Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der demografische Wandel hält die menschliche Evolution nicht auf

26.04.2013
Rückgang von Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsraten führt zu Veränderungen der natürlichen Selektion

In vielen Teilen der Welt leben die Menschen länger und haben weniger Kinder. Aber das ist nicht alles. In einer Studie über Menschen, die in ländlichen Gebieten Gambias leben, zeichnet sich ab, dass der moderne „demografische Wandel“ dazu führen kann, dass Frauen auch größer und schlanker werden.

Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Zusammenarbeit mit britischen, amerikanischen und gambischen Forschungseinrichtungen haben diese Entdeckung jetzt im wissenschaftlichen Fachjournal „Current Biology“ veröffentlicht.

„Das ist eine Mahnung daran, dass Verbesserungen der Gesundheit nicht unbedingt das Ende der Evolution, sondern eine Veränderung der Evolution bedeuten“, sagt Alexandre Courtiol vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Internationale WissenschaftlerInnen beschrieben zum ersten Mal die beiden zentralen evolutionären Konsequenzen demografischen Wandels.

Einerseits kann demografischer Wandel durch die Beeinflussung von Sterblichkeit und Fruchtbarkeit auf die Intensität und den Spielraum natürlicher Selektion einwirken. Andererseits kann der demografische Wandel wahrscheinlich auch die Beziehung zwischen der Ausgestaltung menschlicher Körpermerkmale und ihre Relevanz für Fortpflanzung und Überleben verändern, weil sich gleichzeitig das soziale, kulturelle, medizinische und wirtschaftliche Umfeld ändert.

Für ihre Untersuchungen verwendeten Alexandre Courtiol, Ian Rickard und ihre KollegInnen Datensammlungen, die über einen Zeitraum von 55 Jahren (1956-2010) vom UK Medical Research Council erhoben wurden. Die Daten repräsentieren detaillierte Informationen über Tausende von Frauen aus zwei ländlichen Dörfern des West Kiang Gebietes in Gambia. In den 55 Jahren erlebten diese Gemeinden wichtige demografische Verschiebungen von hohen Sterblichkeits- und Fortpflanzungsraten, die charakteristisch für vorindustrielle Gesellschaften sind, hin zu niedrigen Sterblichkeits- und Fortpflanzungsraten. Die ForscherInnen konnten für Ihre Studie sogar auf genaue Daten zu Größe und Gewicht der Frauen zurückgreifen.

Sie zeigten, dass die Veränderungen in Körpergröße und –gewicht bei den Frauen höchst wahrscheinlich auf die Verbesserung der medizinischen Versorgung zurückzuführen sind. 1974 wurde in dem Untersuchungsgebiet ein Krankenhaus eröffnet, das kostenlose medizinische Versorgung anbietet. Die Daten zeigen, dass dadurch die natürliche Selektion der Körpermaße verändert wurde. Die natürliche Selektion führte zunächst zu kleinen Frauen mit einem hohen Körpermasseindex [BMI]. Durch die bessere medizinische Versorgung verschob sich die Selektion mit der Zeit zugunsten von großen Frauen mit niedrigen BMI-Werten. Die äußeren Umstände beeinflussten somit direkt die Selektion der Körpergröße und des BMI bei Frauen. „Wodurch sich die Selektion von kleinen und stämmigen Frauen zu großen und dünneren verschoben hat, ist noch nicht vollends geklärt, es ist aber wahrscheinlich teilweise darauf zurückzuführen, dass die Sterblichkeitsrate erheblich gesunken ist.“, sagt Courtiol.

Die Erkenntnisse aus Gambia könnten weltweit von Bedeutung sein. „Unsere Ergebnisse sind wichtig, da die Mehrheit der menschlichen Bevölkerungen entweder kürzlich einen demografischen Wandel von hohen zu niedrigen Sterblichkeits- und Fortpflanzungsraten erlebt hat oder ihn derzeit durchlebt“, schreiben die Forscher. „Diese Untersuchung zeigt, wie sich die Gesellschaft im Laufe der Zeit durch Selektion verändern kann.“ Veränderungen in der natürlichen Selektion wurden bereits für andere Populationen dokumentiert, wie z. B. USA, Italien, Finnland, Schweden und Indien. Wie wir Menschen auf Selektionsdrücke reagieren, könnte Aufschluss darüber liefern, wie sich der Mensch in dieser sich ständig verändernden Welt weiter entwickelt.

Publikation
Courtiol A, Rickard IJ, Lummaa V, Prentice AM, Fulford AJC, Stearns SC (2013): The demographic transition influences variance in fitness and selection on height and BMI in rural Gambia. CURR BIOL 23, 1–6. http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2013.04.006
Kontakt
Alexandre Courtiol
alexandre.courtiol@gmail.com
+49 (0) 305168454 (office)
+49 (0) 15734056505 (mobile)
Ian Rickard
ian.rickard@durham.ac.uk
+44 (0) 191 334 0246
Gesine Wiemer
Forschungsverbund Berlin
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rudower Chaussee 17
12489 Berlin
Tel.: (030) 6392-3338
E-Mail: wiemer@fv-berlin.de

Gesine Wiemer | Forschungsverbund Berlin
Weitere Informationen:
http://www.fv-berlin.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Überleben auf der Schneeball-Erde
21.09.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Jena

nachricht Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde
21.09.2017 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Granulare Materie blitzschnell im Bild

21.09.2017 | Verfahrenstechnologie

Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

21.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Überleben auf der Schneeball-Erde

21.09.2017 | Biowissenschaften Chemie