Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ist extremes Übergewicht vielleicht doch Schicksal?

28.09.2010
Forscher der Universität Witten/Herdecke suchen nach Vorhersage-Möglichkeiten, ob Abnehmen überhaupt möglich ist

Was wäre, wenn extrem übergewichtige Menschen durch Besonderheiten etwa im Stoffwechsel gar nicht abnehmen könnten? Welche Abläufe, welche Botenstoffe könnten als "Marker", als Hinweis auf diese individuelle Ausprägung dienen? Kann man am Ende vorhersagen, wem eine Kombination aus Ernährungsumstellung und Bewegung helfen wird, sein Übergewicht los zu werden und wem nicht?

Das sind die Fragen, die Prof. Dr. Thomas Reinehr und sein Team an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln, Kinderklinik der Universität Witten/Herdecke, erforschen. Über die Ergebnisse berichtet er am 8. Oktober auf dem Tag der Forschung an der Universität Witten/Herdecke in einem Kurzvortrag ab 12.15 Uhr.

"Wir haben in einer Studie (1) rund 1.000 Kinder und Jugendliche, die an extremem Übergewicht leiden, behandelt. Sie bekamen Ernährungs- und Verhaltenshinweise, die Eltern wurden einbezogen und Bewegung gehörte dazu. Bei 70% der Kinder wirkte diese Therapie, bei dem Rest nicht. Wir wissen nicht warum, aber wir suchen nach den Gründen", beschreibt Reinehr die Ausgangslage. Marburger Forscher äußerten den ersten Verdacht, Veränderungen in einem bestimmten Gen, dem sog. MC4R, könnten eine Vorhersage ermöglichen. Genau diese Mutation führt auch dazu, dass diese Kinder zwar mit einer Lebensstil-Intervention abnehmen können, dann aber im Gegensatz zu den Kindern ohne Mutation wieder zunehmen (2). Im letzten Jahr konnten die Dattelner Forscher dann einen weiteren Schritt tun: "Es gab den Verdacht, dass die Wirksamkeit des Botenstoffs Leptin, der das Hungergefühl hemmt, gestört ist. In einer Studie (3) haben wir nachweisen können, dass die Leptin-Konzentration bei übergewichtigen Kindern ohne Gewichtsreduktion am höchsten war", beschreibt Reinehr das Ergebnis. Das bedeutet, dass bei diesen Kindern nicht die Konzentration entscheidet, sondern dass Übergewichtige vielleicht die Nachricht des Botenstoffes nicht aufnehmen, weil die notwendigen Rezeptoren fehlen oder nicht funktionieren.

"In neuester Zeit gehört die Metabolomik zu unserem Forschungsgebiet. Beim Stoffwechsel entstehen Zwischenprodukte, und an denen hoffen wir erkennen zu können, wie die Wechselwirkung genau funktioniert. Dazu haben wir 216 solcher Metaboliten bei 80 Kindern gemessen und 68 zeigen in den Werten Auffälligkeiten, welche jetzt weiter charakterisiert werden", blickt Reinehr in die Zukunft seiner Forschung.

Mit diesem und anderen Vorträgen auf dem Tag der Forschung am 8. und 9. Oktober 2010 präsentiert die Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke ihre Zielrichtung der integrativen und personalisierten Gesundheitsversorgung. Integrativ bedeutet, dass alle Disziplinen und Formen der Medizin genutzt werden, die dem Patienten helfen können. Schulmedizin ebenso wie chinesische Medizin oder anthroposophische. Und um das herauszufinden, muss die gesamte Persönlichkeit des Patienten ebenso berücksichtigt werden wie neueste Forschungsergebnisse. "Mit personalisierter Medizin meinen wir einerseits die Tatsache, dass immer mehr Medikamente und Behandlungen die jeweils individuellen genetischen Besonderheiten des einzelnen Patienten berücksichtigen. Und das möchten wir andererseits erweitern, indem wir den angehenden Ärzten vermitteln, nicht nur die körperliche Seite der Patienten, sondern auch die psychologische, geistige, ökonomische oder spirituelle Dimension in der Krankengeschichte zu sehen", erläutert Prof. Dr. med. E. G. Hahn als Dekan der Fakultät für Gesundheit der UW/H den zweiten Punkt. In dem Begriff Gesundheitsversorgung schließlich verbirgt sich das Bestreben, nicht nur Krankheiten einzelner Patienten zu erkennen und zu behandeln, sondern auch, an die Förderung von Gesundheit insgesamt oder aber die Betreuung von sterbenden Patienten genauso wie an die Kosten der Gesundheitsversorgung zu denken. Und dazu müssen alle Gesundheitsberufe über die immer noch bestehenden Abgrenzungen hinweg zusammen arbeiten.

1) Reinehr et. al Bundesgesundheitsblatt 2010 in press
2) Obesity Research 2009
3) International Journal of Pediatric Obesity. 2009;
Weitere Informationen bei Prof. Dr. Thomas Reinehr,
T.Reinehr@kinderklinik-datteln.de

Kay Gropp | Uni Witten/Herdecke
Weitere Informationen:
http://www.kinderklinik-datteln.de
http://www.uni-wh.de

Weitere Berichte zu: Botenstoff Gesundheitsversorgung Mutation Stoffwechsel Übergewicht

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Software mit Grips
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main

nachricht Einen Schritt näher an die Wirklichkeit
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics