Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blinder Höhlenkrebs mit komplexem Gehirn

30.03.2004


Neue Einblicke in die Verwandtschaftsbeziehungen der Gliederfüßer



Für die Wissenschaftler, die sich mit der Biologie der Krebstiere befassen, gehört die Entdeckung der Remipedia im Jahre 1979 ohne Zweifel zu den bemerkenswertesten Ereignissen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Remipeden sind zentimetergroße augenlose Krebse, die im Meerwasser von Karsthöhlen an der Küste vorkommen. In solchen Höhlen der Bahamas hatte Yill Yager vom Antioch College/Ohio diese Kreaturen 1979 entdeckt. Inzwischen wurden sie auch in den schwer zugänglichen Höhlengewässern zum Beispiel Yukatans und Lanzarotes gefunden.



Die stammesgeschichtliche Zugehörigkeit der Remipedia ist umstritten, die taxonomische Zuordnung wird kontrovers diskutiert. Eine Lösung des Problems war bislang nicht in Sicht. Bei den meisten Crustaceologen galten die Remipedia aufgrund ihres gleichförmigen Körperbaus (Segmentierung) und ihrer trägen Fortbewegungsweise als sehr ursprüngliche Vertreter der Krebstiere.

Biologen von der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Ulm und von der Ruhr-Universität Bochum haben jetzt in den "Proceedings" der Nationalen Akademie der Wissenschaften USA (PNAS, Ausgabe 16. März 2004) eine Studie publiziert, die ein neues Licht auf die Herkunft der Remipedia wirft. In dieser histologischen Arbeit zum Remipeden "Godzilliognomus frondosus" (benannt nach dem japanischen Kinomonster Godzilla) zeigt der Ulmer Neurobiologe und Evolutionsforscher PD Dr. Steffen Harzsch gemeinsam mit den Bochumer Zoologen Prof. Dr. Johann Wolfgang Wägele und Dr. Martin Fanenbruck, daß die Gehirnstrukturen dieser Tiere hochkomplex und den Gehirnen von höheren Krebsen und sogar Insekten frappierend ähnlich sind. Dies trifft insbesondere auf diejenigen Gehirnstrukturen zu, die chemosensorische Geruchs- und Geschmacksinformationen verarbeiten. Beim Aufspüren von Nahrung ist den Remipedia in ihrem völlig lichtlosen Lebensraum ein hochdifferenziertes Riechzentrum behilflich. Ihre Antennen sind mit einer Vielzahl chemorezeptiver Sinneshaare ausgestattet, über die ein stetiger Wasserstrom geleitet wird und die auf diese Weise geringste Konzentrationen von im Wasser gelösten Geruchsstoffen analysieren können. Es ist besonders die Architektur dieses Riechsystems, die erstaunliche Übereinstimmungen aufweist mit derjenigen des Riechsystems höherer Krebse, der sogenannten Malacostraca (Krabben, Hummer, Langusten und Verwandte), aber auch mit der von Insekten.

"Für die Zoologie könnte dies bedeuten, daß die Stammesgeschichte der Arthropoda (Gliederfüßer) neu überdacht werden muß", so Dr. Steffen Harzsch und Dr. Martin Fanenbruck. Im Gegensatz zu den traditionellen Verwandtschaftshypothesen ist ein Teil der Krebse - Remipedia und Malacostraca - möglicherweise mit den Insekten näher verwandt als mit den übrigen, ursprünglichen Krebsen (zum Beispiel Ruderfußkrebse, Rankenfüßer oder Wasserflöhe). Die Autoren arbeiten daran, diese neue Theorie zur Stammesgeschichte der Arthropoda zu überprüfen und mit den bisherigen Meinungen zur Evolution der Tiergruppe abzugleichen.

Peter Pietschmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.pnas.org/misc/archive030804.shtml#HL3

Weitere Berichte zu: Gehirnstruktur Insekt Remipeden Remipedia

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Designerviren stacheln Immunabwehr gegen Krebszellen an
26.05.2017 | Universität Basel

nachricht Wachstumsmechanismus der Pilze entschlüsselt
26.05.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften