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Szenario 2050: Ein Wurmloch in Big Apple

27.05.2015

Andy ist Physiker und wohnt in New York. Obwohl er schon seit fünf Jahren im Big Apple arbeitet, ist ihm die Stadt immer noch fremd – zu laut, zu hektisch, zu schmutzig. Wie soll das in Zukunft weitergehen? Die Antwort erfährt er prompt – und am eigenen Leib.

„New York – die Stadt, die niemals schläft.“ Lieber Franky Boy Sinatra, ich bin ganz bei Dir. Schon 1977 hattest du mit deinem Song ganz recht. Einen wichtigen Punkt hast Du allerdings nicht bedacht: Was macht eine Stadt, die niemals schläft, mit ihren Bewohnern? Verdammt sie sie zu Zombies, die todmüde durch die Straßenschluchten wanken, immer auf der Suche nach Ruhe, Stille und einer Mütze voll Schlaf? Ich meine: ja. Zumindest trifft das auf mich zu.


Manhattan im Jahr 2050: Viel Grün, vertikale Farmen auf Gebäuden und Elektrofahrzeuge aller Art bestimmen das Stadtbild. Selbst die Fähren fahren elektrisch.

Mein Name ist Andy und ich wohne schon seit fünf Jahren in Big Apple. Davor habe ich in Kanada gelebt, mitten in der Provinz. Wälder, Schwarzbären und ein paar Ölfelder. Wenig Häuser, noch weniger Menschen. Ruhe.

Manhattan im Jahr 2014 ist anders. Jeden Tag auf dem Weg zum Büro bricht ein Crescendo aus Tönen auf mich herein. Trucks, Feuerwehrautos und Taxis röhren, rauschen, hupen, tröten, bremsen, stottern. Unzählige Lautsprecher schütten ihre Musik auf mich aus und die U-Bahn rattert und dröhnt wie eine Herde wildgewordener Büffel.

Mit jedem Atemzug – so scheint es mir – atme ich einen Beutel voller Staub ein, gewürzt mit einem penetranten Aroma von Hot Dog und Sauerkraut. Sie meinen, ich hätte Psychosen? Ich gebe zu, ich bin vielleicht etwas empfindlich und für das Großstadtleben nicht gemacht. Aber Big Apple hat auch seine schönen Seiten, z.B. mein Job als Dozent für Physik an der Columbia University. Das ist auch der Grund, warum ich getauscht habe – mein Haus am See gegen das kleine Apartment in Manhattan.

New York schläft nie, doch scheinbar schlage ich Big Apple gerade ein Schnippchen

Es ist acht Uhr abends und ich steige müde die schmale Treppe zu meiner Wohnung empor. Das Fenster ist wie immer geschlossen – ich sperre ganz bewusst die Straße aus. Dafür läuft die Klimaanlage. Meistens zumindest, denn sie macht einen Heidenlärm. Erschöpft lasse ich mich auf meinen Sessel fallen. Übrigens: Haben Sie schon einmal einen Bär brummen hören? Lauschen Sie einfach meinem alten Kühlschrank im Nebenzimmer. Meine Augenlieder werden immer schwerer und ich merke, wie ich langsam hinweg dämmere. New York schläft nie, doch scheinbar schlage ich Big Apple gerade ein Schnippchen.

Ich träume von einem infernalischen Orchester: Die Blechblasinstrumente spielen wie Feuerwehrsirenen, die Violinen klingen nach quietschenden Bremsen und die Pauke produziert anstatt eines Trommelwirbels das Rotorengedonner von Helikoptern. Der Dirigent kommt mir bekannt vor: Es ist der dicke Cop, der sich morgens am Times Square immer sein Hot Dog holt. Das Gedröhn der Schlaginstrumente steigert sich zu einer grausamen Partitur, ebbt plötzlich ab und verliert sich langsam in einem sanften Rauschen.

Bin ich aus Versehen in ein Wurmloch getreten?

