Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Umstrittene Technologie der Drei-Eltern-Babys könnte vor allem Jungen gefährden

20.09.2013
Biologe der Universität Tübingen untersucht Risiken der Mitochondrien-Ersatztherapie in der Fortpflanzungsmedizin

Der Großteil des Erbguts menschlicher Zellen befindet sich im Zellkern, doch besitzen die Mitochondrien, die sogenannten Kraftwerke der Zelle, eigene Gene. Sie werden über die Eizelle ausschließlich von der Mutter an die Kinder vererbt, weshalb Gendefekte in den Mitochondrien auch weitergegeben werden.

Diese Gendefekte können zu unterschiedlichen Erkrankungen führen, von leichten Lernbehinderungen bis zu Muskelschwund und anderen lebensbedrohlichen Herz-, Muskel- und Hirnerkrankungen. In Großbritannien werden jedes Jahr rund 200 Kinder mit Gendefekten der Mitochondrien geboren, eins von 4000 erkrankt an einer durch einen Mitochondriengendefekt verursachten Krankheit.

Eine Möglichkeit, diese Weitergabe zu verhindern, bietet die Mitochondrien-Ersatztherapie, bei der bei einer Befruchtung im Reagenzglas defekte Mitochondrien der Mutter durch Mitochondrien eines gesunden Spenders ersetzt werden. Nun hat jedoch ein Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Dr. Klaus Reinhardt, Biologe am Institut für Evolution und Ökologie der Universität Tübingen und an der University of Sheffield, festgestellt, dass die Mitochondrien-Ersatztherapie vor allem für männliche Nachkommen Gesundheitsrisiken bergen könnte.

Mit der Mitochondrien-Ersatztherapie behandelte Embryos werden auch als Drei-Eltern-Babys bezeichnet, da sie neben dem Erbgut von der Mutter und dem Vater auch Erbmaterial von einer dritten Person, dem Mitochondrien-Spender, erhalten. Die Mitochondrien-Ersatztherapie ist umstritten, da sie einen Eingriff in die Keimbahn darstellt: Die Mitochondriengene des Spenders werden nicht nur an das Kind, sondern über die mütterliche Linie auch an dessen Nachkommen weitergegeben. Da das normale Erbgut vom Mitochondrienwechsel nicht betroffen ist, wurde die Therapie zunächst mit einem harmlosen Auswechseln der Batterien einer Kamera verglichen.

Dr. Klaus Reinhardt hat nun in Zusammenarbeit mit Dr. Ted Morrow von der University of Sussex und Dr. Damian Dowling von der Monash University in Australien Studien zusammengetragen, die darauf hindeuten, dass durch den Austausch der Mitochondrien Prozesse zur Ablesung und Umsetzung der normalen genetischen Informationen aus der DNA im Zellkern umfassend verändert werden können. In einer Therapie könnten die Mitochondrien des Spenders daher eine ganze Reihe von wichtigen Eigenschaften des Empfängers beeinflussen, von der individuellen Entwicklung über das Verhalten bis hin zu wichtigen Gesundheitsaspekten.

„Viele Kombinationen der normalen und der Mitochondrien-DNA arbeiten nicht gut zusammen. Um im Bild des Batteriewechsels zu bleiben, müssten wir bei der Mitochondrien-Ersatztherapie jedes Individuum als eine andere Kamera betrachten. Einfach nur die Batterien auszuwechseln, kann zu Komplikationen führen, auch wenn der Spender völlig gesund ist“, sagt Dr. Klaus Reinhardt. „Von solchen Komplikationen wären Jungen häufiger betroffen als Mädchen, da die Mitochondrien immer von der Mutter, niemals vom Vater vererbt werden. Schädliche Effekte der Mitochondrien auf die männliche DNA könnten daher nicht durch die Evolution ausgeschaltet werden.“

In Großbritannien stehen detaillierte Vorschläge zur Regelung der Technologie der Drei-Eltern-Babys im kommenden Jahr zu einer öffentlichen Anhörung und Beschluss durch das Parlament an. Danach könnte das erste Drei-Eltern-Baby in Großbritannien bereits 2015 zur Welt kommen. Dr. Klaus Reinhardt setzt hinzu: „In dieser Technologie steckt das Potenzial, Müttern mit Mitochondrienkrankheiten zu gesunden Babys zu verhelfen. Weitere Forschungen könnten ein wichtiger Schritt sein, um die Technologie sicherer zu machen.“

Publikation:
Klaus Reinhardt, Damian K. Dowling, Edward H. Morrow: Mitochondrial Replacement, Evolution, and the Clinic. Science, Band 341, 20. September 2013
Kontakt:
Dr. Klaus Reinhardt
Universität Tübingen
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Institut für Evolution und Ökologie
Telefon +49 7071 29-74854
k.reinhardt[at]uni-tuebingen.de

Myriam Hönig | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Einblick ins geschlossene Enzym
26.06.2017 | Universität Konstanz

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie