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Kakadus wissen, was im Verborgenen geschieht

29.07.2013
Wie wissen Menschen, dass Kekse immer noch existieren, obwohl sie im Küchenkasten vorübergehend nicht sichtbar sind? Und warum wissen wir, wann und wo ein Auto, das in einem Tunnel verschwunden ist, wieder erscheinen wird?

Die Fähigkeit, die Bewegung von Objekten zu verfolgen, die vorübergehend außer Sicht sind, ist geistig anspruchsvoll. Ein internationales Team um Alice Auersperg vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien zeigt, dass die "Objekt-Permanenz" von Goffini-Kakadus ähnliche Ausmaße erreicht wie die von Menschenaffen oder vierjährigen Kindern. Diese Ergebnisse erscheinen aktuell im renommierten wissenschaftlichen Fachjournal "Journal of Comparative Psychology".


Woher wissen wir, dass etwas noch da ist, obwohl wir es gerade nicht sehen können? Volle Objekt-Permanenz, eingeschlossen unsichtbarer Verschiebungen durch Raum und Zeit, braucht bei Kindern Jahre um sich zu entwickeln.
Copyright: Alice Auersperg


Schematische Präsentation der unsichtbaren Verschiebungsaufgaben: In regulären, unsichtbaren Verschiebungen nach Piaget wird die Belohnung unter einem Hütchen hinter größere Verdeckungen bewegt. In Transpositionen werden mehrere Hütchen miteinander ausgetauscht, unter einem der Hütchen findet sich die Belohnung. In Rotationen werden die Hütchen auf einer Plattform in verschiedenen Winkeln (90°, 180°, 270° und 360°) rotiert und in Translokationen wird das Versuchstier um die Hütchen herumgetragen und in verschiedenen Winkeln dazu entlassen.
Copyright: Alice Auersperg

Der französische Psychologe Jean Piaget entwickelte in den 50er Jahren verschiedene Tests, um das räumliche Gedächtnis und die Verfolgungsfähigkeiten von Kindern und Tieren zu messen: In ursprünglich unsichtbaren Verschiebungsaufgaben wird die Belohnung unter einem kleinen Hütchen hinter einer oder mehreren größeren Verdeckungen vorbeibewegt. Zwischen den Besuchen der Verdeckungen wird das Hütchen kurz hochgehoben: Wenn es leer ist bedeutet das, dass die Belohnung hinter der letzten Verdeckung versteckt sein muss. Kinder lösen diese Aufgabe mit etwa zwei Jahren, während bei Primaten bisher nur die großen Menschenaffen überzeugende Ergebnisse lieferten.

Anspruchsvoller in Bezug auf Aufmerksamkeit sind "Transposition"-Tests: Dabei wird die Belohnung unter einem von mehreren gleichen Hütchen versteckt, welche dann ein- oder mehrmals ausgetauscht werden. Die meisten Kinder lösen diese Aufgabe erst mit drei bis vier Jahren. Auch Menschenaffen lösen Transpositionen, haben aber mehr Schwierigkeiten mit doppelten wie mit einzelnen Vertauschungen der Hütchen.

In "Rotationen" wiederum sind mehrere gleiche Hütchen auf einem länglichen Brettchen aufgestellt, das in verschiedenen Winkeln drehbar ist; unter einem der Hütchen findet sich die Belohnung. "Translokationen" sind ähnlich wie Rotationen: In diesem Fall rotieren nicht die Hütchen, sondern das Tier wird um den Versuchsaufbau getragen und an in verschiedenen Winkeln dazu entlassen. Für Kinder sind Translokationsaufgaben leichter als Rotationen, sie können jedoch beide Aufgaben im Alter von zwei bis drei Jahren lösen.

Ein internationales Team von WissenschaftlerInnen testete die Objekt-Permanenz von acht Goffini- Kakadus, einer besonders verspielten indonesische Spezies, in sowohl sichtbaren als auch unsichtbaren Verschiebungsaufgaben. Birgit Szabo, Kognitionsbiologin an der Universität Wien: "Die Mehrheit der Tiere lösten spontan und zuverlässig sowohl Rotations-, Translokations- als auch Transpositions-Aufgaben. Jedoch wählen nur zwei von acht Vögeln spontan die korrekte Lösung in der originalen unsichtbaren Verschiebungsaufgabe von Piaget, in der die Belohnung unter einem kleinen Hütchen mehrere größere Verdeckungen durchwandert.“ Die Leiterin des Goffini- Labors, Alice Auersperg, ergänzt dazu: "Ganz anders als menschliche Kinder hatten unsere Tiere mehr Schwierigkeiten mit Piagets unsichtbarer Verschiebung als mit Transpositionen, die wiederum Kleinkindern bis zu ihrem vierten Lebensjahr Probleme bereiten. Transpositionen sind sehr anspruchsvoll in Bezug auf Aufmerksamkeit, weil zwei Verdeckungen gleichzeitig bewegt werden. Trotzdem gibt es bei den Kakadus keinen signifikanten Unterschied zwischen den Konditionen."

Auch mit Rotationen und Translokationen hatten die Goffinis erstaunlich wenige Probleme: Wieder im Gegensatz zu Kleinkindern, die mit Translokationen leichter umgehen können als mit Rotationen, gab es bei den Kakadus keinen Unterschied zwischen den Konditionen. Auguste von Bayern von der Universität Oxford fügt hinzu: "Wir vermuten, dass die Fähigkeit zu fliegen und aus der Luft Beute zu fangen möglicherweise stark ausgeprägte räumliche Rotationsfähigkeit benötigt und die Leistung der Tiere in Translokations- und Rotationsaufgaben beeinflussen könnte."

"Es war überraschend zu beobachten, dass Goffinis die meisten unsichtbaren Verschiebungen lösen, welche vermutlich eine starke kognitive Last auf das arbeitende Gedächtnis darstellen. Um die Relevanz dieser Fähigkeiten in einem sozio-ökologischen Kontext besser zu verstehen, benötigen wir mehr vergleichende Studien in diese Richtung", meinte Thomas Bugnyar von der Universität Wien.

Publikation im "Journal of Comparative Psychology":
Alice Auersperg, Birgit Szabo, Auguste von Bayern, Thomas Bugnyar: Object Permanence in Goffin Cockatoos (Cacatua goffini). Journal of Comparative Psychology.

DOI: http://psycnet.apa.org/doi/10.1037/a0033272

American Psychological Association (APA): http://www.apa.org

Video zur Publikation: https://www.youtube.com/watch?v=RHcuBnLUZgM

Weitere Informationen unter: http://cogbio.univie.ac.at/labs/goffin-lab/

Wissenschaftlicher Kontakt
Dr. Alice Auersperg
Department für Kognitionsbiologie
Universität Wien
1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-761 01
M +43-676-939 03 92
alice.auersperg@univie.ac.at
Rückfragehinweis
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at
Weitere Informationen:
http://medienportal.univie.ac.at/presse
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Michaela Wein | Universität Wien
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

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