Ich schrecke hoch, schüttele den Kopf. Wie lange war ich eingenickt? Sonderbar: Das Rauschen ist immer noch zu vernehmen. Mein erster Blick fällt auf einen großen Bildschirm. „Landung auf dem JFK Airport in fünf Minuten“, informiert mich dort eine gut aussehende Frau mit weiß gefärbten Haaren. „Es ist 17 Uhr 30, wir haben Montag, den 15. August 2050.“ Klar, ich träume noch. Allerdings fühlt sich der ergonomisch geformte Sitz erschreckend real an und so gar nicht wie mein alter, durchgesessener Sessel. Unter mir liegt Manhattan, offenbart das Panoramafenster auf meiner linken Seite. Verändert sich in einer Stadt, die niemals schläft das Raum-Zeit-Kontinuum? Bin ich in meiner Wohnung aus Versehen in ein Wurmloch getreten? Und was mache ich in einem Flugzeug?

Egal ob Traum oder bizarre Realität: Ich beschließe mich darauf einzulassen. Neugierig blicke ich nach draußen: Unter den Tragflächen hängen keine mir bekannten Triebwerke, sondern eigenartig flach geformte Turbinen, die nur dieses eigenartige Rauschen von sich geben – offenbar ein hybridelektrischer Antrieb, der seinen Strom aus einer kleinen Gasturbine bezieht. Die Energie wird in einem Akku zwischengespeichert: Ein Konzept, das heute als Zukunft der Luftfahrt gilt. Was ist aber „heute“? Und was erwartet mich erst nach der Landung?

Ich stehe auf einem Laufband, das mich durch das Terminal transportiert. Ausweiskontrollen scheint es im Jahr 2050 nicht mehr zu geben, zumindest physische: In meiner Hosentasche habe ich ein transparentes Phablet gefunden, das mich am Ende der Gangway mit einem „ID accepted“ begrüßt hat. Nun lotst es mich zu einem Parkplatz – hier soll offenbar ein rollender Untersatz bereits stehen, wie mir mein digitaler Butler verrät. Bin gespannt, wohin die Reise geht.

"Verändert sich in einer Stadt, die niemals schläft das Raum-Zeit-Kontinuum?"

Ein leerer Parkplatz ist ein leerer Parkplatz. Auch im Jahr 2050. Ich bin etwas enttäuscht, wahrscheinlich darf man von der Zukunft nicht zu viel erwarten. Da gleitet mit einem leisen Surren ein Auto auf mich zu. Es sieht ein bisschen aus wie das typische New Yorker Yellow Cab, ist aber unkonventionell geformt und angenehm leise. Klar: Elektroantrieb. Ein paar Meter vor mir hält es an, dreht seine Räder um 90 Grad und rollt rechtwinklig bis zum Randstein. Das kann kein konventionelles Taxi ohne Radnabenmotoren – vor allem nicht ohne Fahrer. Die Tür schwingt automatisch auf und der leere Fahrersitz fährt mir einladend entgegen. „Hi Andy, Du siehst jeden Tag jünger aus“, sagt das Auto. „Steig ein.“

Wir gleiten durch eine Stadt, die ich nur ansatzweise erkenne. Wir, das sind mein sprechendes Auto und ich. Es lenkt sich selbst, unterhält mich und erzählt mir die aktuellen Nachrichten. Übrigens: Wussten Sie, dass wir in Zukunft eine Präsidentin haben werden? Mit einer First Lady? „Andy, ich merke, Du hast Hunger. An der nächsten Straßenecke ist ein Hot Dog Stand. Soll ich anhalten?“ Sehr aufmerksam von einem Auto. Ich steige aus, oder besser „werde ausgestiegen“. Der Sitz klappt wieder ein und die Tür schließt sich.

Big Apple im Jahr 2050 dünstet keine Abgase mehr aus.

Unglaublich: Ich kann die Stimmen der Menschen verstehen, wenn sie sich unterhalten. Und war das gerade wirklich ein Vogel, der singt? Kein Verkehrslärm, nur ein unaufdringliches Rauschen, das die Elektroautos hinter mir auf der Straße produzieren. Dazwischen gleitet ein Lastwagen, H2-Truck – Wasserstoffantrieb – steht auf seiner Seite. Breite Fahrradspuren säumen die Avenue, darauf bewegt sich ein Strom verschiedenster Formen von Pedelecs und Elektro-Mofas.

