Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Darwin’s hässliches Entlein überrascht Evolutionsbiologen

03.06.2015

Artbildung und Hybridisierung bei Galápagos-Meerechsen

Charles Darwin hatte eine klare Meinung zu den Galapagos-Meerechsen: Sie seien „abscheulich aussehende Kreaturen“ und überdies auch noch „dumm und plump“. Doch Darwins „hässliches Entlein“ überraschte nun ein Forscherteam um den Sebastian Steinfartz vom Zoologischen Institut der TU Braunschweig.


Kein bisschen hässlich: Meerechsen sind faszinierende Bewohner der Küsten der Galápagos-Inseln

TU Braunschweig/Alejandro Ibáñez Ricomá


Meerechse mit Migrationshintergrund: ein rotes Individuum von Española hybridisiert mit Meerechsen auf San Cristóbal

TU Braunschweig/Amy MacLeod

Ihre Forschungsergebnisse zeigen nun erstmals, dass sich auf kleinstem Raum zwei Gruppen der Reptilien herausgebildet haben, die sich praktisch wie getrennte Arten zueinander verhalten. Ein Phänomen, das selbst bei kleinen Eidechsen bislang unbekannt war und einen Einblick in die komplexen Evolutionsprozesse auf dem Galápagos-Archipel gibt.

Auf den ersten Blick wirken die drachenähnlichen Wesen für viele Menschen nicht sympathisch und zählen dennoch zu den faszinierendsten Organismen der Galápagos-Inseln. Weltweit einzigartig unter den Echsen handelt es sich bei ihnen um gute Schwimmer, die im Meer Algen abweiden und alle größeren und kleineren Inseln des Archipels besiedelt haben. Aus wissenschaftlicher Sicht führten sie im Vergleich zu den Darwin-Finken und Galápagos-Riesenschildkröten ein Schattendasein.

Neueste Untersuchungen zur Evolution der Meerechsen rücken die Galápagos-Meerechsen nun in den Fokus moderner Evolutionsforschung. Ein internationales Forscherteam um Dr. Sebastian Steinfartz vom Zoologischen Institut der Technischen Universität Braunschweig konnte erstmals zeigen, dass bei diesen großen und mobilen Reptilien Artbildung auf kleinstem Raum stattfindet.

Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun in einem Fachartikel in der Zeitschrift "Proceedings of the Royal Society B" berichten, haben sich auf der Insel San Cristóbal in kürzester Zeit und im Abstand von wenigen Kilometern zwei Gruppen von Meerechsen herausgebildet, die sich nicht mehr kreuzen und sich damit im Prinzip wie zwei getrennte Arten verhalten. Ein solches Phänomen war selbst bei kleinen Eidechsen bislang unbekannt.

„Wir waren sehr überrascht, dass wir es praktisch hier bereits mit zwei reproduktiv isolierten Arten zu tun haben“, berichtet Amy MacLeod, die im Rahmen ihrer Doktorarbeit mehrere hundert der vorsintflutlichen Reptilien entlang der gesamten Küstenlinie der Insel untersucht hat.

Das beobachtete System ist wesentlich komplexer als erwartet und erlaubt einzigartige Einblicke hinter die Kulissen der Evolutionsprozesse auf dem Galápagos-Archipel. „Wir haben es hier mit einer bisher in der Tierwelt noch nicht dokumentierten parallelen Interaktion von Artbildung und Hybridisierung zu tun“, erklärt Sebastian Steinfartz.

Die beiden Meerechsenarten auf der Insel verhielten sich zwar wie zwei Arten zueinander, vermischten sich aber gleichzeitig mit Meerechsen von benachbarten Inseln, erklärt der Leiter der Untersuchung. Dies führe dazu, so Steinfartz weiter, dass der Artbildungsprozess auch nicht endgültig abgeschlossen sei und die Meerechsen im Zuge ihrer bereits Jahrmillionen andauernden Evolution eine Art bilden.

Die Forscher vermuten, dass sich durch das wiederholende direkte Zusammenspiel dieser gegensätzlichen Prozesse, Artbildung und Vermischung der noch nicht vollständig differenzierten Arten, die Anpassungsfähigkeit der Meerechsen an sich ständig ändernde Umweltbedingungen auf dem Galápagos-Archipel erhöhe und somit das erfolgreiche Überleben dieser Art seit mehreren Millionen Jahren bis heute ermöglicht habe.

„Vielleicht ist aber gerade dieser Mechanismus der Schlüssel zum Erfolg der Meerechsen“, argumentiert Steinfartz. Lokale Anpassungen, die im Zuge von Artbildungsprozessen entstehen, könnten durch wiederholte Hybridisierung dem Genpool der gesamten Art zur Verfügung stehen und somit die Überlebenschancen der Meerechsen, die zum Teil drastische Populationseinbrüche im Zuge klimatischer Schwankungen zu verkraften haben, erst ermöglichen. „Ich hoffe, dass das hässliche Entlein sich jetzt langsam zu einem Schwan entwickelt und uns in Zukunft noch tiefere Einblicke in die Mechanismen der Evolution gewähren lässt“, schmunzelt Steinfartz.

Zur Publikation
MacLeod A, Rodriguez A, Vences M, Orozco-terWengel P, Garcia C, Trillmich F, Gentile G, Caccone A, Quezada G, Steinfartz S. Hybridization masks speciation in the evolutionary history of the Galápagos Marine Iguana. Proceedings oft he Royal Society B (http://dx.doi.org/10.1098/rspb.2015.0425)

Kontakt

Dr. Sebastian Steinfartz
Zoologisches Institut
Abteilung Evolutionsbiologie
Technische Universität Braunschweig
Mendelssohnstraße 4
38106 Braunschweig
Tel.: 0531/391-2393
E-Mail: s.steinfartz@tu-braunschweig.de
www.zoologie.tu-bs.de/index.php/de/evolutionsbiologie

Weitere Informationen:

http://blogs.tu-braunschweig.de/presseinformationen/?p=8988

Stephan Nachtigall | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neuer Abwehrmechanismus gegen Sauerstoffradikale entdeckt
18.06.2018 | Universität Bern

nachricht Umwandlung von nicht-neuronalen Zellen in Nervenzellen
18.06.2018 | Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Im Focus: First real-time test of Li-Fi utilization for the industrial Internet of Things

The BMBF-funded OWICELLS project was successfully completed with a final presentation at the BMW plant in Munich. The presentation demonstrated a Li-Fi communication with a mobile robot, while the robot carried out usual production processes (welding, moving and testing parts) in a 5x5m² production cell. The robust, optical wireless transmission is based on spatial diversity; in other words, data is sent and received simultaneously by several LEDs and several photodiodes. The system can transmit data at more than 100 Mbit/s and five milliseconds latency.

Modern production technologies in the automobile industry must become more flexible in order to fulfil individual customer requirements.

Im Focus: ALMA entdeckt Trio von Baby-Planeten rund um neugeborenen Stern

Neuartige Technik, um die jüngsten Planeten in unserer Galaxis zu finden

Zwei unabhängige Astronomenteams haben mit ALMA überzeugende Belege dafür gefunden, dass sich drei junge Planeten im Orbit um den Säuglingsstern HD 163296...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Simulierter Eingriff am virtuellen Herzen

18.06.2018 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz – Schafft der Mensch seine Arbeit ab?

15.06.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Asteroidenforschung in Garching

13.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Abwehrmechanismus gegen Sauerstoffradikale entdeckt

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umwandlung von nicht-neuronalen Zellen in Nervenzellen

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Im Fußballfieber: Rittal Cup verspricht Spannung und Spaß

18.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics