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Wenn Karies-Erreger tödlich werden

25.11.2004


Gefährliche Bakterien-Ketten: Oralstreptokokken, die in der Mundhöhle des Menschen leben, waren lange Zeit nur als Karies-Erreger bekannt. Heute weiß man, dass sie die Ursache für schwere Erkrankungen bis hin zur Herzklappenentzündung sein können. Forscher der GBF wollen Keime wie Streptococcus anginosus (im Bild) und seine Verwandten jetzt genauer untersuchen. Foto: Manfred Rohde/GBF


Forschungsprojekt soll Mundhöhlen-Streptokokken genau untersuchen


Bakterien vom Typ der so genannten Oralstreptokokken, die in der menschlichen Mundhöhle leben, lösen nicht nur Karies aus, sondern manchmal auch weit schlimmere Erkrankungen bis hin zur Herzklappenentzündung. Ein neues Forschungsprojekt, gefördert durch die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, wird diese Erreger jetzt genau unter die Lupe nehmen - und Ansätze für mögliche Gegenmaßnahmen entwickeln. An dem Vorhaben beteiligen sich drei wissenschaftliche Einrichtungen, koordiniert wird es von der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig.

Im Mund des Menschen leben mehrere hundert Arten von Bakterien. Gut zwei Dutzend von ihnen gehören zur Gattung Streptococcus, beispielsweise die Arten Streptococcus mutans und Streptococcus salivarius. Manche dieser Oralstreptokokken sind an der Bildung von Plaque und Karies an den Zähnen beteiligt - unangenehm, aber nicht wirklich gefährlich. Wenn sie jedoch in den Kreislauf eindringen, etwa durch Verletzungen, können diese Mikroorganismen zu einer Blutvergiftung (Sepsis) führen. Gelangen sie über die Blutbahn an andere Stellen des Körpers, verursachen die Keime manchmal Abszesse in Hals, Lunge und Leber, sogar lebensbedrohliche Herzklappenentzündungen.


Zähneputzen schützt die Herzklappe

Anlass zur Panik besteht dennoch nicht: Keineswegs jede Bakterien-Verunreinigung im Blut muss dramatische Folgen haben - nur in großer Anzahl und bei geschwächtem Immunsystem können sich Oralstreptokokken zur Bedrohung entwickeln. Doch Fachleute befürchten, dass ihre klinische Bedeutung in naher Zukunft zunehmen wird. Professor Singh Chhatwal, Streptokokken-Experte und Abteilungsleiter an der GBF, nennt dafür mehrere Ursachen: "Das liegt zum einen an unserer Lebensweise - zuckerreiche Ernährung begünstigt das Wachstum von Karies-Bakterien", erklärt Chhatwal. Zum anderen ist es paradoxerweise gerade die gute zahnmedizinische Versorgung, die neue Risiken hervorbringt: "Eine große Zahl von zahnmedizinischen Eingriffen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass kleine Wunden in der Mundhöhle entstehen, durch die Oralstreptokokken ins Blut gelangen können." Die gestiegene Lebenserwartung und damit verbundene Immunschwäche bei älteren Leuten erleichtert zudem die Umwandlung von harmlosen Kariesbakterien in gefährliche Krankheitserreger. Bei Kindern mit Leukämie werden Blutvergiftungen durch Kariesbakterien zunehmend häufiger beobachtet.

Die bedenklichste Entwicklung jedoch: "Streptokokken haben eine ausgeprägte Fähigkeit, Resistenzen zu entwickeln. Das heißt, sie werden unempfindlich gegen Antibiotika, unsere besten Waffen im Kampf gegen Bakterien", warnt Chhatwal. "Und wir beobachten, dass Streptokokken ihre Gene für solche Resistenzen an andere Bakterien weitergeben - auch an noch gefährlichere Krankheitserreger." Deshalb halten Chhatwal und seine Forscherkollegen es für unverzichtbar, mehr über Oralstreptokokken zu erfahren. Bis man die Mechanismen besser versteht, die aus harmlosen Mundhöhlen-Bewohnern manchmal gefährliche Erreger machen, bleiben im Alltag nur bewährte Hausmittel für die Prophylaxe: "Zähne putzen und gesund leben", empfiehlt Chhatwal, "denn gefährdet sind vor allem Personen mit schlechter Mundhygiene und schwachem Immunsystem."

Fakten zum Forschungsprojekt

Das Projekt Oral streptococci: An emerging threat for human health hat zum Ziel, die Mechanismen der Pathogenität oraler Streptokokken zu untersuchen. Projektpartner sind die GBF, die Universität Kaiserslautern und das Klinikum der Universität Leipzig.

Manfred Braun | idw
Weitere Informationen:
http://www.gbf.de/

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