Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Haufen Heu" als Spiegel der Vergangenheit

21.02.2002


1920 wurde zwischen Beuel und der Siegmündung eine Moosart gefunden, die zur Hauptsache im westlichen Mittelmeergebiet beheimatet ist. Nach wärmeren Wintern kam die Art dann auch gelegentlich in Mitteleuropa vor, ist also ein Klimaindikator. Aufgrund der rezenten Erwärmung ist sie seit 10 Jahren jetzt in Mitteleuropa wieder häufiger anzutreffen.
Fotograf: AG Frahm / Uni Bonn


Beispiele für den Artenrückgang in der Umgebung Bonns:
Das Moos Antitrichia curtipendula kam 1820 noch in stattlichen Exemplaren im Siebengebirge vor. Offenbar auf Grund der Luftverschlechterung nach Beginn der Industrialisierung wurden die Pflanzen stark in Mitleidenschaft gezogen und schließlich ausgerottet. Das Bild zeigt rechts das letzte im Siebengebirge gefundene Exemplar aus dem Jahre 1923.
Fotograf: AG Frahm / Uni Bonn


Für den einen sind sie ein Haufen Heu, für den anderen wissenschaftliche Schätze: Sammlungen getrockneter Pflanzen, die sogenannten Herbarien. Botaniker der Universität Bonn untersuchen momentan ein uraltes Moosherbar aus dem Rheinland, das vor einigen Jahren per Zufall wiederentdeckt wurde. Einige der gepressten Pflanzen sind in unseren Breiten inzwischen längst ausgestorben; die chemische Analyse der Proben erlaubt zudem weitreichende Rückschlüsse auf die damalige Schadstoffbelastung der Luft.

Als Professor Dr. Jan-Peter Frahm 1994 an das Botanische Institut in Bonn kam, fand er dort per Zufall vier zusammengeschnürte Packen mit hunderten beschrifteten Papierkapseln, in denen sich Moose befanden. Bei Durchsicht stellte sich heraus, dass es sich dabei um einen Teil eines offenbar größeren Moosherbars handelte. Die ältesten Proben stammten aus dem Jahre 1803, also noch aus der Zeit vor der Universitätsgründung im Jahr 1818, die jüngsten aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg. Bei der Suche nach der restlichen Herbar fanden die Wissenschaftler in den Sammlungen der Pharmazeutischen Biologie noch weitere 13 Packen mit Moosproben.

An dem Fund hatte der Zahn der Zeit schon kräftig genagt: "Das früher nicht säurefreie Papier war brüchig geworden, so dass die Herbarbögen und die Papierkapseln, in welche die Moose eingeschlagen waren, regelrecht zerbröselten", erklärt Professor Frahm. Da die Arten zudem in einer schlecht durchschaubaren Ordnung abgelegt waren, führte die Suche nach bestimmten Proben noch zu einer weiteren Zerstörung des Papiers. "Da Papier seinerzeit wertvoller war als heute, verwendete man vielfach Universitätsdrucksachen wie Vortragsankündigungen zum Aufbewahren der Moose" - eine historische Fundgrube.

Um das Herbar zu retten, stellte die Universität schließlich die ABM-Kraft Dr. Beatrice van Saan-Klein ein. Sie bettete die Pflanzen in säurefreies Papier um und katalogisierte die Sammlung im Computer. Die genaue Durchsicht des Herbars offenbarte erstmalig die wertvollen Schätze, die dort viele Jahre unerkannt lagen. "Da lässt sich zunächst der allgemeine Artenrückgang dokumentieren", erklärt der Botaniker. Das Herbar deckt eine Zeitspanne von 130 Jahren ab; dadurch lässt sich der Zeitpunkt des Aussterbens gewisser Arten genau bestimmen. So taucht seit 1820 ein Siebengebirgs-Moos namens Antitrichia curtipendula in der Sammlung auf. Zunächst sind die gesammelten Pflanzen noch gut ausgebildet, das zuletzt dokumentierte Exemplar von 1923 ist dagegen kaum noch wiederzuerkennen. "Wir vermuten, dass die gegen Ende des 19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung durch die damit verbundene Luftverschmutzung der Art die Lebensgrundlage entzogen hat", erklärt Professor Frahm. 1920 konnte in Bonn kurzzeitig ein Moos gefunden werden, das normalerweise nur im Mittelmeerraum vorkommt. "Die mediterrane Art konnte hier nur existieren, wenn es warm genug war, was auf eine kurze Klimaanomalie schließen lässt."

Die Herbarproben geben jedoch nicht nur Informationen über die ehemalige Verbreitung, sondern erlauben auch ökologische Rückschlüsse. So speichern Moose unter anderem große Mengen von Schwermetallen aus der Atmosphäre. Die Herbarpflanzen dokumentieren die damalige niedrige Schwermetallbelastung. Botanik-Doktorand Andreas Solga hat dagegen den Stickstoffgehalt der Herbarproben untersucht und mit heutigen Pflanzen derselben Art und von denselben Standorten verglichen. So hat heute eine Moosart aus dem Kottenforst einen deutlich höheren Stickstoffgehalt als noch vor 150 Jahren, Folge der Luftverschmutzung mit Stickoxiden aus Verbrennungsprozessen.

"Aus einem Teil der Herbarpflanzen könnten wir zudem die Erbinformation DNA isolieren", erläutert Professor Frahm. So wäre es möglich, genetische Fingerabdrücke selbst von ausgestorbenen Arten zu gewinnen oder die DNA bedrohter Arten für die Zukunft zu konservieren.

Weitere Informationen: Professor Dr. Jan-Peter Frahm, Botanisches Institut der Universität Bonn, Tel.: 0228/73-2121, Fax: 0228/73-3120, E-Mail: frahm@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/bryologie/

Weitere Berichte zu: Botanische Herbar Heu Probe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise