Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Risikobereitschaft von Vögeln korreliert mit Hormonwerten

29.11.2010
Kohlmeisen sind unterschiedlich neugierig. Für die Verhaltensforschung wurden zwei Kohlmeisenlinien gezüchtet, die sich in der Bereitschaft unterscheiden, ein Risiko einzugehen.

Mareike Stöwe von der Abteilung für Medizinische Biochemie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat signifikante Unterschiede in der Produktion von Glukokortikoiden bei den beiden Linien nachgewiesen.

Zudem fand sie, dass die risikobereiteren Individuen auf Stress mit einer dramatischen Erhöhung der Glukokortikoidproduktion reagieren, während diese Reaktion vorsichtigen Meisen viel schwächer ausgeprägt ist. Stöwes Arbeit wurde in der Ausgabe 58 der Zeitschrift Hormones and Behavior veröffentlicht.

Kohlmeisen sieht man in Gärten und Parks in Europa und Asien häufig. Die Art gilt allgemein als sehr neugierig, es gibt aber starke Unterschiede zwischen einzelnen Individuen beim Erkunden neuer Umgebungen. „Schnelle, risikobereite“ Tiere erforschen ihre Umgebung vergleichsweise forsch, während „langsame“ Tiere bei der Erkundung eher zurückhaltend sind. Diese Unterschiede sind zumindest teilweise genetisch bedingt. Forscher in Holland, mit denen die Wiener Gruppe eng zusammenarbeitet, haben über mehrere Kohlmeisengenerationen zwei Linien gezüchtet, die sich in der Bereitschaft Risikos einzugehen unterscheiden.

Mehr Neugier, weniger Hormon

Um Blutabnahmen zu vermeiden, analysierte Stöwe Abbauprodukte von Glukokortikoiden in den Ausscheidungen der Nestlinge der Kohlmeisenlinien. Sie fand, dass die Jungen der zurückhaltenden Meisen mehr Glukokortikoide ausschieden als die der risikobereiteren. Stöwe untersuchte auch die Reaktion der Nestlinge auf Stress. Dabei reagierten die risikobereiteren Nestlinge mit einer dramatischen Erhöhung der Hormonproduktion, diese Reaktion war bei den vorsichtigeren Tieren weitaus weniger stark ausgeprägt. Damit konnte sie zeigen, dass risikobereitere Meisen hormonell stärker auf Stress reagieren als ihre zurückhaltenden Artgenossen.

Mutig zu sein ist nicht immer besser

Stöwes Arbeit zeigt erstmals, dass Vögel, die gezielt auf Unterschiede in der Risikobereitschaft hin gezüchtet wurden, sowohl deutliche Unterschiede in der Grundkonzentration von Stresshormonen als auch in ihrer Reaktion auf Stress zeigen. Man weiß heute, dass diese Faktoren für das Überleben der Jungtiere wichtig sind. Stöwes neue Forschungsergebnisse könnten vermuten lassen, dass forsche Vögel Vorteile gegenüber vorsichtigen Tieren haben. Da aber Umweltfaktoren für das Überleben der Tiere entscheidend sind, hängt es von konkreten Situationen ab, ob risikobereite oder zurückhaltende Meisen im Vorteil sind. Eine hohe Dichte an Räubern zum Beispiel könnte dafür sorgen, dass Mut nicht länger belohnt wird. Die große Bandbreite im Verhalten ist möglicherweise wichtig, damit die Vögel mit stark unterschiedlichen Umweltbedingungen zurechtkommen.

Stress macht zurückhaltend

Da eine hohe Konzentration an Glukokortikoiden bei Jungvögeln auch mit intensiverem Bettelverhalten in Verbindung gebracht wird, untersuchte Stöwe das Bettelverhalten der „forschen“ und „vorsichtigen“ Nestlinge. Zwar fand sie keine Unterschiede zwischen den beiden Linien, doch bettelten männliche Nestlinge deutlich häufiger als weibliche. Unter der Einwirkung von Stress verschwand dieser Unterschied jedoch. Stöwe dazu: „Männliche Nestlinge werden schwerer und betteln mehr, um sicher zu gehen, genug Futter zu bekommen. Wenn sie aber verängstigt sind, verhalten sie sich genau so wie weibliche Nestlinge.“

Der Artikel Selection for fast and slow exploration affects baseline and stress-induced corticosterone excretion in Great tit nestlings, Parus major von Mareike Stöwe, Balász Rosivall, Pieter J. Drent and Erich Möstl wurde in der Zeitschrift Hormones and Behavior (Vol. 58, 864-871) veröffentlicht. Balász Rosivall hat zur statistischen Analyse der Daten beigetragen. Seine Arbeit wurde durch einen Grant des Hungarian Research Fund (PD75481) finanziert.

Rückfragehinweis:
Dr. Mareike Stöwe
T 0664 454 1904
E mareike.stoewe@vetmeduni.ac.at
Aussender:
Mag. Klaus Wassermann
T 01 25077-1153
E klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at

Beate Zöchmeister | idw
Weitere Informationen:
http://www.vetmeduni.ac.at

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neue CRISPR-Methode enthüllt Genregulation einzelner Zellen
19.01.2017 | CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

nachricht Neues Unterwasser-Observatorium bei Boknis Eck
19.01.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue CRISPR-Methode enthüllt Genregulation einzelner Zellen

19.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Additiv gefertigte Verklammerungsstrukturen verbessern Schichthaftung und Anbindung

19.01.2017 | Materialwissenschaften

Verkehrsstau im Nichts

19.01.2017 | Physik Astronomie