Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verhaltensforscher und Neurowissenschaftlerin gewinnen DPZ-Förderpreis 2011

27.10.2011
Martin Surbeck und Stephanie Westendorff gewinnen jeweils 1000 Euro und ein sechsmonatiges Stipendium an einem Institut eigener Wahl

Eine herausragende Forschungsarbeit mit oder über nicht-menschliche Primaten abgeschlossen zu haben – das ist die Voraussetzung, um eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Nachwuchswissenschaftler in Deutschland zu gewinnen, den Förderpreis des Deutschen Primatenzentrums (DPZ).

In diesem Jahr wird der Preis ausnahmsweise zwei Mal vergeben, an Martin Surbeck vom MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und an Stephanie Westendorff vom DPZ in Göttingen. Sie erhalten jeweils 1000 Euro und ein sechsmonatiges Stipendium, um an einem Institut eigener Wahl ein primatenbezogenes Forschungsprojekt durchzuführen. Die Preisverleihung mit Vorträgen der Gewinner findet am 1. November um 18:15 Uhr im Hörsaal des Deutschen Primatenzentrums, Kellnerweg 4, in Göttingen statt. Besucher sind herzlich zu der Veranstaltung eingeladen.

Martin Surbeck (35) hat an der Universität Zürich Zoologie studiert und in Bangalore, Indien, seine Diplomarbeit über Fortpflanzungsstrategien von Wespen angefertigt. Nach anschließendem Abschluss des Lehramtsstudiums ging er ans Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie nach Leipzig, um dort zu promovieren. Seine im September abgeschlossene Doktorarbeit beschäftigt sich mit Dominanzverhalten und Aggressivität bei Bonobos.

Den zu den Menschenaffen gehörenden Bonobos sagt man nach, dass sie besonders friedfertig seien, was sich auch darin äußere, dass sie keine anderen Affen jagen. Dass dies nicht stimmt, konnte Surbeck zeigen: Eine von ihm beobachtete, wildlebende Bonobogruppe hat sehr wohl andere Affen verfolgt und dabei keine Sympathie für die Opfer gezeigt. In seiner Doktorarbeit hat Martin Surbeck das Konkurrenzverhalten von wildlebenden Bonobomännchen in einem Zeitraum von zwei Jahren erstmals systematisch anhand von Verhaltensbeobachtungen und Hormonmessungen untersucht. Die Resultate zeigen, dass Bonobomännchen eine lineare Dominanzhierarchie formen, die sich im Zugang zu attraktiven Weibchen widerspiegelt. Ranghohe Männchen, welche allgemein aggressiver sind als niederranginge Männchen, kopulieren häufiger mit fruchtbaren Weibchen und die Aggressivität steigt bei allen Männchen an, wenn die Weibchen sich dem Konzeptionszeitpunkt nähern. Bonobos weisen also Merkmale von Arten auf, in welchen die Männchen aggressiv um den Zugang zu Weibchen konkurrieren. Daneben zeigte Surbeck, dass verschiedene zwischengeschlechtliche Beziehungen ebenfalls eine wichtige Rolle in der Paarungskonkurrenz spielen: So führen interessanterweise unter anderem Interventionen von Müttern in den Paarungswettbewerb ihrer adulten Söhne dazu, dass auch rangniedrige Männchen zu Kopulationen mit attraktiven Weibchen kommen. Dies verringert den Effekt des Dominanzranges auf den Kopulationserfolg von Männchen. Daneben deuten Testosteronwerte darauf hin, dass die zwischengeschlechtlichen Beziehungen zu potentiellen Sexualpartnern zu aggressives Verhalten während dem Paarungswettbewerb verhindern.

„Die Verhaltensdaten geben völlig neue Einblicke in die zwischengeschlechtlichen Beziehungen erwachsener Gruppenmitglieder und beleuchten Aspekte wie beispielsweise die mütterliche Unterstützung von erwachsenen Söhnen, die auch für andere Arten relevant sein dürften, bislang in der Primatenforschung jedoch keine oder nur wenig Beachtung fanden“, sagte Christophe Boesch, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.