In den Parkbuchten sind Induktionsschleifen unter dem Asphalt verbaut – dort können die Autos offenbar ihre Akkus laden. Ich nehme einen tiefen Atemzug. Die Luft wirkt seltsam voll, als ob man sie essen könnte. Sie riecht vertraut nach Sauerkraut, aber ich schmecke auch Nuancen von Blumenduft. Big Apple im Jahr 2050 dünstet offenbar keine Abgase mehr aus. Das hat ganz klar auch den Fassaden der Gebäude gut getan – sie wirken eigenartig sauber und viele von ihnen sind sogar bewachsen: mit Blumen, Farnen, Pflanzen aller Art. Einige scheinen regelrechte Gartenanlagen zu haben.

„Ihr Hot Dog, Sir.“ Der Verkäufer kommt mir bekannt vor. In sein wettergegerbtes Gesicht haben sich tiefe Falten eingegraben. Der Mann, wie ich einmal kannte, war dagegen jung – so alt wie ich. „Seit ein paar Tagen ist auch das Kraut lokal produziert. Ich habe eine Parzelle Ackergrund in der Vertikalen Farm am Freedom-Tower gemietet, versuche mich auf meine alten Tage als Gemüsebauer. Probieren Sie es, geht aufs Haus.“

Mein Auto chauffiert mich sicher durch das neue alte Manhattan, während ich entspannt mein Bio-Hot Dog esse. Während der Fahrt erfahre ich, dass mein gesprächiger Stromer aus Karbon gefertigt ist und seine Energie aus Lithium-Luft Akkus saugt – eine Technologie, die im Jahr 2014 im Labormaßstab erprobt wurde. Scheint mittlerweile ausgereift, rund 700 Kilometer weit kann er damit fahren. Unsere Reise führt uns durch den Lincoln-Tunnel, unter dem Hudson hindurch, nach Hoboken in New Jersey. Dort ist Franky Boy Sinatra aufgewachsen. Wenn der nur wüsste…

"Ich habe Angst, einzuschlafen, denn ich weiß nicht, wo ich aufwachen werde"

Keine Ahnung, wohin es geht. Laut meinem rollenden Kumpel zur Fährstation an den ehemaligen Docks. Tatsache: Mein Phablet zeigt mir auf Nachfrage ein digitales Ticket, ausgestellt auf meinen Namen. Das Ziel der Seereise bleibt allerdings im Dunkeln. „War nett, mit Dir zu plaudern, Andy. Hier trennen sich unsere Wege. Ich fahre wieder zurück zum Flughafen. Bis zum nächsten Mal und gute Reise.“ Mein Auto entlässt mich auf die gleiche bequeme Art, wie es mich empfangen hat. Dann surrt es davon.

Ich schmecke Salz und rieche Seetang. Im Hintergrund thront die Skyline von Manhattan. Sie leuchtet in der Abendsonne und wirkt wie ein sanfter Riese, der mich buchstäblich anstrahlt. Friedlich, aber nimmermüde. Vor mir liegt die Fähre am Dock, Autos gleiten leise in ihren Schlund. Ein armdickes Kabel verbindet das Elektro-Schiff mit dem Stromnetz. Offenbar saugt es gerade Energie für den nächsten Trip. Kein Dieselqualm, kein Motorenröhren stört das Bild. Ich gehe an Bord, mein Phablet lotst mich zu einem reservierten Platz. Kurz darauf legt das Schiff lautlos ab und nimmt Fahrt auf. Kleine harte Wellen schlagen gegen den Rumpf, sonst ist nichts zu hören. Die Stille macht mich müde. Ich habe Angst, einzuschlafen, denn ich weiß nicht, wo ich aufwachen werde. Die Freiheitsstatue gleitet vorbei. Sie scheint mich spöttisch anzugrinsen als wolle sie sagen „wie kannst Du es wagen, zu träumen? Hier, in einer Stadt, die niemals schläft.“ Langsam dämmere ich hinweg.

Florian Martini | Siemens - Pictures of the Future

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