Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gebündelte Kommunikation zwischen den Hirnhälften

17.01.2007
Max-Planck-Forscher haben herausgefunden, welche Bereiche des Corpus Callosum beim Sprachverständnis vermitteln

Frage oder Antwort, Haupt- oder Nebensatz - nicht nur die Wörter, sondern auch die Betonung bestimmt die Bedeutung eines Satzes. Wie sich die beiden Hirnhälften austauschen, um die Grammatik und die Prosodie, die Sprachmelodie, in Beziehung zu setzen, haben Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften bestimmt. Die linke Hirnhälfte verarbeitet nämlich die Grammatik und die rechte die Prosodie. Für die Kommunikation wischen den Hirnhälften sorgen Bündel von Nervenfasern - das Corpus Callosum. Wie die Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben, liegen die Faserbündel, die bei der Verarbeitung der Sprache zwischen den Hirnhälften vermitteln, im hinteren Bereich des Corpus Callosum (Neuron, 4. Januar 2007).


Nur wenn linke und rechte Hirnhälfte zusammenwirken, können wir Sprache richtig verstehen. Die Brücke zwischen den Hirnhälften ist das Corpus Callosum (CC) - in der Abbildung als heller Bügel in der Mitte des Schädels zu erkennen. Max-Planck-Forscher haben nun herausgefunden, dass bei der Verarbeitung von Sprache der hintere Bereich des Corpus Callosum die entscheidende Mittlerrolle spielt. Sie untersuchten Patienten, die Schädigungen im hinteren oder vorderen Teil des Corpus Callosum haben: Nur bei Patienten mit Schädigungen im hinteren Corpus Callosum (rechter Teil der Abbildung) ist das Sprachverständnis gestört. Die eingefärbten Bereiche des Corpus Callosum zeigen an, wie viel Prozent der untersuchten Patienten an genau dieser Stelle geschädigt sind. Bild: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Wenn das Gehirn Sprache verarbeitet, spielen dem kognitiven Modell der Sprachverarbeitung zufolge zwei Dinge eine Rolle: die Grammatik und die Prosodie, die Sprachmelodie. Für das Verständnis eines Satzes ist es nicht nur wichtig, dass er grammatikalisch korrekt formuliert ist, auch die Betonung bestimmt die Bedeutung.

So kann der Satz

"Der Mann sagt die Frau kann nicht Autofahren"

je nach Betonung entweder bedeuten, dass die Frau nicht Autofahren kann:

"Der Mann sagt, die Frau kann nicht Autofahren"

oder aber das genaue Gegenteil!

"Der Mann, sagt die Frau, kann nicht Autofahren."

Aus dem Zusammenspiel von grammatischer und prosodischer Information erkennt das Gehirn, welchen Sinn ein Satz ergibt. Bestimmte Areale in der linken Hirnhälfte verarbeiten dabei die Grammatik und Wörter, einzelne Bereiche in der rechten Hirnhälfte erkennen die Sprachmelodie. Zum korrekten Sprachverständnis müssen sich die Hirnhälften also austauschen. Dazu nutzen sie das Corpus Callosum, eine Art Brücke zwischen den Hälften. Wissenschaftler aus der Abteilung von Prof. Angela Friederici am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig haben nun herausgefunden, dass das hintere Drittel des Corpus Callosum beim Sprachverständnis zwischen den beiden Hirnhälften vermittelt.

Das Corpus Callosum verbrückt die beiden Seiten des Gehirns nämlich nicht einfach, vielmehr verbinden einzelne Faserbündel jeweils genau definierte Bereiche der Hirnhälften. Im vorderen Teil der Brücke liegen diejenigen Faserbündel, die die frontalen Regionen der beiden Hirnhälften miteinander verknüpfen, während die Fasern im hinteren Teil der Brücke die weiter hinten liegenden Regionen der Hirnhälften miteinander verbinden.

Die Forscher haben untersucht, ob Patienten, bei denen jeweils verschiedene Teile dieser Brücke verletzt sind, Sprache normal verarbeiten können. Dabei beobachteten sie mit neurophysiologischen Messverfahren, ob und wie Schädigungen in den unterschiedlichen Bereichen die Sprachverarbeitung beeinflussen. Sie stellten dabei fest, dass sich nur bei Patienten, bei denen das hintere Drittel des Corpus Callosum geschädigt ist, die Hirnhälften dabei nicht wie nötig austauschen können: Das Zusammenspiel zwischen grammatischer und prosodischer Information ist gestört.

Originalveröffentlichung:

A. D. Friederici, D. Y. von Cramon, S. A. Kotz
Role of the Corpus Callosum in Speech Comprehension: Interfacing Syntax and Prosody, Neuron, 4. Januar 2007

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Hirnhälften Kognitions- und Neurowissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden neue Ansätze gegen Wirkstoffresistenzen in der Tumortherapie
15.12.2017 | Universität Leipzig

nachricht Moos verdoppelte mehrmals sein Genom
15.12.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik