Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Thüringer Forschungspreis: Neuartiges Biomaterial ersetzt Blutgefäße

15.01.2001


Den Thüringer Forschungspreis 2000 für Angewandte Forschung erhalten Prof. Dr. Dr. Dieter Schumann und Prof. Dr. Dieter Klemm mit ihrer interdisziplinären Arbeitsgruppe an der
Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Chemiker Klemm und der Chirurg Schumann entwickelten gemeinsam ein inzwischen patentiertes Biomaterial aus Cellulose, das als Ersatz für Blutgefäße dienen kann. Der mit 12.500 Mark dotierte Preis wird von Wissenschaftsministerin Prof. Dr. Dagmar Schipanski am 5. Februar überreicht (um 14 Uhr im Institut für Physikalische Hochtechnologie).

Überrascht von der Entscheidung der Jury zeigte sich Dieter Klemm, "weil ich weiß, dass die Konkurrenz in diesem Jahr sehr groß war." Umso größer ist seine Freude über den Erfolg, "denn er beruht auf einer nunmehr siebenjährigen, ganz konzentrierten Arbeit, die eigentlich in der Zusammensetzung der Forschergruppe recht untypisch ist." Prof. Schumann, der Direktor der Jenaer Uni-Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, betonte, dass die Entwicklung des neuartigen Implantatmaterials namens BASYC (Bacterial Sythesized Cellulose) eine "echte Gemeinschaftsleistung war, für die Fachkompetenz aus beiden Disziplinen - Chemie und Chirurgie - gebraucht wurde."

Besonders gut eignet sich das Material für die Herstellung von Mikrogefäß-Implantaten mit weniger als einem Millimeter Innendurchmesser. BASYC besteht aus natürlicher Cellulose; es wird von gentechnisch unveränderten Bakterien Acetobacter xylium in einer Nährlösung aus Traubenzucker entlang einer vorgegebenen Matrix synthetisiert. "Das bedeutet, dass wir jedes Implantatstück ganz präzise als Maßanfertigung erzeugen können", erläutert Klemms Mitarbeiterin Dipl.Chem. Ulrike Udhardt. Maßgeblich für die Eigenschaften dieser sehr langen Ketten aus 4.000 bis 8.000 Einzelmolekülen mit angelagerten Hydroxylgruppen ist ihre supramolekulare Struktur. "BASYC ist vollkommen unlöslich und besitzt sehr feine Faserstrukturen, die man nur noch unter dem Mikroskop sehen kann", so Klemm.

"Dabei ist das Material sehr flexibel, und es lässt sich in der chirurgischen Praxis leicht vernähen", erklärt Prof. Schumann. "Vor allem: Es ist absolut bioverträglich." In den inzwischen abgeschlossenen Tierversuchen an Ratten erwies sich, dass die Innen- und Außenwänden der Implantate in feinen Schichten von körpereigenen Zellen besiedelt werden, so dass es keine Abstoßungsreaktionen gab. "Bislang haben wir auch keine Hinweise auf eine Thrombosegefahr, wie wir sie von den bislang gebräuchlichen Kunststoff-Implantaten aus Teflon kennen", hebt Schumanns Mitarbeiterin Sylvia Marsch hervor. Allerdings sind sich die Forscher darüber im klaren, dass die Immunsysteme von Ratten und Menschen durchaus unterschiedlich funktionieren.

Mit Spannung schauen sie auf die bevorstehende klinische Erprobung von BASYC voraus. "Wahrscheinlich werden wir diese Studien innerhalb der nächsten drei Jahre bewältigen", hofft Prof. Schumann, "so dass wir dann in Zusammenarbeit mit einem versierten Unternehmen an eine größere biotechnische Produktion und die Anwendung in der chirurgischen Praxis denken können."

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dieter Klemm
Institut für Organische Chemie und Makromolekulare Chemie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/948260, Fax: 948202
E-Mail: c9kldi@rz.uni-jena.de

Prof. Dr. Dr. Dieter Schumann
Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie/Plastische Chirurgie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/933180, Fax: 933179
E-Mail: Ute.Guenther@med.uni-jena.de

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: Biomaterial Blutgefäß Cellulose Forschungspreis

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Nesseltiere steuern Bakterien fern
21.09.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Die Immunabwehr gegen Pilzinfektionen ausrichten
21.09.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften