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Genmedizin: "Zurück in die Labors!"

17.09.2001


Die Erforschung des menschlichen Erbgutes liefert nicht nur Erkenntnisse, sondern wirft vor allem neue Fragen auf. Auf dem Berliner Wissenschaftssommer räumten Forscher ein, dass sie noch weit davon entfernt seien, eine Vielzahl von Krankheiten durch "Genmedizin" zu behandeln.

Wissenschaftler kennen inzwischen rund 10.000 Genveränderungen, die mehr oder weniger schwere Erkrankungen oder Störungen verursachen - und jeder Mensch trägt in seinem Erbgut im Schnitt fünf derartige Anlagen. "Diese Erkenntnis belegt, dass es kein "ideales" Erbgut gibt", betont Professor Jens Reich, Forscher am Max-Delbrück-Centrum (MDC) in Berlin. Es sei daher eine Wahnvorstellung, so der Mediziner auf einer Veranstaltung im Rahmen des Berliner Wissenschaftssommers, "dass es jemals einen Menschen mit einem "idealen" Genom geben werde." Die bisherigen Erkenntnisse zeigten vor allem, wie weit die Forschung noch von dem Ziel entfernt sei, eine Vielzahl von Krankheiten via "Genmedizin"heilen zu können. Reich: Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts wirft ständig neue Fragen auf."

Von den drei Milliarden Bausteinen der Genbibliothek des Menschen dient nur ein Prozent als Vorlage für Eiweißmoleküle (Proteine), den universellen Bau- und Betriebsstoffen des Organismus. Die Hälfte aller Bausteine sind Wiederholungen, ein Viertel sind "Wüsten", deren Funktion völlig unklar ist. Überrascht hat die Forscher auch, dass der Mensch nur 40.000 Gene hat - und nicht über 100.000, wie ursprünglich vermutet. Dafür sind in jedem Gen im Schnitt drei Bauanleitungen für unterschiedliche Proteine verschlüsselt. Damit ist die Steuerung der menschlichen Gene weitaus komplizierter als bei anderen Spezies. Welche dieser unterschiedlichen Genfunktionen zu welchem Zeitpunkt tatsächlich aktiviert wird, hängt vom Zusammenspiel verschiedener Faktoren ab, darunter auch Umwelteinflüssen.

Wie eng Umwelt und Erbe bei der Entstehung von Krankheiten zusammen wirken, erklärte Reich am Beispiel der Zuckerkrankheit (Diabetes). Jene Abschnitte im Erbgut, die bei der Entstehung dieser Krankheit eine Rolle spielen, sicherten unseren Vorfahren das Überleben in Hungerperioden: Sie machen sie zu guten Futterverwertern. Diese sinnvolle Funktion verkehrt sich jedoch ins Gegenteil, wenn sich die Umstände ändern. Bewegungsmangel und ein Überangebot an Nahrungsmitteln führen in Verbindung mit dieser genetischen Konstellation zu einer Stoffwechselstörung. "Nicht das Gen ist schlecht", so Reich, "sondern das Gen in Verbindung mit einer veränderten Umwelt".

Deutlich wird der Einfluss der Umwelt selbst bei vielen Erbkrankheiten, die durch Defekte eines einzigen Gens verursacht werden. Auch bei diesen Leiden modulieren Umweltfaktoren das klinische Erscheinungsbild. "Jeder Mensch hat darum ’seine’ Krankheit", betonte der Heidelberger Humangenetiker Professor Claus Bartram.

"Ziel ist weniger die Lebensverlängerung, sondern ein Altern in Würde"

"Die Chancen der Genmedizin liegen vor allem in der Entwicklung neuer Arzneimittel", so Professor Günter Stock, Vorstandsmitglied der Berliner Schering AG. Vor allem die rapide wachsende Lebenserwartung, stellt Ärzte und Pharmaindustrie vor neue Herausforderungen. Die alternde Gesellschaft brauche neue und verbesserte Medikamente gegen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder degenerative Krankheiten des Zentralnervensystems wie die Alzheimersche Krankheit. Ziel der Forschung sei es, die mit steigendem Lebensalter zunehmenden Funktionsverluste, die letztlich zu Behinderungen und Pflegebedürftigkeit führen, zu bekämpfen. "Es geht nicht darum, Leben zu verlängern", erklärte Stock. "Wir wollen in Würde altern."

Hier könnten Erkenntnisse aus der Genomforschung beispielsweise die Basis für individuell maßgeschneiderte Medikamente liefern. Unterschiedliche Reaktionen von Patienten auf ein und dasselbe Arzneimittel liegen nämlich oft an kleinsten Unterschieden in Enzymen, die das Medikament im Körper verarbeiten. Kennt man diese Unterschiede, lassen sich, so die Hoffnung, Wirkungen und Nebenwirkungen eines Medikaments beim einzelnen Patienten besser vorhersehen.

"Mit einer individualisierten Arzneimitteltherapie lassen sich sicherlich schädliche Nebenwirkungen und Fehlmedikationen vermeiden. Doch das 100 Prozent nebenwirkungsfreie Medikament kann man nicht herstellen", warnte Ulrike Riedel, Rechtanwältin und ehemalige Mitarbeiterin des Bundesgesundheitsministeriums. Sie bezweifelte insbesondere, dass eine solche "individualisierte Medizin" tatsächlich Kosten senken könne. Es gehe nämlich nicht nur um die Optimierung der Behandlung kranker Menschen. Ziel sei auch eine vorsorgliche Behandlung von Menschen, bei denen lediglich eine genetische Veranlagung für eine Erkrankung gefunden wurde. Ohne eine solche präventive Therapie "gesunder Kranke" würden sich, so Riedel, die Kosten für die Entwicklung individueller Medikamente nicht lohnen. Doch dies würde die Ressourcen des Gesundheitswesens überfordern. "Damit wird die Genmedizin zu sozialer Ungerechtigkeit führen, da nicht alle sie bezahlen können."

Zwar räumte auch Riedel ein, dass die weitere Forschung auf diesem Gebiet nötig und sinnvoll sei. "Doch die großen Probleme der Gesundheitspolitik lassen sich mit den mutmaßlichen Erfolgen der Genmedizin nicht lösen." Die Politik müsse darum endlich eine realistische Analyse der Heilsversprechen vornehmen und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen heute schon möglichen und wirkungsvollen Maßnahmen der Prävention und den Zukunftsvisionen der Genmedizin herstellen.

"55.000 Tote pro Jahr zu verhindern - das schafft keine Genmedizin"

Wo Umwelteinflüsse und ererbte Voraussetzungen zusammentreffen, sollte man genau abwägen, wofür man Geld ausgibt. So bringen Experten jährlich etwa 55.000 Todesfälle in Deutschland mit dem Rauchen in Verbindung. Darum plädierte der Claus Bartram für Strategien gegen das Rauchen. "Denn 55.000 Tote pro Jahr zu verhindern - das schafft keine Genmedizin."
Daneben eröffne die Genmedizin aber durchaus Möglichkeiten, bestehende Therapien zu verbessern. Neue Tests ermöglichten beispielsweise schon heute, die individuellen Reaktionen leukämiekranker Kinder auf eine medikamentöse Therapie zu analysieren. Bei entsprechenden Ergebnissen könne dann bei einem großen Teil der Kinder die Dosis der Arzneimittel reduziert werden. Bartram: "Dies war vor einigen Jahren noch nicht möglich."

Steiniger Weg der Gentherapeuten

Wie steinig der Weg der Genmedizin ist, wird vor allem an der Gentherapie deutlich. Deren prinzipielles Konzept, Gene in Körperzellen von Patienten einzuschleußen und so Krankheiten zu behandeln, schien Anfang der 90er Jahre verführerisch simpel. Doch bislang sind die erhofften Erfolge ausgeblieben. Zwar haben Ärzte weltweit im Rahmen von etwa 400 Studien rund 4.000 Patienten behandelt. Doch Erfolge gab es kaum zu vermelden. Immerhin konnten französische Ärzte bislang acht Kinder durch eine Genübertragung heilen, die am "schweren kombinierten Immundefekt" (SCID) litten, einer Erbkrankheit. Die kleinen Patienten haben seit der Behandlung ein funktionierendes Immunsystem und leben ein normales Leben. Bei vielen anderen Gentherapie-Studien stießen die Forscher hingegen auf unerwartete Schwierigkeiten. Vor zwei Jahren erschütterte ein Todesfall in den USA die Zunft zusätzlich.

"Durch die Fülle der Daten, die wir erarbeitet haben, täuschen wir vielleicht Erkenntnis vor", meinte selbstkritisch die Nobelpreisträgerin Professor Christiane Nüsslein-Volhard vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Die tatsächliche Entwicklung der Gentherapie gebe ihr zu denken: "Vielleicht sollten wir zurück in die Labors gehen, weniger darüber reden und dafür mehr arbeiten?"

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.wissenschaftssommer2001.de/

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