Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue und alte Seuchen: Wächst die Gefahr?

15.09.2009
Im Zuge der dominanten Berichterstattung in den Medien zu neuen Seuchengefahren wie der Schweinegrippe geraten andere Infektionsrisiken in der öffentlichen Wahrnehmung zu Unrecht in den Hintergrund.

"Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass die folgenschwersten Infektionskrankheiten nach wie vor alte Bekannte wie Tuberkulose, HIV/AIDS, Malaria oder Hepatitis C sind. Weltweit sterben an diesen Krankheiten pro Jahr rund sechs Millionen Menschen", betont Prof. Dr. Dr. h. c. Stefan H. E. Kaufmann, Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie, Berlin, beim 2nd European Congress of Immunology ECI 2009. "Gegen diese großen Seuchen benötigen wir dringend Impfstoffe!"

Neue Risiken werden meist schlimmer empfunden als altbekannte, die gerne verdrängt werden. "Die Schweinegrippe ist für Deutschland derzeit eine empfundene Bedrohung, während Tuberkulose, HIV/AIDS, Malaria und Hepatitis C reale Bedrohungen darstellen", betont der Infektionsexperte, der gleichzeitig Präsident der European Federation of Immunological Societies EFIS* und Vizepräsident der International Union of Immunological Societies IUIS ist. Der Wissenschaftler will mit dieser Aussage verzerrte Wahrnehmungen zurechtrücken, aber keineswegs die Schweinegrippe herunterspielen, die weltweit bislang etwa 3500 Todesopfer gefordert hat. "Denn auch diese Grippe kann durch weitere Mutationen gefährlicher werden, so wie die Spanische Grippe 1918. Aber: Die Immunologie bietet heute die Möglichkeit, Impfstoffe dagegen zu entwickeln."

Tuberkulose: Impfstoff dringend gebraucht

Im Gegensatz zur Grippe ist dies bei den genannten großen Seuchen bislang nicht hinreichend gelungen. Die Impfstoffentwicklung ist äußerst aufwendig und bringt zumindest für die vernachlässigten Krankheiten geringe Renditen für die Investitionen in Forschung und Entwicklung. Eine dieser vernachlässigten Krankheiten ist die Tuberkulose. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war sie noch Todesursache Nummer 1 in Deutschland und Europa. In den 1960er Jahren galt die Krankheit als besiegt. Heute ist sie, begünstigt durch die Ausbreitung von AIDS, vor allem in Afrika, Asien und Osteuropa wieder aufgeflammt. Und sie hat neue Formen entwickelt, die gegen herkömmliche Medikamente resistent sind. Über neun Millionen Menschen erkranken jährlich an Tuberkulose, zwei Millionen sterben daran.

Auf der Weltgesundheitskonferenz im April dieses Jahres in Peking warnte die
Generalsekretärin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan: "Die Lage derzeit ist alarmierend. Sie droht sehr schnell noch viel schlimmer zu werden ... Wenn wir gegen das neue Problem nicht mit aller Kraft angehen, werden wir es bald in 95 Prozent der Fälle mit resistenten Erregern zu tun haben." Zu den Faktoren, die die Entwicklung multiresistenter Erreger begünstigen, gehören vorzeitig abgesetzte Antibiotika im Krankheitsfall sowie der massenhafte Einsatz dieser Medikamente in der landwirtschaftlichen Tierhaltung.

Zwar gibt es gegen die Tuberkulose bereits seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Impfstoff: Bacille-Calmette-Guérin (BCG). Dieser schützt aber nur gegen die heftig verlaufende Tuberkulose des Kleinkinds und nicht gegen die häufigste Form dieser Krankheit, die Lungentuberkulose des Menschen. Seit einigen Jahren arbeiten weltweit mehrere Gruppen an einem verbesserten Impfstoff gegen Tuberkulose. Am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie hat das Team von Kaufmann einen Impfstoff entwickelt, der eines Tages BCG ersetzen soll. Dieser verbesserte Impfstoff zeigt in präklinischen Modellen deutlich bessere Wirkung und höhere Sicherheit. Derzeit befindet sich dieser Impfstoff in Deutschland in einer klinischen Studie der Phase I, die von der "Vakzine Projekt Management" durchgeführt wird. "Die Arbeiten über Tuberkulose sind aber zeitaufwendig, so dass mit einem neuen Impfstoff gegen Tuberkulose frühestens in ca. 10 Jahren gerechnet werden kann", betont Kaufmann.

Strategien für die globale Seucheneindämmung hat der renommierte Wissenschaftler bereits im Rahmen eines Buchs** in allgemein verständlicher Weise formuliert. Dabei macht ihm die Entwicklung im eigenen Land durchaus Sorgen: "Obwohl Impfungen zu den kosteneffizientesten Maßnahmen der Medizin gehören, findet die Impfstoffentwicklung in der Öffentlichkeit häufig nicht die ihrem gesellschaftlichen Wert entsprechende Beachtung", kritisiert er. "In vielen Industrieländern macht sich sogar eine zunehmende Impfmüdigkeit bemerkbar, die dazu führt, dass z. B. in Deutschland immer wieder Masernausbrüche zu verzeichnen sind."

Globale Philanthropen gesucht

Aufgrund der aufwendigen Arbeiten sollten neue Impfstoffe in Partnerschaften entwickelt werden, schlägt Kaufmann vor. Hierbei sollten bereits sehr früh Strategien entwickelt werden, die eine Verteilung der Impfstoffe zu erschwinglichen Preisen in armen Ländern ermöglichen, z. B. durch garantierte Abnahme von Impfstoffen und globale Zugangsstrategien. Bislang gelang es einmal, eine Infektionskrankheit - die Pocken - zu eliminieren. Berechtigte Hoffnung besteht, dass dieses Ziel auch für Kinderlähmung und Masern erreicht wird. Obwohl technisch machbar, stehen diesem Ziel politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Gründe entgegen. In den letzten Jahren haben multidisziplinäre Organisationen, insbesondere die Global Alliance for Vaccination and Immunization durch breit angelegte Programme die Grundimpfung in zahlreichen Ländern der Erde, unabhängig von deren wirtschaftlichen Lage, ermöglicht. "Dies ist ein großer Erfolg von 'Public-Private-Philanthropic Partnerships'", unterstreicht der Wissenschaftler.

Bislang wurde die Impfung ausschließlich zur Kontrolle von Infektionskrankheiten eingesetzt. In neuerer Zeit werden weitere Anwendungsbereiche durch die Erkenntnisse der modernen Immunologie erschlossen, so Impfungen gegen Allergien, Autoimmunerkrankungen und Krebs.

*EFIS (European Federation of Immunological Societies) ist der Dachverband der nationalen immunologischen Fachgesellschaften in Europa. Zu EFIS zählen 28 nationale Fachgesellschaften in 31 europäischen Ländern mit insgesamt 13.000 Mitgliedern. Gemeinsame Plattform ist der European Congress of Immunology, der all drei Jahre stattfindet - in diesem Jahr unter dem Motto: "Immunity for Life - Immunology for Health" vom 13. bis 16. September in Berlin. Der Kongress bietet über vier Tage ein umfassendes Programm zum aktuellen Wissensstand in der Immunologie. Das Themenspektrum in den mehr als 30 Symposien und 60 Workshops reicht von der Grundlagenforschung bis zur angewandten Immunologie. Im Mittelpunkt stehen die Erkenntnisse zur angeborenen und erworbenen Immunität, die verschiedenen Aspekte immunologischer Erkrankungen sowie die neuesten Möglichkeiten von Immun-Interventionen. Kongresspräsident Professor Reinhold E. Schmidt, Klinik für Immunologie und Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover, lädt Journalisten sehr herzlich dazu ein.

**Buchtipp:
Kaufmann, S.H.E.: Wächst die Seuchengefahr? Globale Epidemien und Armut:
Strategien zur Seucheneindämmung in einer vernetzten Welt (Klaus Wiegand, ed.), ISBN 978-3-596-17664-9, Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt (2007)

Ansprechpartner für Rückfragen:

Prof. Dr. Dr. h. c. Stefan H. E. Kaufmann

Direktor
Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie
Department of Immunology
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Tel: +49 30 28460-500/ -506
Fax: +49 30 28460-501
E-Mail: kaufmann@mpiib-berlin.mpg.de
Internet: http://www.mpiib-berlin.mpg.de/
Prof. Dr. med. Reinhold E. Schmidt
Klinik für Immunologie und Rheumatologie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
Tel.: +49-511-532-6656
Fax: +49-511-532-9067
E-Mail: immunologie@mh-hannover.de
Internet: www.mh-hannover.de/kir.html
Dr. med. Julia Rautenstrauch
Pressereferentin ECI 2009 Berlin
MedCongress GmbH
Geschäftsführer:
Dr. Julia Rautenstrauch, Hans-Joachim Erbel
Postfach 70 01 49
70571 Stuttgart
Tel: +49 711 72 07 12 0
Fax: +49 711 72 07 12-29
Gerichtsstand: Amtsgericht Stuttgart HRB 22288
jr@medcongress.de

Dr. Julia Rautenstrauch | idw
Weitere Informationen:
http://www.medcongress.de
http://www.eci-berlin2009.com

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Genetische Vielfalt schützt vor Krankheiten
23.05.2018 | Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

nachricht Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt
22.05.2018 | Technische Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Im Focus: Achema 2018: Neues Kamerasystem überwacht Destillation und hilft beim Energiesparen

Um chemische Gemische in ihre Einzelbestandteile aufzutrennen, ist in der Industrie die energieaufwendige Destillation gängig, etwa bei der Raffinerie von Rohöl. Forscher der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) entwickeln ein Kamerasystem, das diesen Prozess überwacht. Dabei misst es, ob es zu einer starken Tropfenbildung kommt, was sich negativ auf die Trennung der Komponenten auswirken kann. Die Technik könnte hier künftig automatisch gegensteuern, wenn sich Messwerte ändern. So ließe sich auch Energie einsparen. Auf der Prozesstechnik-Messe Achema in Frankfurt stellen sie die Technik vom 11. bis 15. Juni am Forschungsstand des Landes Rheinland-Pfalz (Halle 9.2, Stand A86a) vor.

Bei der Destillation werden Flüssigkeiten durch Verdampfen und darauffolgende Kondensation des Dampfes in ihre Bestandteile getrennt. Ein bekanntes Beispiel...

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rotierende Rugbybälle unter den massereichsten Galaxien

23.05.2018 | Physik Astronomie

Invasive Quallen: Strömungen als Ausbreitungsmotor

23.05.2018 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Matrix-Theorie als Ursprung von Raumzeit und Kosmologie

23.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics