Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Länger leben: Vielfalt in den Immungenen lässt Gamsböcke älter werden

11.05.2012
Wissenchafter vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna und Kollegen zeigen nun, dass Gamsböcke, die an einem bestimmten Immungenort heterozygot sind (d.h., die zwei verschiedene Formen dieses Gens besitzen) deutlich länger leben als homozygote Individuen (d.h. jene mit zwei identischen Kopien des Gens). Für weibliche Gämsen fanden sie keinen solchen Effekt. Ihre Ergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „BMC Evolutionary Biology“ veröffentlicht.

Säugetierweibchen, Menschen eingeschlossen, werden tendenziell älter als Männchen. Diese Tatsache wird im Allgemeinen dem aggressiven, mit hohem Energieverbrauch verbundenen Verhalten der Männchen zugeschrieben, das sie vor allem beim Wettbewerb um Weibchen zeigen.


Gamsgeißengruppe mit Jungtieren (Foto: Agnes Haymerle)

Möglicherweise sind Männchen deshalb auch anfälliger für Parasiten. Es wurde daher vermutet, dass hohe Variabilität bei Immungenen, die gegen Pathogene schützt, für Männchen wichtiger ist als für Weibchen.

Wissenchafter vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmeduni Vienna und Kollegen konnten jetzt zeigen, dass Gamsböcke, die an einem bestimmten Immungenort heterozygot sind (d.h., die zwei verschiedene Formen dieses Gens besitzen) in der Tat deutlich länger leben als homozygote Individuen (d.h. jene mit zwei identischen Kopien des Gens). Für weibliche Gämsen fanden sie keinen solchen Effekt. Ihre Ergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „BMC Evolutionary Biology“ veröffentlicht.

Der Preis der Liebe

Es überrascht kaum, dass Männchen viel Energie aufwänden, um Weibchen zu beeindrucken. Um die Kosten dieser Anstrengungen besser zu verstehen, untersuchten Helmut Schaschl, Franz Suchentrunk, David L. Morris, Hichem Ben Slimen, Steve Smith, und Walter Arnold in einer Langzeitstudie die Überlebensmuster von freilebenden Gamsböcken und -geißen (Rupicapra rupicapra) und ihre mögliche immungenetischen Grundlagen.

Frei lebende Gämsen werden durchschnittlich 16 bis 20 Jahre alt. Bei Gamsböcken kann die Überlebensrate aber schon nach elf Jahren deutlich zurückgehen. Das war der Fall in Gebieten der Ostalpen, in denen die Gamsräude, eine hoch ansteckende Krankheit, in regelmäßigen Wellen auftritt. Dort haben die fortpflanzungsaktiven Männchen eine höhere Sterberate als Weibchen und jüngere Böcke, vermutlich weil sie die Brunft im Winter viel Energie kostet. „Wir fanden, dass die älteren Gamsböcke ihre Fettreserven am Ende des harten alpinen Winters schon etwa sechs Wochen früher aufgebraucht hatten als Geißen oder junge Böcke“, sagt Walter Arnold, einer der Studienautoren. „Damit können die Tiere weniger Energie für das Immunsystem bereitstellen. Das könnte erklären, warum die genetische Komponente der Immunabwehr für Männchen wichtiger ist als für Weibchen.“

Genetische Vielfalt verlängert Leben

Die Forscher machten sich daher auf die Suche nach genetischen Eigenschaften des Immunsystems, von denen man vermutete, dass sie die Anfälligkeit für Krankheiten reduzieren. Sie untersuchten die Variabilität (d.h. Homo- versus Heterozygotie) eines Gens aus dem sogenannten Major Histocompatibility Complex (MHC), der eine wichtige Rolle bei der Erkennung von Krankheitserregern spielt. Er stellte sich heraus, dass der Anteil heterozygoter Gamsböcke mit dem Alter zunahm. Dies sprach für höhere Sterblichkeit der homozygoten Tiere. Bei Geißen konnte dieser Trend nicht festgestellt werden. Wichtig ist, dass die Überlebensrate der Gamsböcke nicht mit ihrer allgemeinen genetischen Vielfalt zusammenhing, sondern tatsächlich nur mit der Vielfalt beim untersuchten MHC-Gen. Das macht Sinn, da unterschiedliche Immungen-Varianten ein breiteres Spektrum von Krankheitserregern erkennen können und damit eine verbesserte Immunität verleihen. „Der höhere Energiebedarf älterer Böcke wird offenbar nur dann zum Problem, wenn ihr Immunsystem stark gefordert wird. In einer solchen Situation haben männliche Tiere mit einer hohen Vielfalt in den Immungenen anscheinend einen deutlichen Überlebensvorteil“, erklärt Arnold. Die Forschungsergebnisse deuten also auf einen geschlechtsspezifischen Fitnessvorteil durch höhere MHC-Variabilität hin.

Der Artikel „Sex-specific selection for MHC variability in Alpine chamois” von Helmut Schaschl, Franz Suchentrunk, David L Morris, Hichem Ben Slimen, Steve Smith und Walter Arnold ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „BMC Evolutionary Biology“ (2012, 12:20) erschienen.

Der wissenschaftliche Artikel im Volltext ist online verfügbar (Open Access):
http://www.biomedcentral.com/1471-2148/12/20
Rückfragehinweis
O.Univ.Prof. Dr. Walter Arnold
Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie
Department für Integrative Biologie und Evolution
Veterinärmedizinische Universität Wien
Savoyenstraße 1
A-1160 Vienna, Austria
E walter.arnold@vetmeduni.ac.at
T +43 1 489 0915-100
Aussender
Mag. Klaus Wassermann
Öffentlichkeitsarbeit/Wissenschaftskommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien
E klaus.wassermann@vetmeduni.ac.at
T +43 1 25077-1153

Klaus Wassermann | idw
Weitere Informationen:
http://www.biomedcentral.com/1471-2148/12/20

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens
23.01.2017 | Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e.V.

nachricht Ionen gegen Herzrhythmusstörungen – Nicht-invasive Alternative zu Katheter-Eingriff
20.01.2017 | GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie

Vom Feld in die Schule: Aktuelle Forschung zu moderner Landwirtschaft für den Unterricht

23.01.2017 | Bildung Wissenschaft

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungsnachrichten