Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unbelehrbare Fliegen

20.05.2005


Einem wichtigen Molekül für Lernen und Gedächtnis ist Matthias Fischer von der Universität Würzburg auf der Spur. Seine Arbeiten zeichnet die Novartis-Stiftung mit einem Stipendium aus.



Es ist eine jener seltenen Erbkrankheiten, die fast niemand kennt und dennoch für den Einzelnen so schwer wiegen wie Alzheimer oder Parkinson. Kinder mit dem "Coffin-Lowry-Syndrom" sind geistig behindert. Sie haben Gedächtnisstörungen. Ihre Knochen wachsen nur langsam, was zu verschiedenen Folgen führt: etwa Minderwuchs und Missbildungen in Gesicht, Brustkorb und Wirbelsäule. Eines von 50.000 neugeborenen Kindern leidet darunter, Jungs stärker als Mädchen. An Fliegen und Mäusen untersucht Dr. Matthias Fischer von der Universität Würzburg die Ursachen der Symptome des Coffin-Lowry-Syndroms. Die Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung in Nürnberg zeichnet ihn dafür mit einem Graduierten-Stipendium aus.



Dass sich der Mediziner und Biologe bei seinen Forschungen zunächst auf die Taufliege Drosophila kapriziert und auf Erkenntnisse auch für den Menschen hofft, klingt nur auf den ersten Blick verwegen. Denn "auch das Insekt trägt in seinem Erbgut das Gen, das bei Coffin-Lowry-Patienten defekt ist und die Krankheit auslöst", erklärt der Preisträger. So lässt sich am Modell Drosophila untersuchen, wie dieses Gen - abgekürzt "Rsk2" genannt - zu den Gedächtnisausfällen führt und wie es im gesunden Organismus zu Lernen und Erinnerung beiträgt.

Bislang haben die Würzburger Forscher entdeckt, dass Rsk2 an verschiedenen Lernvorgängen beteiligt ist. In einer so genannten Hitzekammer ändert sich beispielsweise die Temperatur, wenn eine Fliege verschiedene Enden ansteuert. Lässt sie sich links nieder, wird es unerträglich heiß. Der Aufenthalt rechts kühlt die Kammer auf eine angenehme Temperatur ab. "Schnell koppelt das Tier sein Verhalten an die Temperatur", sagt Fischer "und lernt die richtige Entscheidung bei der Platzwahl." Nicht so Insekten, bei denen die Wissenschaftler das Rsk2-Gen ausgeschaltet hatten. Sie erinnern sich nicht mehr und laufen auf die falsche Seite der Kammer.

Auch eine andere Lern-Form, die "klassische Konditionierung" scheint Rsk2 mit zu steuern. Dabei hat das Verhalten des Tiers keinen Einfluss etwa auf das Erhitzen der Kammer, das ausschließlich die Forscher kontrollieren.

Fischer vermutet, dass das RSK2-Gen zur Bildung und Plastizität von Nervenverbindungen beiträgt. Unentwegt baut das Gehirn bei Lernprozessen Nervenschaltungen auf, um oder ab. Neben den Fliegen-Versuchen will der Stipendiat jetzt auch Experimente mit Mäusen starten, um herauszubekommen, wo im Gehirn und wie das Gen Erinnerung erzeugt. Fernziel: den Kindern mit dem Coffin-Lowry-Syndrom zu helfen.

Die Novartis-Stiftung für therapeutische Forschung in Nürnberg gehört zu den ältesten und größten Unternehmensstiftungen in Deutschland. Ihr Stiftungsvolumen umfasst jährlich etwa 650.000 Euro.

Philipp Kressirer | idw
Weitere Informationen:
http://www.novartis.de

Weitere Berichte zu: Drosophila Gen Novartis-Stiftung Temperatur

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mikro-U-Boote für den Magen
24.01.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Echoortung - Lernen, den Raum zu hören
24.01.2017 | Ludwig-Maximilians-Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie