Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Krebs und Organversagen im Alter: Wnt-Aktivität reguliert Überleben von Stammzellen bei DNA-Schäden

26.01.2015

Der Wnt-Signalweg reguliert die Aktivität von Stammzellen und ist deswegen für den Erhalt und die Regeneration von Geweben wichtig.

Forscher des Jenaer Leibniz-Instituts für Altersforschung und der Universität Ulm fanden nun einen neuen Mechanismus, der zeigt, wie Stammzellen im Darm als Antwort auf DNA-Schäden überleben können. Die Lage in der Gewebenische bestimmt die Wnt-Aktivität und so das Überleben der Stammzellen: sie überleben nur am Rand und bei geringer Wnt-Aktivität.


Das Überleben von Stammzellen im Darm wird bei DNA-Schäden von der Wnt-Aktivität geregelt - sie überleben nur am Rand der Krypte und bei geringer Wnt-Aktivität.

[Grafik: K. Wagner / FLI; © Sebastian Kaulitzki / panthermedia.net]

Diese Ergebnisse sind wichtig, da DNA-Schäden im Alter auftreten und zum Verlust der Stammzellen und Organfunktion beitragen. Gleichzeitig kann ein Überleben von geschädigten Stammzellen zur Krebsentstehung führen.

Stammzellen finden sich in fast allen Geweben und Organen des Menschen und tragen grundlegend zur Erneuerung und Regeneration von Organen und Geweben bei. Ein zentrales Phänomen, das eng mit dem Alternsprozess verbunden ist, ist die Anhäufung von Schäden (Mutationen) im Erbgut, der DNA. Da Stammzellen zu den langlebigsten Zellen in zellteilungsaktiven Organen gehören, besitzen sie ein besonders hohes Risiko, Mutationen anzusammeln.

Alternsabhängige Veränderungen adulter Stammzellen führen daher nicht nur zum Funktionsverlust von Geweben und Organen, sondern auch zur Entstehung von Krebs. Die Ursachen und molekularen Details des alternsabhängigen Anhäufens von DNA-Schäden sind noch weitgehend unbekannt.

„Eine wichtige Frage ist, wie Stammzellen auf DNA-Schäden reagieren? Ein Absterben der Stammzellen kann zum Organversagen führen, ein Überleben von geschädigten Stammzellen zur Krebsentstehung. Welche Signale diese Balance kontrollieren ist weitgehend unbekannt“, unterstreicht Prof. Lenhard Rudolph, Arbeitsgruppenleiter und Wissenschaftlicher Direktor am FLI.

Diesen Fragen gingen nun Forscher des Jenaer Leibniz-Instituts für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) zusammen mit Kollegen der Universität Ulm nach und untersuchten, welche Auswirkungen DNA-Schäden auf das Überleben von Stammzellen im Darmepithel haben.

Der Darm hat die Funktion, die mit der Nahrung aufgenommenen Nährstoffe zu absorbieren und nicht verwertbare Stoffe zu entsorgen. Das Darmepithel gehört zu den Geweben mit der höchsten Teilungsaktivität; es erneuert sich komplett neu in 14-Tage-Intervallen. Hierfür sind Stammzellen am Boden der Darmepithelkrypten notwendig. Die Aktivität dieser Stammzellen und die Selbsterneuerung des Darmepithels werden vor allem durch den Wnt-Signalweg kontrolliert. Derselbe Signalweg steht aber auch mit der Entstehung von Darmkrebs in Zusammenhang.

„Unsere Studien zeigen, dass Stammzellen, die sich am Nischenrand befinden, DNA-Schäden besser tolerieren und überleben können, als solche, die sich direkt auf dem Nischenboden befinden“, berichtet Dr. Si Tao, Postdoktorandin in der AG Rudolph am FLI. Den Unterschied macht der Wnt-Signalweg aus, denn für die Selbsterneuerung benötigen die Stammzellen den Wnt-Liganden, der von den Paneth-Zellen gebildet wird, die ebenfalls am Boden der Nische sitzen.

„Da die Stammzellen am Boden von mehreren Paneth-Zellen umgeben sind, werden sie auch stärker aktiviert als die, die am Rand der Nische sitzen“, erklärt Prof. Michael Kühl, Direktor des Instituts für Biochemie und Molekulare Biologie der Universität Ulm und co-korrespondierender Autor der Studie. Eine sehr hohe Wnt-Aktivität führt zum Absterben der Stammzellen am Boden, während eine reduzierte Wnt-Aktivität bei den Stammzellen am Rand diese vor DNA-Schäden schützt und ihr Überleben absichert. „Wir haben damit eine Population von Stammzellen identifiziert, die quasi als Reserve-Stammzellpopulation in Antwort auf den Alternsprozess und die Anhäufung von DNA-Schäden fungieren kann“.

Wie kommt es aber zu dieser unterschiedlichen Überlebensstrategie? Die Wnt-Aktivierung führt zu einer vermehrten DNA-Schadensantwort; das Tumorsuppressorgen p53 wird aktiviert und löst die Stammzell-Apoptose, den kontrollierten "Selbstmord" der Zelle, aus. „Die Studie zeigt, wie die Modulierung des Wnt-Signallevels die Empfindlichkeit der Stammzellen gegenüber DNA-Schäden reguliert. Dies ist für unser Verständnis von Alternsprozessen im Darmepithel und die Entstehung von Darmkrebs – eine der häufigsten Krebserkrankungen im Alter – von besonderer Bedeutung“, unterstreicht Prof. Rudolph, co-korrespondierender Autor vom FLI in Jena, die jetzt im EMBO Journal veröffentlichten Forschungsergebnisse.

Dieser neue Regelmechanismus zwischen DNA-Schadensantwort und Wnt-Aktivität impliziert auch neue Wege für die Tumorforschung. „Die pharmakologische Aktivierung des Wnt-Signalweges könnte eventuell zur Eliminierung geschädigter Krebsstammzellen führen und damit die Therapiemöglichkeiten bei Darmkrebs verbessern“, mutmaßen die Forscher.

Publikation
Si Tao, Duozhuang Tang, Yohei Morita, Tobias Sperka, Omid Omrani, André Lechel, Vadim Sakk, Johann Kraus, Hans A. Kestler, Michael Kühl & K. Lenhard Rudolph. Wnt activity and basal niche position sensitize intestinal stem and progenitor cells to DNA damage. EMBO J. 2015, doi: 10.15252/embj.201490700.

Kontakt:
Dr. Kerstin Wagner
Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI)
Beutenbergstr. 11, 07745 Jena
Tel.: 03641-656378, Fax: 03641-656351, E-Mail: presse@fli-leibniz.de


Hinweis:
Das zur Verfügung gestellte Bildmaterial darf nur im Zusammenhang mit dieser Pressemitteilung verwendet werden (Quelle u.a. panthermedia.net).


Hintergrundinfo
Das Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena widmet sich seit 2004 der biomedizinischen Alternsforschung. Über 330 Mitarbeiter aus 30 Nationen forschen zu molekularen Mechanismen von Alternsprozessen und alternsbedingten Krankheiten. Näheres unter http://www.fli-leibniz.de.

Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 89 selbständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen ‑ u.a. in Form der WissenschaftsCampi ‑, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 17.200 Personen, darunter 8.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,5 Milliarden Euro. Näheres unter http://www.leibniz-gemeinschaft.de.

Die Universität Ulm, jüngste in Baden-Württemberg, wurde 1967 als Medizinisch-Naturwissenschaftliche Hochschule gegründet. Seither ist das Fächerspektrum deutlich erweitert worden. Die zurzeit rund 10.000 Studentinnen und Studenten verteilen sich auf vier Fakultäten („Medizin“, „Naturwissenschaften“, „Mathematik und Wirtschaftswissenschaften“ sowie „Ingenieurwissenschaften und Informatik“).
Die Universität Ulm ist Motor und Mittelpunkt der Wissenschaftsstadt, in der sich ein vielfältiges Forschungsumfeld aus Kliniken, Technologie-Unternehmen und weiteren Einrichtungen entwickelt hat. Als Forschungsschwerpunkte der Universität gelten Lebenswissenschaften und Medizin, Bio-, Nano- und Energiematerialien, Finanzdienstleistungen und ihre mathematischen Methoden sowie Informations-, Kommunikations- und Quanten-Technologien. Näheres unter http://www.uni-ulm.de

Weitere Informationen:

http://www.fli-leibniz.de - Homepage Leibniz-Institut für Altersforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI) Jena

Dr. Kerstin Wagner | Leibniz-Institut für Altersforschung - Fritz-Lipmann-Institut e.V. (FLI)

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Medikamente aus der CLOUD: Neuer Standard für die Suche nach Wirkstoffkombinationen
23.05.2017 | CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

nachricht Mikro-Lieferservice für Dünger
23.05.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungen

Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquium 2017: Internet of Production für agile Unternehmen

23.05.2017 | Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Medikamente aus der CLOUD: Neuer Standard für die Suche nach Wirkstoffkombinationen

23.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Diabetes Kongress 2017:„Closed Loop“-Systeme als künstliche Bauchspeicheldrüse ab 2018 Realität

23.05.2017 | Veranstaltungsnachrichten

CAST-Projekt setzt Dunkler Materie neue Grenzen

23.05.2017 | Physik Astronomie