugestoßen ist. Er nahm sich Schottermaterial aus den Kratern vor und fertigte davon Dünnschliffe an - hauchdünn abgeschliffene Gesteinsplättchen, die sich dann mikroskopisch und mit einer so genannten Mikrosonde chemisch analysieren lassen. Auch seine Forschungen bestätigen, dass die Gesteinsbrocken einem thermischen Schock ausgesetzt waren, also einer kurzzeitigen und extremen Erhitzung auf bis zu mehrere tausend Grad Celsius.

Die Wissenschaftler nehmen an, dass der Meteorit in der Keltenzeit niederging, möglicherweise um 200 vor Christi Geburt. Darauf weisen mehrere Indizien hin. Unter anderem werteten bayerische Hobby-Archäologen nahe bei einem Krater einen Depotfund aus und fanden darin keltische Bronzestücke - Nägel, Ringe und anderes - die alle einseitig angeschmolzen waren. Als Ursache dafür kommt den Entdeckern zufolge nur ein Ereignis mit plötzlicher starker Hitzeentwicklung in Betracht.

Es waren genau diese Hobby-Archäologen (Werner Mayer, Gerhard Benske, Rudolf Beer, Christian Siegl, Ralph Sporn und Thomas Bliemetsrieder), die die ganze Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hatten. Im Jahr 2000 stießen sie bei archäologischen Erkundungen im Chiemgau immer wieder auf eigenartiges metallisches Material, das über große Flächen verbreitet und auch in größeren Tiefen zu finden war. Stets fanden sie das rätselhafte Material in der Nähe von kraterförmigen Strukturen - so kamen sie auf die Idee, dass hier ein Meteoritenschauer niedergegangen sein könnte und führten umfangreiche Geländeuntersuchungen durch.

Zusammen mit dem Astronomen Michael Rappenglück aus Gilching suchten sie außerdem nach einem Geologen, der in Sachen Meteoriteneinschläge bewandert ist, und stießen über das Internet auf Kord Ernstson. Das war im Sommer 2004. Nach gemeinsamen Geländebegehungen bestätigte der Würzburger Wissenschaftler zweifelsfrei, dass es sich bei den Kratern um Meteoriteneinschläge handelt. Im Verein mit Michael Rappenglück, Werner Mayer, Gerhard Benske und Ulrich Schüßler wurde schließlich der Bericht erarbeitet, der jetzt in "Astronomy" nachzulesen ist.

"Did the Celts see a comet impact in 200 B.C.? A new-found field of impact craters may mark the site of a recent comet strike", The Chiemgau Impact Research Team, Astronomy, online publiziert am 14. Oktober 2004.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Kord Ernstson, T (0931) 4070115 oder 85285, E-Mail: kord@ernstson.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.impaktstrukturen.de
http://www.ernstson.de

Weitere Berichte zu: Chiemsee Krater

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik