Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Junghechte: Kannibalismus ohne Erfolg

08.10.2014

Das Aussetzen von Junghechten in Gewässern mit Artgenossen steigert die Population nicht. Stattdessen drohen unerwünschte Risiken und Nebenwirkungen wie finanzielle Einbußen, Einschleppen von Krankheitserregern oder der Verlust genetischer Vielfalt.

In Gewässern mit stark beeinträchtigter Vermehrung kann Jungfischbesatz hingegen sehr erfolgreich sein. Erfolg und Misserfolg hängen eng vom Grad der natürlichen Konkurrenz um Futter und Unterstände ab, ergab eine Studie am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences veröffentlicht.


Die kleinen Brütlinge verstecken sich im Schilf vor kannibalistische Artgenossen.

© Daniel Hühn


Forscher besetzt Hechtbrut

© Daniel Hühn

„Der bestandssteigernde Einfluss von Fischbesatz ist bis heute nur unzureichend erforscht“, erklärt Fischereiwissenschaftler Daniel Hühn. „Dennoch ist das Einbringen von künstlicher Brut unter Gewässerverantwortlichen übliche Praxis, um zurückgehende Populationen zu stabilisieren oder zu steigern.“

Dass die Fischer aber einer Fehlannahme aufsitzen, zeigt nun erstmalig eine umfangreiche Teichstudie im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Projekts „Besatzfisch“. Unter Leitung von Robert Arlinghaus vom Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin ist es Daniel Hühn und seinem Team gelungen, am Beispiel des Hechts Folgendes aufzuzeigen: Praxisübliche Hechtbrutbesatzmaßnahmen führen nur vorübergehend zu einer Steigerung des Junghechtbestandes. Denn auch als junger Raubfisch macht der Hecht vor seinen eigenen Artgenossen keinen halt.

Bereits ab einer Köperlänge von etwa drei bis fünf Zentimetern beginnen die Minihechte, ihre kleineren Artgenossen zu jagen. Werden einem Gewässer mit schon vorhandenem Hechtnachwuchs künstlich aufgezogene Brütlinge hinzugefügt, steigt die Hechtdichte. Versteckmöglichkeiten werden somit rarer; gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, von Artgenossen gefressen zu werden.

Wegen des rasch einsetzenden Kannibalismus kann die Anzahl der Junghechte durch Besatz demnach nur kurzfristig erhöht werden. „Bereits drei Monate nach dem Besatz geht der künstlich erhöhte Hechtjungfischbestand wieder auf ein natürliches Niveau zurück“, erklärt Studienleiter Arlinghaus und ergänzt: „ähnliche Ergebnisse sind bei vielen anderen Raubfischen wie dem Zander und der Bachforelle auch zu erwarten – selbst wenn bei diesen Arten der Kannibalismus später einsetzt als beim Hecht.“ Unabhängig vom Kannibalismus kann darüber hinaus die Konkurrenz um Nahrung und Versteckplätze zur Selbstregulation der Population auf das Ausgangsniveau beitragen.

Einsatz von Junghechten – ein risikoreiches Geschäft
Naturschützer sehen beim Jungfischbesatz verschiedene Risiken: Möglicherweise etablieren sich über den künstlichen Besatz in natürlichen Beständen gebietsfremde Gene. Bei Kreuzungen zwischen Satz- und Wildfisch kann dies zum Verlust genetischer Vielfalt führen. Darüber hinaus läuft jeder Bewirtschafter Gefahr, sein Gewässer mit Krankheiten zu kontaminieren. Und auch die Kostenfrage stellt sich, wenn der Erwerb von Satzfischen nicht zwangsläufig zu höheren Fängen führt.

Kann Hechtbesatz trotzdem sinnvoll sein?
Dennoch untersuchte das Forscherteam auch, unter welchen Umständen ein Hechtbesatz sinnvoll sein kann und stellten fest, dass Brutbesatz In Gewässern mit stark eingeschränkter oder gar ausbleibender natürlicher Vermehrung der Hechte durchaus erfolgreich sein kann. Besatz kann sich also lohnen, auch mit Kannibalen, nur darf es keine ausgeprägte Konkurrenz mit Wildfischen geben. Insofern sind künftige Hechtbesatzmaßnahmen mit Hechtbrut auf ganz bestimmte Gewässer ohne Bestände natürlicher Hechte zu beschränken. Solche Gewässer sind dann zu erwarten, wenn Laich- und Jungfischlebensräume aufgrund von Gewässerausbau und Nährstoffeintrag verloren gegangen sind. „In allen anderen Fällen kann künftig guten Gewissens auf den natürlichen Hechtbestand vertraut werden“, resümiert Hühn.

Die Untersuchungen fanden in Kooperation mit dem Bezirksfischereiverband für Ostfriesland und der Fischerei Endjer in Emden statt.

Publikation
Hühn, D., Lübke, K. Skov, C., Arlinghaus, R. (2014): Natural recruitment, density-dependent juvenile survival, and the potential for additive effects of stock enhancement: an experimental evaluation of stocking northern pike (Esox lucius) fry. Canadian Journal of Fisheries and Aquatic Sciences, 71: 1508-1519.

Kontakt
Daniel Hühn
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Abteilung Biologie und Ökologie der Fische
Müggelseedamm 310
12587 Berlin
huehn@igb-berlin.de
Tel: 030 64181 - 621

Weitere Informationen:

http://www.besatz-fisch.de

Hans-Christoph Keller | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterien aus dem Blut «ziehen»
07.12.2016 | Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

nachricht HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle
07.12.2016 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie