Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verhaltensbiologie: Kuschelnde Männchen und balzende Weibchen

17.02.2010
Neue Forschergruppe untersucht vorgeburtlich erworbene Eigenschaften: Fehlverhalten oder Anpassung?

Männlich oder weiblich? Bei einem Meerschweinchen ist das nicht auf den ersten Blick erkennbar. Es sei denn, es balzt. Dann ist es ein Männchen - meistens. Es kann aber auch ein Weibchen sein, dessen Mutter während der Schwangerschaft sozialem Stress ausgesetzt war.

Dann haben die Töchter körperliche Besonderheiten wie einen erhöhten Spiegel "männlicher" Hormone im Blut und zeigen Balzverhalten. "Vorgeburtlicher Stress kann bei Meerschweinchen und anderen Tieren ebenso wie beim Menschen die Entwicklung beeinflussen", sagt der Verhaltensbiologe Prof. Dr. Norbert Sachser von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). "Bislang ging man davon aus, dass solche Verhaltensänderungen Abweichungen von der Norm darstellen oder gar krankhaft sind. Wir fragen uns nun: Können sie auch eine Anpassung an die Umwelt sein?" Eine Antwort darauf wollen die Wissenschaftler durch ein neues Forschungsprojekt finden.

Das Team vom Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie um Norbert Sachser und Privatdozentin Dr. Sylvia Kaiser ist Teil einer überregionalen Forschergruppe, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) neu eingerichtet wurde. Die Wissenschaftler vermuten: Neben der evolutionären Anpassung durch Selektion über die Generationen gibt es auch kurzfristige Verhaltensanpassungen. Diese werden beispielsweise durch die Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft festgelegt und sind nicht genetisch bestimmt.

"In stabilen kleineren Meerschweinchengruppen bekommen Weibchen, die sich 'typisch weiblich' verhalten, mehr Nachwuchs", vermutet Sylvia Kaiser. "Dagegen könnten in sehr großen Gruppen, in denen die Sozialpartner häufig wechseln, die durchsetzungsstärkeren 'vermännlichten' Weibchen einen Vorteil haben und sich besser fortpflanzen." Norbert Sachser ergänzt: "In der Natur schwankt die Populationsdichte von Wildmeerschweinchen stark. Wir vermuten, dass eine Meerschweinchenmutter, die während der Schwangerschaft in einer großen, instabilen Gruppe lebt, ihre Töchter auf genau diese Lebensbedingungen optimal vorbereitet. Die Vermännlichung wäre dann eine Anpassung, kein Fehlverhalten."

Auch die Söhne von "gestressten" Müttern verhalten sich anders als ihre Artgenossen. "Während andere Meerschweinchen mit der Pubertät Balzverhalten und Dominanzgebaren an den Tag legen, um möglichst viele Weibchen für sich zu gewinnen, haben diese Männchen eine verzögerte Entwicklung. Sie kuscheln gern und verhalten sich, als wären sie noch nicht geschlechtsreif", so Norbert Sachser. Was klingt, als könnten die Tiere mit den "richtigen Männern" in der Gruppe nicht mithalten, könnte sich als Vorteil entpuppen - zumindest solange sie wie ihre Mütter in einer großen Gruppe mit vielen dominanten älteren Männchen leben. Denn die jungen Männchen warten, bis ihre Chance gekommen ist. Erst wenn sie körperlich in der Lage sind, mit den "Platzhirschen" um die Weibchen zu konkurrieren, zeigen sie Werbeverhalten. Vorher vermeiden sie aussichtslose Auseinandersetzungen.

Neben der Phase vor der Geburt interessieren sich die münsterschen Forscher noch für einen anderen sensiblen Zeitraum: die Pubertät. "Hier wird noch einmal 'nachjustiert'. Die Tiere entwickeln in dieser Phase ein Verhalten, das angesichts der gegebenen Umstände einen maximalen Fortpflanzungserfolg garantiert", vermutet Norbert Sachser. Gemeinsam mit Wissenschaftlern in Potsdam und Bielefeld, von wo aus das Projekt koordiniert wird, wollen die Münsteraner ihre Hypothesen nun überprüfen. Dazu untersucht die Forschergruppe nicht nur Meerschweinchen, sondern auch Wühlmäuse, Zebrafinken, Blattkäfer und Wachsmotten. Die DFG unterstützt das Projekt für zunächst drei Jahre mit 1,5 Millionen Euro. Rund 450.000 Euro gehen an die münsterschen Forscher, welche auch die Hormonuntersuchungen für alle beteiligten Wissenschaftler durchführen.

Dr. Christina Heimken | idw
Weitere Informationen:
http://www.ethologie.de/
http://www.uni-muenster.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Auf der molekularen Streckbank
24.02.2017 | Technische Universität München

nachricht Sicherungskopie im Zentralhirn: Wie Fruchtfliegen ein Ortsgedächtnis bilden
24.02.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie