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Kleine Helfer

03.03.2006


Leipziger Anthropologen finden bei neuen Experimenten erste Belege für altruistisches Verhalten bei Kleinkindern und auch bei Schimpansen


"Können wir helfen?" Auch unsere evolutionär nächsten Verwandten zeigen Altruismus. Bild: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie



Einem jiddischen Sprichwort zufolge "findet man, wann immer man sie braucht, die helfende Hand am Ende des eigenen Arms." Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zeigen in einer neuen Studie, dass man sie auch bei anderen finden kann - und zwar bei Kleinkindern und Schimpansen. Um deren Hilfsbereitschaft zu testen, stellten ihnen die Forscher verschiedene kleine Aufgaben. Bei einer ließen Erwachsene Gegenstände außerhalb ihrer Reichweite zu Boden fallen und beobachteten das Verhalten von 18 Monate alten Kindern. Die Kleinen hoben die Gegenstände tatsächlich innerhalb kurzer Zeit auf und brachten sie den Wissenschaftlern. Das gleiche Verhalten beobachteten die Forscher auch bei Schimpansen - allerdings nur bei einfacheren Versuchsanordnungen. Diese neuen Experimente der Leipziger Wissenschaftler zeigen, dass altruistisches Verhalten bereits ansatzweise bei unseren nächsten Verwandten vorhanden ist. Wie jüngste Ergebnisse anderer Forschungsgruppen des Instituts verdeutlichten, scheinen diese sich allerdings auf bestimmte Situationen zu beschränken (Science, 3. März 2006).

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Felix Warneken und Michael Tomasello fanden heraus, dass bereits 18 Monate alte Kinder auch fremden Personen bereitwillig zur Hand gehen. "Dieser Befund war deshalb so erstaunlich, weil die Kinder sehr klein sind. Sie stecken noch in den Windeln und fangen gerade erst an zu sprechen, aber sie erkennen schon, wie sie jemandem helfen können", so Warneken.

Für die Studie überlegten sich die Wissenschaftler verschiedene kleine Aufgaben: Beispielsweise ließ Warneken beim Wäscheaufhängen Klammern so auf den Boden fallen, dass sie außerhalb seiner Reichweite landeten. In den ersten zehn Sekunden versuchte er erfolglos, nach den Klammern zu greifen. In den folgenden zehn Sekunden sah er beim Greifen das Kind an und nach weiteren 20 Sekunden sagte er "Meine Klammer!" Doch er bat das Kind niemals direkt um Hilfe, bedankte sich auch nicht oder belohnte es, wenn es ihm die Klammer brachte. Fast alle Kinder halfen wenigstens einmal und in 84 Prozent der Fälle taten sie das schon in den ersten zehn Sekunden, noch bevor Warneken sie durch Blickkontakt überhaupt auf sein Problem aufmerksam machen konnte.

"Die Kinder brachten die Klammer nicht automatisch. In einem anderen Versuch warf ich die Klammer absichtlich zu Boden, aber sie hoben sie nicht auf. Sie gaben sie mir nur, wenn sie erkannten, dass ich die Klammer brauchte, um mein Ziel zu erreichen."

Für den Fall, dass das Aufheben von Klammern für die Kinder nichts Neues war, erfand Warneken andere, kompliziertere Aufgaben: Er ließ einen Löffel unabsichtlich in eine Kiste fallen, die mit einer Klappe versehen war, durch die man Gegenstände wieder herausholen konnte. Der Wissenschaftler verhielt sich so, als wüsste er nichts von der Klappe. Auch bei diesem Experiment halfen die Kleinen dem Wissenschaftler nur, wenn er sich vergeblich bemühte, den Löffel aus der Kiste herauszuholen. Sie taten es nicht, wenn er ihn absichtlich hineinfallen ließ.

Aufwand zu betreiben um anderen zu helfen, ohne davon selbst zu profitieren, nennt man Altruismus. Bisher sind nur Menschen bewiesenermaßen altruistisch; Wir spenden Geld, zahlen Steuern und helfen Menschen, die wir nicht persönlich kennen. Diese Studie zeigt, dass selbst Kleinkinder ohne besondere Erziehung zu spontanem altruistischem Verhalten willens und fähig sind.

Aber findet sich dieses Verhalten nur bei Menschen? So weist eine neue Studie von Jensen und seinen Mitarbeitern darauf hin, dass Schimpansen nur an ihr eigenes Wohlergehen denken, wenn es um Futter geht. Womöglich helfen sie aber in anderen Situationen. Warneken führte die oben beschriebenen Versuche auch mit jungen Schimpansen durch, die in menschlicher Obhut aufgewachsen waren.

Obwohl die Affen in komplexeren Situationen, wie dem Kisten-Experiment, nicht halfen, waren sie sehr hilfsbereit, wenn ihre Tierpflegerin nach Gegenständen zu greifen versuchte, die sie nicht erreichen konnte.

"Dies ist die erste experimentelle Studie, die altruistisches Verhalten bei einem nicht menschlichen Primaten nachweist.", so Warneken. " Bisher ging man davon aus, dass Schimpansen hauptsächlich eigennützig handeln. In unserer Studie hingegen halfen sie anderen, obwohl sie dafür nicht belohnt wurden."

Altruismus bei Schimpansen könnte bedeuten, dass unser gemeinsamer Vorfahre schon über rudimentäre Formen hilfreichen Verhaltens verfügte - und das, bevor sich die Entwicklungslinien von Menschen und Schimpansen vor sechs Millionen Jahren trennten.

"Früher nahm man an, hilfreiches Verhalten sei eine dem Menschen eigene Fähigkeit. Aber vielleicht sind Schimpansen gar nicht so anders, wie wir denken.", sagt Warneken lächelnd. "Vielleicht existierten erste Ansätze von Altruismus, die sich beim modernen Menschen noch verstärkt haben, auch schon bei unserem evolutionären Vorfahren."

Originalveröffentlichung:

Warneken, F. & Tomasello, M.
Altruistic Helping in Human Infants and Young Chimpanzees

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

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