Stephanie Westendorff (30) aus Essen hat an der Ruhr-Universität Bochum Biologie studiert. Schon in dieser Zeit hat sie sich für die Elektrophysiologie interessiert, also für die Technik, mit der man die Aktivität von Nervenzellen messen kann. Nach einem dreimonatigen Forschungsaufenthalt an der Queens-Universität in Kingston, Kanada, stand ihr Entschluss fest, auch ihre Doktorarbeit auf diesem Gebiet anzufertigen. In der Arbeitsgruppe von Alexander Gail am Deutschen Primatenzentrum bot sich der Hobby-Fußballerin dann die Gelegenheit, im Bereich der Kognitiven Neurowissenschaften zu promovieren. „Die Aussicht, die Aktivität einzelner Nervenzellen zu messen und gleichzeitig das Verhalten der Tiere beobachten zu können und so mehr über die Planung von Bewegungen zu lernen, war sehr reizvoll für mich“, so Westendorff.

In ihrer mit „summa cum laude“, der höchsten Auszeichnung, bewerteten Doktorarbeit hat sie untersucht, wie das Primatengehirn zielgerichtete Armbewegungen plant und steuert. Bewegungen sind meist genau auf die visuelle Wahrnehmung abgestimmt – wir sehen zum Beispiel ein Glas Wasser und greifen danach. Aber auch vorhandenes Wissen und unsere Entscheidungen spielen bei der Bewegungsplanung eine Rolle. Wir wissen, dass Trinken Durst löscht und greifen nach dem Wasser, falls wir durstig sind. „Von zwei stark verknüpften Regionen im parietalen und prämotorischen Teil der Großhirnrinde weiß man, dass hier visuelle Sinneseindrücke und erlernte Regeln zu einem Bewegungsplan verrechnet werden“, so Westendorff. Sie hat die Informationsverarbeitung in diesen beiden Hirnregionen genauer untersucht. Dafür wurde die neuronale Aktivität vieler einzelner Nervenzellen parietalen und prämotorischen Teil der Großhirnrinde von Makaken gemessen. Die Tiere führten währenddessen eine Aufgabe aus, bei der sie visuelle Informationen mit erlernten Regeln über räumliche Zusammenhänge zu einer Greifbewegung kombinierten. „Die Doktorarbeit von Frau Westendorff trägt substantiell zu einem besseren Verständnis von zielgerichtetem Verhalten bei Menschen und Affen bei“, sagte Alexander Gail, Leiter der Sensomotorik-Gruppe am DPZ.

Zur Zeit ist Stephanie Westendorff noch als Postdoc am DPZ, sie wird jedoch Anfang nächsten Jahres nach Toronto, Kanada, gehen um dort ihre neurowissenschaftlichen Forschungsarbeiten an Primaten fortzusetzen. „Das Stipendium hilft mir, die erste Zeit in Kanada zu überbrücken, bis mich das Institut dort finanzieren kann“, so Westendorff über die Verwendung des Stipendiums.

Kontakt und Hinweise für Redaktionen

Ass. Jur. Michael Lankeit
Tel: +49 551 3851-114
E-Mail: mlankei@gwdg.de
Dr. Susanne Diederich (Stabsstelle Kommunikation)
Tel: +49 551 3851-359
E-Mail: sdiederich@dpz.eu
Das Programm der Förderpreisverleihung am 1. November 2011 finden Sie im Internet unter: http://www.dpz.eu/index.php?id=1026

Druckfähige Bilder erhalten Sie von der Stabsstelle Kommunikation. Bitte senden Sie uns bei Veröffentlichung einen Beleg.

Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) - Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie. Das DPZ unterhält vier Freilandstationen im Ausland und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung. Das DPZ ist eine der 87 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft.

Dr. Susanne Diederich | idw
Weitere Informationen:
http://www.dpz.eu/index.php?id=1026

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope
20.10.2017 | Freie Universität Berlin

nachricht Gitterdynamiken in ionischen Leitern
18.10.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise