Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Digitale Wiedergeburt des „geschickten Menschen“

05.03.2015

Rekonstruktion des berühmten Homo habilis Fossils wirft ein neues Licht auf die menschliche Evolution

Mithilfe modernster bildgebender Verfahren rekonstruierte ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und dem University College London das Originalfossil von Homo habilis.


Das Fossil Olduvai Hominid 7 (OH 7) besteht aus einem Teil des Unterkiefers, Schädel- und Handknochen.

John Reader


Rekonstruierter Schädel eines Homo habilis basierend auf den Knochen des Fossils OH 7 aus der Olduvai-Schlucht in Tansania. Die transparenten Teile basieren auf dem Schädel KNM-ER 1813 aus Kenia.

Philipp Gunz, Simon Neubauer & Fred Spoor

Die Rekonstruktion zeigt diesen bisher stets kontrovers diskutierten menschlichen Vorfahren jetzt in einem neuen und unerwarteten Licht. Die Ergebnisse offenbaren, das Homo habilis sich von anderen frühen menschlichen Arten unterscheidet und, dass seine evolutionären Wurzeln noch weiter zurück reichen als bisher gedacht. Die Forschung wurde von der Max-Planck-Gesellschaft unterstützt und in Zusammenarbeit mit den Nationalen Museen von Tansania durchgeführt.

Im Jahre 1964 verkündeten Louis Leakey und seine Kollegen die Entdeckung der neuen Menschenart Homo habilis („geschickter Mensch”) als damals frühesten bekannten Vertreter unserer evolutionären Abstammungslinie. Im Mittelpunkt stand damals wie heute das Fossil Olduvai Hominid 7 (kurz OH 7): es besteht aus einem Unterkiefer, Teilen einer Schädeldecke und den Handknochen eines einzelnen Individuums. Diese versteinerten Knochen waren in den 1,8 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten in der Olduvai-Schlucht in Tansania gefunden worden.

In den letzten 50 Jahren bestand die Herausforderung für die Evolutionsforschung darin herauszufinden, welche anderen Fossilien ebenfalls zu Homo habilis gehören. Der Zustand des Originalfossils OH 7 stellte dafür allerdings ein Hindernis dar: Der Unterkiefer war verzogen und vom Gehirnschädel waren nur Fragmente des Scheitelbeins erhalten. Die Forscher nahmen sich dieses Problems mit Hilfe modernster bildgebender Verfahren an: Sie digitalisierten die Fundstücke mittels Computertomografie (CT), lösten die verschobenen Einzelteile voneinander und setzten diese dann virtuell am Computer wieder neu zusammen.

Nach Wochen mühevoller Rekonstruktionsarbeiten überraschte die „wiedergeborene“ Version des OH 7 die Forscher mit einer unerwarteten Mischung von Merkmalen. Der Unterkiefer hat eine äußerst primitive Form und besteht aus einer langen und engen Zahnreihe, die eher der viel älteren Art Australopithecus afarensis („Lucy“) ähnelt als näher verwandten Arten, wie z.B. Homo erectus. Dagegen zeigt die rekonstruierte Gehirnkapsel von OH 7, dass das Gehirnvolumen von Homo habilis größer war als bisher angenommen und damit dem des Homo erectus ähnelt. Die Forscher konnten nun erstmals den entzerrten OH 7 mit anderen menschlichen Fossilien vergleichen und kamen dabei zu zwei wichtigen Erkenntnissen.

Zum einen zeigen große Gestaltunterschiede des Unterkiefers zwischen frühen Fossilien der menschlichen Linie, dass vor 2,1 bis 1,6 Millionen Jahren drei verschiedene menschliche Arten nebeneinander existierten: Homo habilis, Homo erectus und Homo rudolfensis.

„Komplexe statistische Analysen zeigen Gestaltunterschiede zwischen den Unterkiefern verschiedener Frühmenschenarten, die manchmal so groß sind wie die Unterschiede zwischen Schimpansen und heute lebenden Menschen”, sagt Philipp Gunz vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der an der aktuellen Studie maßgeblich beteiligt war.

In der Vergangenheit wurden Unterschiede hinsichtlich des Gehirnvolumens häufig als ein wichtiges Kriterium zur Charakterisierung früher Arten der Gattung Homo herangezogen. Die neuen Untersuchungen zeigen aber, dass sich die drei Arten nicht anhand ihres Gehirnvolumens voneinander unterscheiden lassen, sondern anhand ihrer Gesichter.

Des Weiteren liefern die Ergebnisse neue Einblicke in die evolutionären Ursprünge der menschlichen Linie. Bisher gingen Forscher davon aus, dass ein 2,3 Millionen Jahre altes Fossil aus Äthiopien (der Fund mit der Nummer AL 666-1) entweder einem Vorfahren oder frühen Repräsentanten der Art Homo habilis gehörte. Anhand der neuen Daten ist aber jetzt ersichtlich, dass die Gestalt dieses äthiopischen Oberkiefers eher der eines modernen Menschen ähnelt, und dass der Träger des Kiefers damit als Vorfahre des viel ursprünglicheren Homo habilis ausscheidet.

Stattdessen scheinen dieses Fossil aus Äthiopien und OH 7 aus Tansania unterschiedliche evolutionäre Linien zu repräsentieren, die sich vermutlich vor 2,3 Millionen Jahren voneinander getrennt hatten. Ihr gemeinsamer Vorfahre war jedoch bis zu dieser Woche völlig unbekannt.

In der Fachzeitschrift Science berichtet ein anderes Forscherteam zeitgleich mit Spoor und Kollegen über die Entdeckung eines 2,8 Millionen Jahre alten Unterkiefers aus Ledi-Geraru in Äthiopien, welcher nun den frühesten Beleg für die Gattung Homo liefert (Science Express, 5. März 2015, Sperrfrist). Das neue Fossil LD 350-1 könnte möglicherweise einem Vorfahren von Homo habilis und anderen Arten der Gattung Homo gehört haben.

„Die digitale Neuentdeckung von Homo habilis und seinem wahren Aussehen ließ uns Rückschlüsse ziehen, wie sein Vorfahre ausgesehen haben mag — doch bis heute waren keine solchen Fossilien bekannt“, sagt Fred Spoor, der am University College London und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie forscht. „Jetzt tauchte — fast wie bestellt — der Ledi-Geraru Kiefer auf und liefert uns ein plausibles evolutionäres Bindeglied zwischen Australopithecus afarensis und Homo habilis.”


Ansprechpartner

Prof. Dr. Fred Spoor
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

University College, London
Telefon: +44 20 76794316

E-Mail: f.spoor@ucl.ac.uk

Mobil: +44 790 2230342


Dr. Philipp Gunz
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 3550-853

E-Mail: gunz@eva.mpg.de

Mobil: +49 (0)151 27525787


Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 3550-122

E-Mail: jacob@eva.mpg.de


Originalpublikation
Spoor F, Gunz P, Neubauer S, Stelzer S, Scott N, Kwekason A, Dean MC

Reconstructed Homo habilis type OH 7 suggests deep-rooted species diversity in early Homo.

Nature 519, 83-86 (doi:10.1038/nature14224)


Weitere Informationen

Villmoare B, Kimbel WH, Seyoum C, Campisano CJ, DiMaggio E, Rowan J , Braun DR, Arrowsmith JR and Reed KE (2015)
Early Homo at 2.8 Ma from Ledi-Geraru, Afar, Ethiopia.
Science Express published online March 5th.

Prof. Dr. Fred Spoor | Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig University College, London
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/9000994/homo-habilis-rekonstruktion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Demenz: Neue Substanz verbessert Gehirnfunktion
28.07.2017 | Technische Universität München

nachricht Mit einem Flow-Reaktor umweltschonend Wirkstoffe erzeugen
28.07.2017 | Universität Bielefeld

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ruckartige Bewegung schärft Röntgenpulse

Spektral breite Röntgenpulse lassen sich rein mechanisch „zuspitzen“. Das klingt überraschend, aber ein Team aus theoretischen und Experimentalphysikern hat dafür eine Methode entwickelt und realisiert. Sie verwendet präzise mit den Pulsen synchronisierte schnelle Bewegungen einer mit dem Röntgenlicht wechselwirkenden Probe. Dadurch gelingt es, Photonen innerhalb des Röntgenpulses so zu verschieben, dass sich diese im gewünschten Bereich konzentrieren.

Wie macht man aus einem flachen Hügel einen steilen und hohen Berg? Man gräbt an den Seiten Material ab und schüttet es oben auf. So etwa kann man sich die...

Im Focus: Abrupt motion sharpens x-ray pulses

Spectrally narrow x-ray pulses may be “sharpened” by purely mechanical means. This sounds surprisingly, but a team of theoretical and experimental physicists developed and realized such a method. It is based on fast motions, precisely synchronized with the pulses, of a target interacting with the x-ray light. Thereby, photons are redistributed within the x-ray pulse to the desired spectral region.

A team of theoretical physicists from the MPI for Nuclear Physics (MPIK) in Heidelberg has developed a novel method to intensify the spectrally broad x-ray...

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Ferienkurs mit rund 600 Teilnehmern aus aller Welt

28.07.2017 | Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Firmen räumen bei der IT, Mobilgeräten und Firmen-Hardware am liebsten in der Urlaubsphase auf

28.07.2017 | Unternehmensmeldung

Dunkel war’s, der Mond schien helle: Nachthimmel oft heller als gedacht

28.07.2017 | Geowissenschaften

8,2 Millionen Euro für den Kampf gegen Leukämie

28.07.2017 | Förderungen Preise