Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Froscheier für Migräne-Forschung

13.07.2009
Wissenschaftler der TU Berlin enträtseln die molekularen Grundlagen des vererbbaren Kopfschmerzes

"Unsere Damen leben im Keller", sagt Prof. Dr. Thomas Friedrich. Elisabeth scheint das nicht weiter zu stören. Die grüne Lady dümpelt in ihrem Becken herum und kuschelt mit den anderen Mädels. "'Xenopus laevis' neigt zur Haufenbildung", kommentiert der Leiter der Arbeitsgruppe, die TU-intern scherzhaft die "Fröschkönige" genannt wird.

Prof. Friedrich und seine Arbeitsgruppe erforschen im Max-Volmer-Laboratorium für Biophysikalische Chemie der Technischen Universität Berlin molekulare Grundlagen des vererbbaren Migräne-Typs FHM2. Die Frosch-Damen spenden den Wissenschaftlern dafür ihre Ovarien.

"Molekularbiologen haben schon vor einigen Jahren nachgewiesen, dass einige erbliche Formen von Migräne auf Mutationen in den Genen zurückzuführen sind. Diese stellen die Informationen für den Aufbau bestimmter Ionenkanäle oder Ionentransporter bereit", berichtet Prof. Friedrich. Zu den Migräneformen zähle die dominant vererbte Familiäre Hemiplegische Mig-räne (FHM), eine Erkrankung, bei der der typische Migräne-Kopfschmerz von halbseitigen Lähmungen begleitet wird. "Der Schmerz entsteht dann, wenn sich im Gehirn die Gefäße erweitern, weil plötzlich mehr Blut einströmt", sagt der Forscher. Ursache dafür sei die gestörte Aktivität neuronaler Ionenkanäle oder Ionentransporter (Enzyme), verursacht durch eine Mutation der Gene, die für diese Enzyme codieren. Friedrich und sein Team befassen sich konkret mit der katalytischen Untereinheit der mensch-lichen Na+/K+-ATPase.

Dabei dienen ihnen die Froscheier als Miniatur-Eiweißfabriken. "Wir injizieren in die Oozyten (Eizellen) die Informationen für den Aufbau der Enzyme, die dann in den Oozyten hergestellt und dort untersucht werden können", erläutert der TU-Forscher. So gelingt es den Wissenschaftlern, die Eigenschaften der veränderten Proteine zu analysieren und zu vergleichen, ohne Versuche an lebenden Tieren durchführen zu müssen. "Die Eier werden den Tieren unter Narkose entnommen. Das ist ein kleiner Schnitt, der schnell wieder verheilt", bestätigt Friedrich. Und das Gewebe wächst wieder nach.

Insbesondere für die Pharmakologen ist die Forschung der TU-Arbeitsgruppe interessant. "Wir können ihnen Hinweise geben, wo genau ihre Medikamente ansetzen müssten", sagt er. Auch die Wirksamkeit bestimmter Medikamente ließe sich mit einem solchen System testen. Inzwischen haben die Forscher 13 verschiedene Mutationen, die mit Migräne in Zusammenhang stehen, untersucht. "Besonders spannend finde ich, dass jede dieser Mutationen völlig verschiedene Wirkungen hat", berichtet Friedrich, der ursprünglich Physiker ist. "Mir war es immer wichtig, nicht nur das einzelne Molekül, sondern den gesamten Organismus zu betrachten."

Dazu wird er vom 22. bis 23. Juli Gelegenheit haben, wenn sich beim Workshop "Physik und Migräne" (Modeling Migraine: From Nonlinear Dynamics to Clinical Neurology) internationale Forscher in Berlin treffen, um über Migräne zu diskutieren. Organisiert wird der Workshop von dem TU-Physiker Prof. Markus Dahlem. Außer ihm und Prof. Dr. Thomas Friedrich sind noch drei weitere Physiker der TU Berlin an dem interdisziplinären Workshop beteiligt.

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Prof. Dr. Thomas Friedrich, TU Berlin, Institut für Chemie, E-Mail: friedrich@chem.tu-berlin.de, Tel.: 030/314-24128.

Der Workshop ist Teil des vom 18. bis 23. Juli stattfindenden "Eighteenth Annual Computational Neuroscience Meeting CNS*2009". Informationen über beide Veranstaltungen: www.tu-berlin.de/?id=63428

Ansprechpartner für den Workshop "Physik und Migräne": Dr. Markus Dahlem, Institut für Theoretische Physik, Technische Universität Berlin, E-Mail: dahlem@itp.physik.tu-berlin.de, Tel.: 030/314-24254

Dr. Kristina R. Zerges | idw
Weitere Informationen:
http://www.pressestelle.tu-berlin.de/medieninformationen/
http://www.tu-berlin.de/?id=63428
http://www.pressestelle.tu-berlin.de/?id=4608

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen
22.06.2017 | Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

nachricht Im Mikrokosmos wird es bunt: 124 Farben dank RGB-Technologie
22.06.2017 | Max-Planck-Institut für Biochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie