Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Krebsfördernde Wirkung eines Proteins aufgeklärt: LIN28B induziert das Wachstum von Neuroblastomen

08.10.2012
Das Neuroblastom ist der häufigste solide Tumor des Kindesalters und für rund 15% aller Krebstodesfälle im Kindesalter verantwortlich.

Daher hat die Suche nach Ansatzpunkten für neue Behandlungsstrategien der Neuroblastome eine hohe Relevanz. Einem internationalen Forscherteam um Prof. Dr. med. Johannes H. Schulte aus dem Nationalen Genomforschungsnetz (NGFN) ist es nun gelungen, einen solchen Ansatzpunkt zu finden.

Das Team konnte die krebsfördernde Wirkung des Proteins LIN28B bei der Neuroblastom-Entstehung nachweisen und die Ergebnisse jetzt in der angesehen Fachzeitschrift Nature Genetics veröffentlichen.

Eine onkogene, d.h. Tumor-induzierende Wirkung von LIN28B wird schon seit längerem diskutiert, war bisher jedoch nicht nachgewiesen. Die internationale Forschergruppe um Prof. Schulte von der Pädiatrischen Onkologie und Hämatologie der Universitätsklinik Essen fand bei Untersuchungen von Neuroblastomen in der unter anderem über das Nationale Genomforschungsnetz (NGFN) und die Deutsche Krebshilfe geförderten Arbeit eine höhere Aktivierung von LIN28B in Neuroblastomen als in allen anderen untersuchten Tumoren und Normalgeweben. Diese erhöhte Expression ließ sich auf eine Vervielfältigung des LIN28B Gens zurückführen, die wiederum eine größere Menge des LIN28B Proteins zur Folge hatte. Dieses Protein hemmt microRNAs der Let7-Familie und unterdrückt damit deren tumorinhibierende Wirkung, wie hier am Neuroblastom gezeigt wurde.

MicroRNAs sind kurze RNA-Moleküle, die sich spezifisch an bestimmte mRNA-Abschnitte heften und so die Übersetzung von mRNAs in Proteine unterdrücken. MicroRNAs der Let7-Familie binden an die mRNAs bekannter Onkogene und bewirken so, dass diese abgebaut werden.

Die Forscher wiesen in Zellkulturexperimenten nach, dass LIN28B über die Bindung und Inhibierung von Let-7 microRNAs eine massive Erhöhung der Expression des Onkogens MYCN bewirkt, das sonst von Let-7 microRNAs reguliert wird. MYCN wiederum fördert das Wachstum und die Zellteilung von Neuroblastomzellen und unterdrückt deren Differenzierung. Um die Bedeutung von LIN28B im Gesamtorganismus zu untersuchen, bauten die Forscher eine Extrakopie des Lin28b Gens in das Mausgenom ein und aktivierten dieses Gen in der Neuralleiste, dem vermuteten Ursprungsgewebe der Neuroblastome. Tatsächlich entwickelten diese Mäuse aggressive Neuroblastome, die eine sehr hohe Expression von MYCN aufwiesen.

Um herauszufinden, ob die Neuroblastome der Lin28b-transgenen Mäuse MYCN-abhängig sind, wurden diese mit der Substanz JQ1 behandelt. JQ1 inhibiert die Expression von MYCN und befindet sich bereits in der präklinischen Entwicklung. Tatsächlich führte die Behandlung mit JQ1 in den Neuroblastomen mit erhöhtem Lin28b zur Verringerung des Onkogens MYCN und zum programmierten Zelltod der Tumorzellen, im Unterschied zu den unbehandelten Tumoren.

„Mit diesen Experimenten konnten wir erstmals nachweisen, dass es sich bei LIN28B wirklich um ein Onkogen handelt, das die Fähigkeit besitzt, Tumore zu induzieren“, sagt Prof. Schulte. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Aktivierung von MYCN durch LIN28B. „LIN28B stellt somit den möglichen Ansatzpunkt einer zielgerichteten Therapie des Neuroblastoms dar. Die Entwicklung von Substanzen, die spezifisch LIN28B hemmen, ist bereits in Planung“, erläutert Prof. Schulte.

Originaltitel der Publikation:
Nature Genetics (2012). LIN28B induces neuroblastoma and enhances MYCN levels via let-7 suppression. Molenaar JJ, Domingo-Fernández R, Ebus ME, Lindner S, Koster J, Drabek K, Mestdagh P, van Sluis P, Valentijn LJ, van Nes J, Broekmans M, Haneveld F, Volckmann R, Bray I, Heukamp L, Sprüssel A, Thor T, Kieckbusch K, Klein-Hitpass L, Fischer M, Vandesompele J, Schramm A, van Noesel MM, Varesio L, Speleman F, Eggert A, Stallings RL, Caron HN, Versteeg R, Schulte JH. Publikation am 07. Oktober 2012, doi:10.1038/ng.2436

Nationales Genomforschungsnetz (NGFN)
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert die Untersuchung von Neuroblastomen seit 2001 im Nationalen Genomforschungsnetz (NGFN). Die Förderung wird seit 2008 im Bereich NGFN-Plus in dem Programm der Medizinischen Genomforschung fortgeführt. Die hier vorgestellten Arbeiten wurden unter Federführung des Integrierten Genomverbundes „Extended Neuroblastoma Genome Interaction Network - ENGINE“, Koordination Prof. Dr. Angelika Eggert, im Rahmen von NGFN-Plus angefertigt.

Für weitere Fragen stehen zur Verfügung:
Prof. Dr. med. Johannes H. Schulte
Universitätsklinikum Essen
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Kinderklinik III - Pädiatrische Hämatologie und Onkologie
Hufelandstr. 55, 45122 Essen
Telefon: +49 (0) 201 723 85185
Mobil: +49 (0) 170 5824441
Telefax: +49 (0) 201 7235750
E-Mail: johannes.schulte@uni-due.de
home: http://www.schulte-lab.de

Pressekontakt NGFN:
Dr. Cornelia Depner
NGFN Geschäftsstelle
c/o Deutsches Krebsforschungszentrum, V025
Im Neuenheimer Feld 280, 69120 Heidelberg
Tel.: 06221 42-4742
Fax: 06221 42-4651
E-Mail: c.depner@dkfz.de

Dr. Cornelia Depner | idw
Weitere Informationen:
http://www.ngfn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop
16.01.2017 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Nervenkrankheit ALS: Mehr als nur ein Motor-Problem im Gehirn?
16.01.2017 | Leibniz-Institut für Neurobiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie