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Auch unter Blaumeisen gibt es Viel- und Wenigerschläfer

17.09.2010
Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen ist zum ersten Mal in einer Studie an Blaumeisen gelungen, eine wildlebende Vogelpopulation mithilfe ausgefeilter Technik beim Schlafen zu beobachten.

Wie gut die Vögel schlafen, hängt von verschiedenartigen Umweltfaktoren ab, aber auch vom Alter und ihrem Geschlecht: Die Vögel schlafen im Winter länger als im Sommer, wobei sie an helleren Standorten früher aufwachen. Weibchen schlafen länger als Männchen, haben in der Nacht längere Wachphasen und bleiben am Morgen länger in ihrem Nistkasten. Dabei zeigten sich auch ausgeprägte individuelle Unterschiede im Schlafverhalten.

Unser Schlafbedürfnis hängt von vielen Faktoren ab. Beispielsweise schlafen wir im Winter länger als im Sommer, wo uns der frühe Sonnenaufgang aus den Federn lockt. Es gibt sogar Unterschide zwischen Mann und Frau. Eine Studie in Kanada hat ergeben, dass Frauen durchschnittlich länger als Männer schlafen. Auch beim Einschlafen konnte ein Geschlechtsunterschied festgestellt werden: Während 35 Prozent der Frauen über Probleme beim Einschlafen klagten, waren nur 25 Prozent der Männer davon betroffen. Außerdem wirkte sich eine längere Arbeitszeit negativ auf die Schlafdauer aus.

Ähnliches konnten nun Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen erstmals bei Vögeln in freier Wildbahn beobachten. Sie untersuchten zwei Jahre lang das Schlafverhalten von Individuen einer Blaumeisenpopulation in einem Naturwaldreservat in Süddeutschland. Die Forscher fingen die Vögel, als sie sich in ihren Nistkästen befanden und versahen 60 männliche und 36 weibliche Blaumeisen mit ultraleichten “RFID“ Transpondern, die eine automatische Identifizierung der Tiere mithilfe elektromagnetischer Wellen ermöglichen. Um das Schlafverhalten bei Nacht zu beobachten, wurden in den Nistkästen Infrarotkameras installiert, um die zusätzlich Infrarotleuchten platziert wurden. Schließlich wurden Messwerterfassungselektroden über dem Nistkasten montiert, um die Lichtintensität und die Temperatur zu messen. In solch einer High-Tech-Behausung konnten die Forscher zehn verschiedene Schlafparameter bestimmen.

Bei der Auswertung des umfangreichen Datenmaterials zeigte sich zunächst ein klarer Effekt der Jahreszeiten. Im Winter schliefen die Blaumeisen fast fünf Stunden länger als im Sommer. Dabei schliefen die Weibchen pro Nacht durchschnittlich eine Viertelstunde länger als die Männchen. Interessanterweise verstärkte sich dieser Geschlechtsunterschied zum Anfang der Brutzeit hin. „Das könnte daran liegen, daß die Weibchen zu Beginn der Brutsaison ein höheres Schlafbedürfnis als die Männchen haben, da sie sich physiologisch auf die kräftezehrende Aufgabe des Eierlegens und Brütens vorbereiten müssen“, sagt Corinna Steinmeyer, Erstautorin der Studie.

Eine andere Ursache könnte in dem individuellen Schlafmuster begründet liegen. Manche Blaumeisen scheinen einen eher unruhigen Schlaf zu haben, da sie in der Nacht bis zu 230-mal aufwachten, und diese Wachphasen bei den Weibchen länger anhielten. Doch es blieb nicht beim bloßen Aufwachen, die Vögel putzten sich, streckten ihre Beine und Flügel oder liefen im Nistkasten umher. So fanden die Forscher, dass die Weibchen etwas länger für diese nächtlichen Aktivitäten benötigten. Auch am Morgen nach dem Aufwachen blieben die Weibchen mehr als zwei Minuten länger in der Nestbox als die Männchen, was wiederum besonders zu Beginn der Brutzeit am ausgeprägtesten war. Das frühe Aufstehen der Männchen ist verständlich: Sie müssen durch ihre Präsenz und besonders durch ihren Gesang andere Männchen von ihrem Territorium fernhalten. Dabei spielt auch die Helligkeit und die Temperatur eine entscheidende Rolle. An kalten und hellen Standorten krochen die Meisen früher aus ihren Federn. Junge Vögel kümmerten sich nicht so sehr um diese Aufgaben, so blieben sie am Morgen allgemein länger im schützenden Nistkasten.

„Durch die umfangreiche Untersuchung des Schlafverhaltens der Blaumeise konnten wir nicht nur die genauen Faktoren bestimmen, die zu verschiedenen Schlafmustern führen, sondern fanden auch starke individuelle Unterschiede, die das Schlafverhalten zu einer kennzeichnenden Charaktereigenschaft für das Individiuum macht“, sagt Bart Kempenaers. Das wirft weitere Fragestellungen auf, beispielsweise ob die spezifischen Schlafmuster vererbbar sind oder mit dem Fortpflanzungserfolg in Beziehung stehen. [SL]

Originalveröffentlichung:
Corinna Steinmeyer, Holger Schielzeth, Jakob C. Müller, Bart Kempenaers
Variation in sleep behaviour in free-living blue tits, Cyanistes caeruleus: effects of sex, age and environment

Animal Behaviour. Online veröffentlicht am 15. September 2010 (doi:10.1016/j.anbehav.2010.08.005)

Kontakt:
Bart Kempenaers
Direktor Abteilung Verhaltensökologie und evolutionäre Genetik
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen
Tel.: +49 8157 932-334
E-mail: b.kempenaers@orn.mpg.de

Dr. Sabine Spehn | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.orn.mpg.de

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