Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lichterwald statt Wienerwald - Wie künstliches Licht das Liebesleben der Vögel verändern könnte

25.07.2014

Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass künstliche Beleuchtung in Städten negative Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Umwelt haben kann. VerhaltensbiologInnen der Vetmeduni Vienna untersuchen in einem laufenden Forschungsprojekt, wie Blaumeisen im Wienerwald auf “Lichtverschmutzung“ reagieren.

Die Ergebnisse könnten in Zukunft dazu beitragen, negative Effekte auf das Leben der Tiere und das gesamte Ökosystem im Wienerwald möglichst gering zu halten. Das Forschungsprojekt läuft seit Beginn dieses Jahres und wird von der Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien gefördert.


Blaumeisen (Cyanistes caeruleus) sind Stadtbewohner Wiens.

Foto: Katharina Mahr

Die „innere Uhr“ oder der sogenannte zirkadiane Rhythmus werden vom Tag-Nacht-Rhythmus bestimmt. Dieser Rhythmus betrifft Menschen, Tiere aber auch die Funktionsweise von Pflanzen. Besonders für Vögel ist Licht ein wichtiger Zeitgeber anhand dessen die Tiere wissen, wann es beispielsweise Zeit ist sich zu Paaren, zu Brüten, auf Futtersuche oder auf Wanderschaft zu gehen. Wird der natürliche Tag- und Nachtrhythmus durch künstliches Licht „verschmutzt“, ändern sich möglicherweise auch die natürlichen Verhaltensweisen der Tiere.

Der „Light at Night“-Effekt stört Orientierungssinn der Vögel

Katharina Mahr und Herbert Hoi vom Konrad Lorenz Institut für vergleichende Verhaltensforschung der Vetmeduni Vienna interessieren sich für den sogenannten „Light at Night“-Effekt bei wild lebenden Vögeln. „Es gibt bereits einige wissenschaftliche Studien in denen der Effekt von künstlichem Licht auf die Orientierung und die Aktivität von Vögeln untersucht wurde. „Licht schränkt beispielsweise den Orientierungssinn der Vögel massiv ein“, so die Verhaltensökologin Mahr.

Das Wiener Forschungsteam gehört zu den ersten, die experimentell Effekte künstlicher Beleuchtung in der natürlichen Lebensumgebung der Tiere untersucht. Sie interessieren sich dabei im Besonderen für das Fortpflanzungsverhalten von Blaumeisen im Wienerwald. „Blaumeisen eignen sich gut für diese Studie, da wir viel über ihr Paarungs- und Fortpflanzungsverhalten wissen. Außerdem sind Blaumeisen häufige Stadtbewohner und somit oft künstlichem Licht ausgesetzt“, erklärt Studienleiterin Mahr.

LED-Leuchten im Wald

Über einen Zeitraum von etwa drei Wochen erhellten LED-Leuchten zwei zusätzliche Stunden in der Früh, vor dem Sonnenaufgang und am Abend nach dem Sonnenuntergang verschiedene Areale des Wienerwaldes. In diesem Zeitraum untersuchten die WissenschafterInnen die Häufigkeit, mit der die Elterntiere ihre Jungen fütterten, die Qualität des Futters, zu welchen Zeitpunkten die Vögel mit der Paarung begannen und die Stresshormone im Kot der Tiere. Außerdem analysierten sie die Verwandtschaftsgrade der Jungen untereinander. Weibchen paaren sich möglicherweise häufiger als sonst mit mehreren Männchen und ziehen dann Junge verschiedener Väter groß.

Die Forschenden arbeiten gerade an der Auswertung der gesammelten Daten. Erste Ergebnisse sollen im kommenden Jahr veröffentlicht werden.

„Es gibt Hinweise darauf, dass der zirkadiane Rhythmus die Partnerwahl und die Jungvogelaufzucht mitbestimmen“, meint Mahr. Wie sensibel Vögel gegenüber Licht reagieren ist beispielsweise aus der Hühnerhaltung bekannt. Mit einem künstlich gesteuerten Tag-Nachtrhythmus bringt man die Tiere dazu, mehr Eier zu legen.“

Künstliches Licht bewirkt möglicherweise Geschlechterkonflikt

„Wir gehen davon aus, dass sich Licht in der Nacht auf die Partnerwahlstrategien der Vögel auswirkt. Männchen stehen beispielsweise gern im Rampenlicht, während Weibchen lieber im Dunkeln bleiben. Licht könnte also das Liebesleben der Geschlechter unterschiedlich beeinflussen. Blaumeisenmännchen sind zudem "Morgensänger". Besonders fitte Männchen beginnen bereits in der Morgendämmerung mit ihrem Gesang. Blaumeisenweibchen gehen beispielsweise häufig fremd, tun das aber im Verborgenen. Ob künstliches Licht also einen Konflikt zwischen den Geschlechtern verursacht, wollen wir herausfinden“, erklärt Mahr.

Dass so ein Konflikt die Fortpflanzung der Meisen beeinträchtigt, hat Mahr in einer vorangegangenen Studie gezeigt. http://www.frontiersinzoology.com/content/9/1/14 Außerdem kann die durch Kunstlicht verkürzte Ruheperiode zu einer zusätzlichen Stressbelastung bei den Küken führen.

Licht stört möglicherweise gesamtes Waldökosystem

„Das vermehrte Licht könnte sich auch auf andere Lebewesen im Wienerwald auswirken. Auch Insekten könnten betroffen sein. Sie sind eine wichtige Futterquelle für viele Waldbewohner“, so Mahr. „Städtische Beleuchtung ist natürlich wichtig für Sicherheit und Komfort, dennoch sollte bei der Planung berücksichtigt werden, wo Lichtquellen wirklich nötig sind. Auf beleuchtete Werbetafeln könnte beispielsweise verzichtet werden. Beleuchtungsfreie Zonen könnten bewusst eingeplant werden. Unsere Studie soll zukünftig auch Entscheidungsträger ermutigen, sich über das Thema Gedanken zu machen“, plädiert Mahr.

Service:

Das Forschungsprojekt „Does Light Pollution affect the Breeding Performance of wild Blue Tits (yanistes caeruleus) in the Viennese Forest?” unter der Leitung von Mag. Katharina Mahr vom Konrad Lorenz Institut für Vergleichende Verhaltensforschung wird von der Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien finanziert und läuft seit 1.1.2014 bis Ende desselben Jahres.

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien
Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist eine der führenden veterinärmedizinischen, akademischen Bildungs- und Forschungsstätten Europas. Ihr Augenmerk gilt der Tiergesundheit und der Lebensmittelsicherheit. Im Forschungsinteresse stehen die Gesundheit von Tier und Mensch sowie Themen der Tierhaltung und des Tierschutzes. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.200 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. http://www.vetmeduni.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:
Mag.rer.nat. Katharina Mahr
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 676 9419955
katharina.mahr@vetmeduni.ac.at

Aussenderin:
Dr.rer.nat. Susanna Kautschitsch
Wissenschaftskommunikation / Public Relations
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-1153
susanna.kautschitsch@vetmeduni.ac.at

Weitere Informationen:

http://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/presseinformationen/presseinfo2014/lic...

Dr. Susanna Kautschitsch | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Eine Karte der Zellkraftwerke
18.08.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung
18.08.2017 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie