Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein "Missing Link" des Insektenreiches im Bernstein gefunden

13.01.2005


Neue Gattung Protoxenos janzeni im baltischem Bernstein. Foto: Pohl/Uni Jena


Kopfgeburt: Larven dringen aus dem Mund eines Strepsiptera-Weibchens. RE-Mikroskop-Aufnahme: Pohl / Uni Jena


Insektenforscher der Universitäten Jena und Rostock entdecken neue Gattung der parasitisch lebenden Fächerflügler (Strepsiptera). "Morphologische Lücke" zwischen Fächerflüglern und dem Rest der holometabolen Insekten wird durch den Fund reduziert.


Das geflügelte, in baltischem Bernstein eingeschlossene Insekt, das Dr. Hans Pohl von der Friedrich-Schiller-Universität Jena stolz präsentiert, ist in mehrerer Hinsicht ein sensationeller Fund. Denn mit 8 mm Länge handelt es sich nicht nur um das größte Männchen der Ordnung Strepsiptera, zu deutsch Fächerflügler, sondern auch um das urtümlichste Exemplar, das bisher weltweit gefunden wurde. Der Protoxenos janzeni ist der einzige Vertreter einer neuen Gattung und Familie. "Und er ist ein so genanntes missing link im Strepsipteren-Stammbaum", erläutert Hans Pohl die Bedeutung des Fundes. Der neue Vertreter, der vor mindestens 39 Millionen Jahren gelebt hat, fungiert als Bindeglied zwischen den Fächerflüglern und dem Rest der holometabolen Insekten. "Denn er reduziert die ’morphologische Lücke’ zwischen beiden Gruppen", so der Zoologe weiter. Gemeinsam mit dem Jenaer Kollegen Prof. Dr. Rolf G. Beutel und Prof. Dr. Ragnar Kinzelbach von der Universität Rostock hat Dr. Pohl die neue Gattung und Familie erstmals beschrieben. Die Ergebnisse sind jetzt in der Januarausgabe der renommierten Zeitschrift Zoologica Scripta 34, 1/2005 (S. 57-69) erschienen.

Dass die besondere Bernsteininkluse bei Hans Pohl gelandet ist, ist nicht verwunderlich, gilt er doch als der Experte für Fächerflügler. Die Strepsipteren - deren Flügelfaltung ihnen den deutschen Namen gab - "sind die rätselhafteste Insektengruppe überhaupt", berichtet Pohl. "Bis heute bereitet ihre stammesgeschichtliche Zuordnung große Probleme, denn genetische und morphologische Daten weisen in verschiedene Richtungen."


Mit der Entdeckung der neuen Gattung kommt nun wieder Bewegung in die Diskussion. Die heute lebenden Nachfahren des Protoxenos werden nicht größer als 2-6 mm und sind Parasiten anderer Insekten. Lediglich der Kopf der Weibchen schaut aus dem Leib des Wirtes (Bienen, Heuschrecken, Wanzen) heraus. "Deshalb werden sie auch durch den Mund befruchtet", erklärt Pohl, der seit kurzem als Kustos am Phyletischen Museum der Uni Jena tätig ist. Auch die Larven, die mit wenig mehr als einem Zehntelmillimeter gerade mal die Größe eines Pantoffeltierchens aufweisen, sind echte "Kopfgeburten" ihrer Mütter. Die Winzigkeit der Tiere und ihre hochspezialisierte parasitische Lebensweise erschweren ihre Erforschung.

Um so erstaunlicher ist die Größe des fossilen Exemplars. "Besonders eindrucksvoll sind die großen hirschgeweihartigen Antennen", begeistert sich Pohl. Die hat Protoxenos mit den heutigen Vertretern gemein. Sie dienen der Ortung der Weibchen. Anders als sie besitzt der ausgestorbene Fächerflügler jedoch noch Mundwerkzeuge, die ihn zur Nahrungsaufnahme befähigten. Unverdaute Reste von Chitinpanzern anderer Insekten in seinem Darm sprechen dafür, dass er ein Aasfresser war. Immerhin hat er noch Nahrung zu sich genommen, während seine heutigen Nachfahren auf Null-Diät sind. Ihr kurzes zweistündiges Leben steht ganz unter dem Motto "Luft und Liebe". "Die Männchen sprengen ihre Puppenhülle und pumpen ihren Darm voll Luft, um schneller zu den Weibchen zu gelangen, die sie mit ihrem Duft anlocken", erzählt Pohl. Ob sich auch das Männchen im Bernstein auf dem Hochzeitsflug befand, darüber können die Forscher nur mutmaßen.

Fest steht, dass die heute noch lebenden Mini-Vertreter extrem an die parasitische Lebensweise angepasst sind. Bisher sind übrigens erst 600 Arten beschrieben worden, aber mindestens 2.000 werden vermutet. Hans Pohl, der gerade seine Habilitation über die Phylogenie und Evolution der Fächerflügler angefertigt hat, wird also der Forschungsstoff nicht so schnell ausgehen.

Kontakt:

Dr. Hans Pohl
Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie
mit Phyletischem Museum der Universität Jena
Erbertstr. 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 949156
E-Mail: hans.pohl@uni-jena.de

Stefanie Hahn | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de/

Weitere Berichte zu: Bernstein Fund Gattung Insekt Männchen Protoxenos Weibchen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Licht zur Herstellung energiereicher Chemikalien nutzen
21.05.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht Junger Embryo verspeist gefährliche Zelle
18.05.2018 | Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

Tagung »Anlagenbau und -betrieb der Zukunft«

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Wie Immunzellen Bakterien mit Säure töten

18.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics