Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Motte trickst Abwehr der Eiche aus

31.08.2012
Eichenwickler können Abwehrmechanismen ihrer Wirtsbäume für sich nutzen

Immer wieder kann man im Sommer Eichen beobachten, die von massenhaft auftretenden Larven des Eichenwicklers, eines Kleinschmetterlings, kahlgefressen wurden. Dabei sind die Wirtsbäume keineswegs nur die passiv Duldenden und die blattfressenden Larven die Aktiven.


Eichenwickler-Weibchen
(© Saskia Lieberei)


Typisches Befallsbild eines Eichenwickler-Schadens
(© Hilke Schröder)

Pflanzen und Fressfeinde liefern sich einen permanenten Kampf zwischen Abwehr, dem Durchbrechen der Abwehr und dem Entwickeln neuer Abwehrmechanismen. Forstwissenschaftler des Thünen-Instituts in Großhansdorf bei Hamburg konnten jetzt in Kooperation mit dem Helmholtz Zentrum München ein neues Detail in diesem komplizierten Gefüge aufklären.

Pflanzen haben im Laufe der Evolution eine stattliche Ausrüstung an Abwehrmechanismen gegen Insekten-Attacken entwickelt. So können manche, wenn sie befressen werden, gasförmige Substanzen freisetzen, mit denen sie Gegenspieler der blattfressenden Insekten anlocken, um mit ihrer Hilfe die Schädlinge zu dezimieren. Diese „Hilfs-Gase“ sind Schlüsselsubstanzen in der Pflanzenabwehr. Andere Pflanzen können Stoffe in ihren Blättern einlagern, die für Insekten giftig sind. Die entsprechenden Insekten reagieren ihrerseits mit Anpassungsmechanismen, bis hin zur Einbindung dieser Giftstoffe in ihr eigenes Gewebe, um so von ihren Feinden – räuberischen oder parasitischen Insekten – nicht gefressen zu werden.

Forscher am Thünen-Institut für Forstgenetik haben über mehrere Jahre das faszinierende Wechselspiel zwischen Eichenwickler-Raupen und ihren Wirtsbäumen untersucht. Ihnen war aufgefallen, dass die Raupen nicht alle Eichen gleichermaßen befallen. Es gibt Eichen, die von den Schmetterlingsraupen auffällig wenig befressen werden, während andere mehrere Jahre hintereinander immer wieder ihre Blätter fast vollständig verlieren. Die ersten wurden als „tolerant“ (T-Eichen), die letzteren als „sensitiv“ (S-Eichen) eingestuft. In einem DFG-geförderten Projekt suchten die Wissenschaftler mit genetischen, biochemischen und Verhaltens-Analysen nach den Ursachen für diesen Unterschied.

Werden die Raupen des Eichenwicklers vor die Wahl gestellt, Blätter von T- oder S-Eichen zu fressen, dann bevorzugen sie die Blätter der sensitiven Eichen. Diese Blätter enthalten geringere Mengen eingelagerter Giftstoffe als Blätter der T-Eichen. Doch schon die Weibchen des Eichenwicklers, die geeignete Eichen für die Eiablage suchen müssen, zeigen eine deutliche Präferenz für S-Eichen. Dafür nehmen sie offenbar die „Hilfs-Gase“ wahr, die die Eichen aussenden, und reagieren darauf: T-Eichen bilden vor allem gasförmige Substanzen, die unmittelbar abschreckend auf blattfressende Insekten wirken, während S-Eichen bevorzugt Stoffe aussenden, mit denen sie Räuber und Parasitoide zu Hilfe rufen. Und genau dieser Hilferuf wird von den Weibchen als Lockstoff genutzt, da er zu den S-Eichen führt, die weniger Giftstoffe in ihre Blätter einlagern und damit für die blattfressenden Schmetterlingsraupen nahrhafter sind. Das Risiko, dass sich etwas mehr Gegenspieler einstellen, wird dabei in Kauf genommen. Damit tricksen die Weibchen ihre Wirtspflanzen aus – der eigentlich als Abwehr entwickelte Mechanismus der S-Eichen wird zum Bumerang.
Ihre Ergebnisse haben die Thünen-Forscher in dem Fachjournal „Plant, Cell and Environment“ veröffentlicht. In weiteren Arbeiten wollen sie nun genetische Marker entwickeln, um bereits im Saatgut eine Klassifizierung von Eichen in sensitiv oder tolerant zu ermöglichen.

Nähere Informationen in:
Ghirardo A, Heller W , Fladung M, Schnitzler JP, Schroeder H. (2012): Function of defensive volatiles in pedunculate oak (Quercus robur) is tricked by the moth Tortrix viridana. Plant, Cell and Environment, DOI: 10.1111/j.1365-3040.2012.02545.x

Ansprechpartnerin:
Dr. Hilke Schröder
Thünen-Institut für Forstgenetik
22927 Großhansdorf
Tel.: 04102 696-148

Dr. Michael Welling | vTI

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark
25.07.2017 | Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg

nachricht Welcher Scotch ist es?
25.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

IT-Experten entdecken Chancen für den Channel-Markt

25.07.2017 | Unternehmensmeldung

Erst hot dann Schrott! – Elektronik-Überhitzung effektiv vorbeugen

25.07.2017 | Seminare Workshops

Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark

25.07.2017 | Biowissenschaften Chemie