Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Puzzlestück in der Autismus-Forschung

19.09.2014

Spontane Mutationen eines wichtigen Gehirn-Gens sind ein Auslöser dieser Erkrankung

Erkrankungen wie Autismus werden oft durch genetische Mutationen verursacht. Solche Mutationen können die Form von Proteinen verändern und beeinträchtigen dadurch ihre Funktion während der Hirnentwicklung. Die genetische Ursache von Autismus ist jedoch kompliziert, die Erkrankung lässt sich nicht auf nur eine einzige genetische Ursache zurückführen.


Mutationen des TBR1-Gens beeinflussen die Verteilung des TBR1-Proteins (rot) in menschlichen Zellen. Normalerweise kommt es zusammen mit der DNA (blau) im Zellkern vor (links). Mutiertes TBR1-Protein verteilt sich dagegen an verschiedenen Orten innerhalb Zelle.

© MPI f. Psycholinguistik/ Deriziotis

Manche Menschen sind durch vererbte genetische Varianten möglicherweise einem höheren Risiko ausgesetzt. Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre haben jedoch gezeigt, dass schwere Fälle von Autismus durch neue Mutationen verursacht werden können, die im Spermium oder in der Eizelle auftreten. Diese genetischen Varianten treten im Kind auf, nicht jedoch in dessen Eltern.

Wissenschaftler haben das Erbgut von tausenden nicht miteinander verwandten Kindern mit schwerem Autismus entschlüsselt und herausgefunden, dass eine Handvoll Gene von unabhängigen neuen Mutationen betroffen sein können. Von besonderem Interesse für die Forscher ist hierbei das sogenannte TBR1-Gen, das bei der Hirnentwicklung eine Schlüsselrolle spielt.

Forschern am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande, zufolge führen Mutationen von TBR1 in hochgradig autistischen Kindern dazu, dass das zugehörige Protein nicht mehr richtig funktioniert. Außerdem habe sie einen direkten Zusammenhang zwischen TBR1 und FOXP2 entdeckt, einem Protein das beim Spracherwerb eine große Rolle spielt.

Bei Autismus handelt es sich um eine Entwicklungsstörung des Gehirns, die zu Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation führt. Während ein Drittel der Betroffenen keine Lautsprache entwickelt, können andere Autisten fließend sprechen, haben jedoch Schwierigkeiten, wenn es darum geht eine Konversation aufrecht zu erhalten oder nicht wörtlich gemeinte Äußerungen korrekt zu interpretieren. Somit kann die Autismus-Forschung uns helfen zu verstehen, welche neuronalen Vernetzungen im Gehirn die soziale Kommunikation steuern, und wie sie sich entwickeln.

In der Studie haben Forscher der Abteilung für Sprache und Genetik am Max-Planck-Institut in Nijmegen zusammen mit Kollegen der University of Washington untersucht, wie sich Mutationen, die das Risiko von Autismus erhöhen, auf die Funktion des TBR1-Proteins auswirken. Das besondere Interesse der Wissenschaftler galt dabei dem direkten Vergleich zwischen den bei Autismus auftretenden neuen und vererbten Mutationen. Nach Aussage der Wissenschaftler verändern die neuen Mutationen die Verteilung von TBR1 in der Zelle.

„Wir stellten fest, dass die neuen Mutationen weitaus dramatischere Auswirkungen auf die Funktion des TBR1-Proteins haben als die vererbten Mutationen“, sagt Erstautorin Pelagia Deriziotis. „Ein klarer Beweis für den starken Einfluss, den sie auf die frühkindliche Hirnentwicklung haben können.“

Die Funktion des Gehirns hängt vom Zusammenspiel verschiedener Gene und Proteine ab. „Man kann das Gehirn als eine Art soziales Netzwerk für Proteine betrachten“, sagt Deriziotis. „Es gab erste Anzeichen dafür, dass TBR1 mit einem Protein namens FOXP2 ‚befreundet‘ sein könnte.

Das ist faszinierend, denn FOXP2 ist eines der wenigen Gene, die eindeutig mit Sprachstörungen in Verbindung gebracht werden.“ Die Forscher haben nicht nur herausgefunden, dass TBR1 direkt mit FOXP2 interagiert, sondern auch, dass diese Interaktion nicht mehr funktioniert, wenn eine dieser beiden Proteine eine Mutation aufweist.

„Das Aufdecken dieser faszinierenden molekularen Verbindungen bei Erkrankungen, die sich auf Erwerb und Verständnis von Sprache auswirken, ist wirklich spannend“, erklärt Simon Fisher, Direktor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik. „Indem wir aus Erbgut-Analysen gewonnene Daten und im Labor durchgeführte funktionale Analysen zusammenführen, zeichnen wir Schritt für Schritt ein Bild der neurogenetischen Bahnen, die zu grundlegenden menschlichen Eigenschaften beitragen.“

Ansprechpartner 

Dr. Pelagia Deriziotis

Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen

Telefon: +31 62263 4580

 

Dr. Sarah Graham

Max-Planck-Institut für Psycholinguistik, Nijmegen

Telefon: +31 64843 5419

 

Originalpublikation

 
Pelagia Deriziotis, Brian J. O’Roak, Sarah A. Graham, Sara B. Estruch, Danai Dimitropoulou, Raphael A. Bernier, Jennifer Gerdts, Jay Shendure, Evan E. Eichler & Simon E. Fisher
De novo TBR1 mutations in sporadic autism disrupt protein functions
Nature Communications, 18 September 2014

Dr. Pelagia Deriziotis | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/8417096/autismus_tbr1_gen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Entzündung weckt Schläfer
29.03.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Rostocker Forscher wollen Glyphosat „entzaubern“
29.03.2017 | Universität Rostock

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten