Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Risikomanagement im Tierreich – Eltern verteidigen ihren Nachwuchs nicht um jeden Preis

12.11.2014

Eltern wollen für ihre Nachkommen nur das Beste. Ob das tatsächlich immer der Realität entspricht, haben Forschende der Vetmeduni Vienna an Blaumeisen untersucht. Sie gingen der Frage nach, ob die Vögel wirklich alles riskieren, um ihre Jungen vor Feinden zu schützen. Das Resultat: Eltern wägen ab. Nicht nur das Risiko für die Jungen, sondern auch das eigene Risiko spielen für die Eltern bei der Nestverteidigung eine Rolle. Die Ergebnisse sind im Journal Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht.

Wie sehr sich Eltern für ihren Nachwuchs aufopfern, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Gefahr, die für Junge und Eltern von sogenannten Nesträubern ausgeht. Auch der Geburtszeitpunkt der Nachkommen spielt eine Rolle.


Blaumeiseneltern wägen ab, ob sich die Verteidigung ihrer Jungen lohnt.

Foto: Katharina Mahr / Vetmeduni Vienna

Man weiß aus früheren Studien, dass spät in der Saison geborene Vögel von ihren Eltern eher geschützt werden, da die Eltern oft keine Möglichkeit haben, sich ein weiteres Mal fortzupflanzen. Außerdem werden ältere Küken tendenziell eher beschützt als jüngere, da bereits viel mehr elterliche Fürsorge und Energie in sie investiert wurde.

„Es gibt bereits einige Studien zum Risikoverhalten bei Vögeln, jedoch kaum welche in denen man mehrere Faktoren gleichzeitig in einem Experiment untersucht hat. Wir zeigen erstmals, wie Eltern unterschiedlich alter Küken reagieren, wenn sie mehr oder weniger gefährlichen Feinden ausgesetzt sind“, erklärt die Erstautorin Katharina Mahr.

Risikoforschung mit Hilfe von Räubermodellen

Gemeinsam mit Studienleiter Herbert Hoi vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung untersuchte Mahr das Verteidigungsverhalten von Blaumeiseneltern.

Die Forschenden beobachteten Blaumeiseneltern und ihre fünf bis zwölf Tage alten Küken. Die Vogeleltern wurden mit unterschiedlich gefährlichen Räubern konfrontiert. Ein ausgestopfter Sperber stellte einen Räuber dar, der in erster Linie für die Eltern gefährlich ist. Für die ganz jungen Blaumeisen ist der Sperber ungefährlich, da er nicht in die Nistkästen hineingelangt. Mit zunehmendem Alter der Jungvögel wird der Sperber jedoch immer mehr zur Gefahr.

Eine Schlangenattrappe diente den Forschenden als Dummie für einen mittelmäßig gefährlichen Räuber. Schlangen sind für die Jungen gefährlich, aufgrund ihrer geringen Mobilität stellen sie für die Eltern ein geringes Risiko dar. Ein ausgestopfter Specht repräsentierte den dritten Räuber. Spechte haben es lediglich auf Nistkästen abgesehen und stellen deshalb für frisch geschlüpfte Vögel die größte Gefahr dar. Für fast ausgewachsene Junge ist der Specht nicht mehr gefährlich.

Die Forschenden stellten die Räubermodelle in der Nähe der Nistkästen auf und warteten auf die Reaktion der Eltern. Es zeigte sich, dass Elterntiere auf die Schlange mit Angriffen reagierten. Gezielte Attacken auf den Räuber sind laut Mahr das riskanteste Verhalten, das Vogeleltern bei der Verteidigung zeigen. Weder den Sperber, noch den Specht griffen die Eltern an. Selbst eine Annäherung an diese Räuber vermieden die Vögel. Dennoch reagierten die Tiere mit lauten Alarmrufen auf die Situation. „Einen Sperber anzugreifen stellt für eine Blaumeise eine konkrete Lebensgefahr dar“, betont Mahr. „Deshalb reagieren die Meisen wahrscheinlich nicht mit dem hoch riskanten Angriff. Einer Schlange gegenüber nützt wiederum das akustische Signal nichts, weil sie es nicht wahrnimmt. Diese Räuber sind jedoch weniger mobil und eine gezielte Attacke stellt ein geringeres Risiko für das Elterntier dar. Deshalb ist hier der Angriff die beste Wahl.“

Blaumeisen bewahren kühlen Kopf

„Die Verteidigung der Brut geschieht offenbar nicht unüberlegt, sondern unterliegt einer Kaskade von Entscheidungen“, meint Mahr. Das Alter der Jungtiere spielte nur bei weniger riskanten Verteidigungsstrategien eine Rolle. Eltern warnen ihre zwölf Tage alten Küken häufiger mit Alarmrufen, als ihre fünf Tage alten Nachkommen. Die meisten Jungvögel sind extrem abhängig von ihren Eltern. Daraus ergibt sich ein weiterer Grund dafür, wieso Vogelmütter und -väter älteren Nachwuchs stärker verteidigen. Mahr: „Eltern gehen nur dann ein Risiko ein, wenn die Nachkommen im Ernstfall auch ohne sie durchkommen könnten. Sonst macht die Opferbereitschaft keinen Sinn.“

„Unsere Studien liefern auch Hinweise darauf, wie unsere menschlichen Reaktionen zustande kommen. Wir reagieren auch hin und wieder unüberlegt und dennoch scheinen unsere unbewussten Entscheidungen nicht immer die schlechtesten zu sein“, meint Mahr. „Mit Verhaltensstudien an Tieren nähern wir uns auch diesen Fragen an“.

In Zukunft möchten Mahr und Hoi herausfiltern, welche Unterschiede es zwischen mütterlichem und väterlichem Verhalten gibt. Die Daten liegen schon vor und müssen noch ausgewertet werden.

Die Studie basiert auf Vorversuchen von Julia Thoma, die im Rahmen ihrer vorwissenschaftlichen Arbeit im Projekt Sparkling Science die ersten Daten für dieses Projekt lieferte.

Der Artikel „Parental risk management in relation to offspring defence: bad news for kids” von Katharina Mahr, Georg Riegler und Herbert Hoi wird am 12. November 2014 im Journal Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht. DOI: 10.1098/rspb.2014.1670
http://rspb.royalsocietypublishing.org/lookup/doi/10.1098/rspb.2014.1670

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien

Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist eine der führenden veterinärmedizinischen, akademischen Bildungs- und Forschungsstätten Europas. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Forschungsbereichen Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit, Tierhaltung und Tierschutz sowie den biomedizinischen Grundlagen. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.300 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. Im Jahr 2015 feiert die Vetmeduni Vienna ihr 250-jähriges Bestehen. http://www.vetmeduni.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:
Katharina Mahr
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 676 9419955
katharina.mahr@vetmeduni.ac.at

Aussenderin:
Dr. Susanna Kautschitsch
Wissenschaftskommunikation / Public Relations
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-1153
susanna.kautschitsch@vetmeduni.ac.at


Weitere Informationen:

http://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/news/detail/artikel/2014/11/12/eltern-risiko/#.VGMcdslalI0

Dr. Susanna Kautschitsch | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Sollbruchstellen im Rückgrat - Bioabbaubare Polymere durch chemische Gasphasenabscheidung
02.12.2016 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht "Fingerabdruck" diffuser Protonen entschlüsselt
02.12.2016 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie