Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der moderne Mensch: ein genetisches Mosaik

14.09.2001


Fünf Millionen Jahre Evolution: Forscher zeichnen auf dem Berliner Wissenschaftssommer ein Familienbild unserer Spezies.

"Deutsch sein heißt, einen deutschen Pass zu haben und nichts anderes", erklärte Professor Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie auf einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung im Rahmen des Berliner Wissenschaftssommers. Es ist nicht möglich, einen Deutschen aufgrund seiner genetischen Abstammung zu definieren.

Wie gering die genetischen Unterschiede zwischen Menschen sind, selbst wenn sich Hautfarbe, Haarstruktur und Gesichtsform unterscheiden, belegen Untersuchungen von Pääbo und seinen Mitarbeitern. Die Forscher haben bestimmte Abschnitte im Erbgut von Menschen untersucht, die insgesamt 17 verschiedenen Sprachfamilien angehörten. Resultat: Nur 0,3 Prozent der DNA-Bausteine waren variabel. Außerdem fanden die Wissenschaftler bestimmte Variationen überall auf der Welt, bei den afrikanischen Hausa ebenso wie bei Iren. "Jeder Mensch ist genetisch betrachtet ein Mosaik und jedes Steinchen, sprich: Gen, hat eine andere Geschichte", erklärte Pääbo. So kann beispielsweise ein Holländer, wenn man bestimmte Gene betrachtet, mit einem Chinesen enger verwandt sein als mit einem Landsmann. Während sich Schimpansen im Durchschnitt in 13,4 Bausteinen ihrer Erbsubstanz unterscheiden, entdeckten die Forscher bei den Menschen im Schnitt nur 3,7 Bausteine, die variabel waren.

Auffallend ist allerdings, dass die genetische Variabilität bei Afrikanern deutlich größer ist als bei allen übrigen Menschen. Der Grund: "Vor 200.000 oder 100.000 Jahren, so genau weiß das bislang kein Forscher, hat eine Gruppe von Homo sapiens sapiens Afrika verlassen. Das waren die Urahnen der heutigen Menschen, die in den darauffolgenden Jahrzehntausenden die anderen Kontinente besiedelten", erklärt Pääbo. Darum seien die Nachkommen dieser Gruppe, eben die heutigen Menschen, genetisch wenig unterschiedlich. "Genetisch gesehen, sind wir daher alle Afrikaner. Einige leben auf diesem Kontinent, andere eben im Exil."

Auch Knochenfunde bestätigen diese "Out of Africa-Hypothese", der die meisten Anthropologen anhängen. Dieser zu Folge hat sich die Gattung Homo gleich mehrfach von Afrika aus über die Welt ausgebreitet.

Begonnen hatte die Entwicklung im Südosten des Kontinents vor rund fünf Millionen Jahren. Vormenschen (Australopithecinen) lernten den aufrechten Gang, bewegten sich aber auch noch kletternd fort. Ihr Gehirn war nicht größer als das von Menschenaffen. Eine Werkzeugkultur fehlte, also die Fähigkeit, Werkzeuge selbst herzustellen.

Während sich diese "Südaffen" - das bedeutet Australopithecus -in verschiedene Arten weiter aufspalteten, entwickelte sich vor 2,5 Millionen Jahren - quasi parallel - die Gattung Homo. Deren erster Vertreter, Homo rudolfensis, ging ständig aufrecht. Sein Gehirn wurde größer, es begann die kulturelle Evolution: Kommunikation, Sozialverhalten, Werkzeugkultur entwickelten sich. Auch die Gattung Homo spaltete sich - abhängig von geografischen und klimatischen Bedingungen - in verschiedene Typen auf. Darum spricht Professor Friedemann Schrenk vom Zoologischen Institut der Universität Frankfurt auch lieber vom "Stammbusch" des modernen Menschen, als von dessen Stammbaum.

"Vor zwei Millionen Jahren, möglicherweise sogar früher, kam es zur ersten Auswanderungswelle von Homo erectus ", erklärte Schrenk. Aus ihm ging im nahen Osten und in Europa der Neanderthaler wahrscheinlich hervor.

Ob sich die Neanderthaler dann mit modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) vermischte, als diese - aus Afrika kommend - vor rund 50.000 Jahren zunächst den mittleren Osten und später dann Asien, Australien und Europa besiedelten, wissen die Forscher nicht. Sicher ist nur, dass Neanderthaler und Homo sapiens über tausende von Jahren hinweg Zeitgenossen waren.

Dass ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Gene, betonte der Würzburger Humangenetiker Professor Holger Höhn. "Der Mensch ist das Produkt aus genetischem Erbe, das auf allen Ebenen durch äußere Faktoren beeinflusst wird, und seiner kulturellen Umgebung, in die er hinein geboren wird." Darum dürfe auf keinen Fall von äußerlichen Merkmalen eines Menschen, die ohnehin nicht tiefer reichen als die Haut, auf dessen Fähigkeiten und Verhalten geschlossen werden. Höhn: "Dies wäre ein fataler Reduktionismus."

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.wissenschaftssommer2001.de/

Weitere Berichte zu: Gattung Gen Homo MOSAIK

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Up-Scaling: Katalysatorentwicklung im Industriemaßstab
22.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium
22.11.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bakterien als Schrittmacher des Darms

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die gefrorenen Küsten der Arktis: Ein Lebensraum schmilzt davon

22.11.2017 | Geowissenschaften