Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ist Sprachverständnis bei Frauen zyklusabhängig?

08.05.2003


Welche Bedeutung ein Wort hat, erkennen wir normalerweise "mit links": Im linken Schläfenlappen unseres Gehirns sitzt das so genannte Wernicke-Areal, zuständig für das Sprachverständnis. Rechts gibt es die gleiche anatomische Region noch einmal, sie wird aber normalerweise nicht für das Sprachverständnis genutzt - so zumindest die gängige Lehrmeinung.


Hirnforscher der Universitäten Köln und Bonn haben nun jedoch herausgefunden, dass Frauen zu bestimmten Zeiten des Menstruations-Zyklus die Areale in beiden Hirnhälften nutzen. Ihre sprachlichen Fähigkeiten bleiben davon unbeeinflusst. Bei Männern dagegen ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen - immer das linke Wernicke-Areal für das Sprachverständnis zuständig. Die Hirnforscher haben ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des renommierten "Journal of Neuroscience" (Band 23(9), Seiten 3790 -3795) veröffentlicht.

Die Wissenschaftler um Dr. Guillén Fernández von der Bonner Klinik für Epileptologie, der momentan auch am Centre for Cognitive Neuroimaging in Nijmegen forscht, untersuchten zwölf gesunde Frauen von 22 bis 34 Jahren mittels funktioneller Kernspintomographie. Mit diesem Verfahren lassen sich Durchblutungsänderungen im Gehirn sichtbar machen; gut durchblutete Regionen sind in der Regel besonders aktiv. "In der Klinik für Epileptologie nutzen wir die Methode beispielsweise routinemäßig, um vor Hirnoperationen die Sprachareale zu lokalisieren", erklärt Dr. Fernández.


Manche Formen der Epilepsie lassen sich bis heute medikamentös nicht behandeln. In diesen Fällen versuchen die Mediziner, die Zellregion im Gehirn, von der die Anfälle ihren Ausgang nehmen, chirurgisch zu entfernen. Häufig liegen die kranken Zellen in einem der beiden Schläfenlappen - gelegentlich also auch dort, wo sich das Wernicke-Areal befindet. Ein falscher Schnitt kann daher schwerwiegende Folgen haben. "Um die Sprachareale zu identifizieren, zeigen wir unseren Patienten eine Reihe von Wortpaaren; sie müssen entscheiden, ob es sich um Synonyme handelt oder nicht. Dabei beobachten wir kernspintomographisch, welche Hirnbereiche bei dieser Aufgabe aktiv sind." Die Wissenschaftler kamen nun auf die Idee, dieses Verfahren auch zur Untersuchung hormoneller Effekte auf das Gehirn zu nutzen. Schließlich war bereits aus anderen Studien bekannt, dass sich die natürlichen hormonellen Schwankungen während des Menstruationszyklus auf Stimmung und Raumwahrnehmung von Frauen auswirken.

Die Teilnehmerinnen sollten für 180 Substantiv-Paare jeweils innerhalb von vier Sekunden entscheiden, ob es sich um Synonyme handelte oder nicht. Während des Tests registrierten die Mediziner, welche Hirnareale ihrer Probandinnen aktiv waren. Die Frauen mussten den Synonymtest einmal während der Menstruation durchführen - zu dieser Zeit sind die Steroidhormon-Spiegel besonders niedrig. Ein zweiter Durchgang erfolgte in der so genannten midlutealen Phase einige Tage nach dem Eisprung, also zu einer Zeit, zu der die Konzentration der Steroidhormone Progesteron und Östrogen ein Maximum annimmt. "Während der Menstruation nutzten die Probandinnen zur Lösung des Synonym-Tests hauptsächlich das linke Wernicke-Areal; in der midlutealen Phase waren dagegen die entsprechenden Areale sowohl des linken als auch des rechten Schläfenlappens aktiv", fasst Dr. Fernández die Ergebnisse zusammen.

Hirnregionen, die an der Wahrnehmung von bedeutungslosen Buchstabenfolgen beteiligt sind, bleiben von den Hormonschwankungen unbeeinflusst: Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler, als sie ihren Testpersonen 180 Paare von Buchstabenfolgen präsentierten. 90 dieser Paare waren identisch, die anderen 90 unterschieden sich jeweils durch einen Buchstaben; die Probandinnen sollten innerhalb von vier Sekunden entscheiden, welche der Folgen gleich waren. Hier unterschieden sich die Aktivitätsmuster während der Menstruation sowie in der midlutealen Phase nicht.

Einen Zusammenhang zwischen den sprachlichen Fähigkeiten ihrer Probandinnen und der Zyklusphase beobachteten die Wissenschaftler übrigens nicht: Die Trefferquote der zwölf Frauen lag bei beiden Aufgaben unabhängig vom Hormonlevel immer bei 95 Prozent.

Ansprechpartner:

Dr. Guillén Fernández
Klinik für Epileptologie der Universität Bonn
Telefon: 0177 - 7381217
E-Mail: guillen.fernandez@fcdonders.kun.nl

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.jneurosci.org/cgi/reprint/23/9/3790.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Verbesserte Kohlendioxid-Fixierung dank Mikrokompartiment
25.09.2017 | Max-Planck-Institut für Biochemie

nachricht Regenbogenfarben enthüllen Werdegang von Zellen
25.09.2017 | Technische Universität Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Latest News

Fraunhofer ISE Pushes World Record for Multicrystalline Silicon Solar Cells to 22.3 Percent

25.09.2017 | Power and Electrical Engineering

Usher syndrome: Gene therapy restores hearing and balance

25.09.2017 | Health and Medicine

An international team of physicists a coherent amplification effect in laser excited dielectrics

25.09.2017 | Physics and Astronomy