Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Synthetische Biologie ist bereit für Industrie und Öffentlichkeit

17.07.2009
Damit sich die Synthetische Biologie weiterentwickeln kann, müssen Wissenschaft und Industrie gemeinsam Standards entwickeln, fordert Dr. Sybille Gaisser vom Fraunhofer ISI.

Ziel der Synthetischen Biologie ist, im Labor hergestellte biologische Komponenten in eine leere Zellhülle einzufügen, damit diese künstliche Zelle beispielsweise Medikamente oder Kraftstoffe produziert.

Neben der wissenschaftlichen betrachtet Gaisser die politische Seite: Als einer der Ersten in Europa hat das Fraunhofer ISI Im Projekt TESSY das Thema unter strategischen Gesichtspunkten untersucht. Einen Teil der entwickelten Roadmap stellt Gaisser nächste Woche auf dem Weltkongress der Industriellen Biotechnologie vor.

Die Synthetische Biologie ist eine Verbindung zwischen Natur- und Ingenieurwissenschaften: Im Labor synthetisch hergestellte und gut charakterisierte Komponenten werden in eine Zelle oder sogar leere Zellhülle eingefügt. Diese künstlich hergestellten Zellen sollen in der Zukunft eine Vielzahl an Stoffen produzieren können. Im Prinzip funktioniert das wie ein Baukasten-System weshalb diese Wissenschaft auch als "Lego-Biologie" bezeichnet wird. Im Prinzip. Denn in der Praxis ist das noch nicht vollständig gelungen.

Da die ersten Anwendungen aber schon in etwa fünf Jahren zu erwarten sind, müsse der Dialog mit Wirtschaft und Politik schon jetzt beginnen, betont Dr. Sibylle Gaisser vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI, die die Studie TESSY (Towards a European Strategy for Synthetic Biology) geleitet hat. Standard- und Patentfragen müssten geklärt werden, um die Industrie mit ins Boot zu holen und somit breite Anwendungsmöglichkeiten zu schaffen. Das ist einer der wichtigen Schritte, die die Forscher des Fraunhofer ISI in ihren Handlungsempfehlungen fordern.

Momentan sind die Wissenschaftler vorranging mit Grundlagenforschung beschäftigt, die dafür sorgen soll, dass die Synthetische Biologie in naher Zukunft auch praktisch und nicht nur im Prinzip funktioniert. Dafür werden einzelne DNA-Elemente charakterisiert. Etwa 3500 von diesen Bausteinen liegen momentan in der Registry of Standard Biological Parts (BioBricks) bereit, mit denen beim International Genetic MachinesWettbewerb (IGeM) experimentiert werden kann. Bereits hier stellt sich die Patentfrage, denn die Datenbank ist ein sogenanntes open-source-Projekt, in dem geistiges Eigentum nicht im Vordergrund steht. Allerdings sind in dieser Datenbank auch Komponenten zu finden, die eigentlich urheberrechtsgeschützt sind. "Es besteht ein großer Klärungsbedarf. Die Patentfrage ist extrem wichtig, wenn wir in der Synthetischen Biologie weiterkommen wollen", betont Sibylle Gaisser. Es brauche weltweite Klarheit, um die Industrie mit ins Boot holen und um bald Anwendungen in großem Rahmen zu ermöglichen.

Diese Regularien sind aber nicht nur für die Industrie wichtig, sondern auch die Wissenschaftler selbst brauchen sie dringend, um in diesem sehr interdisziplinären Feld strukturiert weiterforschen zu können. So muss beispielsweise die Risikobewertung bei der Herstellung künstlich hergestellter Organismen nach neuen Kriterien im Vergleich zur herkömmlichen Gentechnik erfolgen.

Nicht zuletzt müssen Politik und Wissenschaft die Öffentlichkeit frühzeitig in den Dialog einbeziehen, denn "die Synthetische Biologie hat einen Reifegrad erreicht, bei dem das Thema diskutierbar ist", so Gaisser. "Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass hier versucht wird, willkürlich Leben neu zu schaffen." Gemeinsam mit der Öffentlichkeit müsse man die Anwendungen identifizieren, die von allen getragen werden können. Wenn die Öffentlichkeit nicht dahinter stehe, habe eine neue Wissenschaft keine Chance.

In einigen europäischen Ländern wird das Thema schon länger diskutiert: Was nützt Synthetische Biologie den Menschen? Was wollen wir erreichen? Deutschland steht hier am Anfang der Diskussion. In den USA hingegen gibt es bereits seit Jahren viele Aktivitäten, diese Technologie wird dort auch von der Industrie unterstützt - in der EU ist sie ein eher öffentlich gefördertes Forschungsfeld. Da die "Lego-Biologie" in der Europäischen Union im Gegensatz zu den USA eher verstreut stattgefunden hat und bisher unkoordiniert ablief, gab die EU im Jahr 2007 das TESSY-Projekt beim Fraunhofer ISI in Auftrag. Ziel des Ende 2008 beendeten Projekt war es, eine Strategie-Roadmap für dieses innovative Forschungsfeld zu entwickeln.

Auf dem Weltkongress der Industriellen Biotechnologie, der vom 19. bis zum 22. Juli im kanadischen Montréal stattfindet, präsentiert Sibylle Gaisser vom Fraunhofer ISI die Synthetische Biologie aus globaler Perspektive: Wo stehen Europa und die Welt, welche Schritte sind als nächstes zu tun? Themen sind wichtige Aspekte der Standardisierung und das Patentrecht sowie der Dialog zwischen Wissenschaft mit Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit. Ziel ist es, die von TESSY vorgelegte Roadmap in die Tat umsetzen und zu diskutieren, was der Einzelne beitragen kann.

Relevant für die Wirtschaft, relevant für die Gesellschaft - das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI untersucht, wie technische und organisatorische Innovationen Wirtschaft und Gesellschaft heute und in Zukunft prägen. Markenzeichen der systemischen Arbeit ist es, Forschungsdisziplinen zu integrieren und mit Auftraggebern und Interessenten ein Netzwerk für Innovationen zu gestalten. Mit seiner Expertise, seiner Erfahrung und seinen Studien leistet das Institut als Teil der praxisorientierten Forschung der Fraunhofer-Gesellschaft einen Beitrag zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb nutzen Politik, Verbände und Unternehmen das Fraunhofer ISI als vorausschauenden und neutralen Vordenker, der Perspektiven für Entscheidungen vermittelt.

Kontakt:
Dr. Kathrin Schwabe
Tel.: 0721 / 6809-100
E-Mail: kathrin.schwabe@isi.fraunhofer.de

Dr. Kathrin Schwabe | idw
Weitere Informationen:
http://www.tessy-europe.eu
http://www.isi.fraunhofer.de/pr/presse.htm

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wegbereiter für Vitamin A in Reis
21.07.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Pharmakologie - Im Strom der Bläschen
21.07.2017 | Ludwig-Maximilians-Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten