Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pfad der RNA enthüllt - Satelliten-Navigation für Biomoleküle

31.12.2007
Das Entstehen einzelner RNA-Moleküle zu beobachten - diesen von vielen Wissenschaftlern gehegten Traum hat sich ein Team aus Chemikern und Biochemikern um Professor Jens Michaelis und Professor Patrick Cramer an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München erfüllt.

Im Rahmen des Exzellenzclusters Nanosystems Initiative Munich (NIM) haben sie eine Methode entwickelt, mit der sich die Moleküle an der Spitze der RNA beim Transkriptionsprozess nanometergenau verfolgen lassen.

Bei dem in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) vorgestellten Verfahren wird unter Ausnutzung des Energieübertrags zwischen Fluoreszenzfarbstoffen die Distanz des RNA-Moleküls zu mindestens drei fest verorteten Molekülen gemessen und daraus wie bei der Satelliten-Navigation die Position des RNA-Moleküls bestimmt. Diese Beobachtungsmöglichkeit bietet eine wichtige Grundlage für das Verständnis von Mechanismen der Genregulation.

Damit eine Zelle neue Proteine erzeugen kann, holt sie sich den Bauplan für die neuen Eiweißstrukturen aus der DNA. Dabei werden die erforderlichen Gensequenzen der DNA zunächst auf eine Boten-RNA kopiert, auf Englisch "messenger-RNA", kurz mRNA. Der Kopiervorgang von der DNA zur mRNA geschieht in einem darauf spezialisierten Protein, der RNA-Polymerase. Die kann man sich als winzigen Kopierautomaten vorstellen. An einem Ende wird die DNA eingeschleust, am anderen Ende kommen DNA und mRNA heraus. Die Produktion der gewünschten und von der DNA vorgegebenen Zellbausteine geschieht im Anschluss.

Dieser Ablauf ist schon recht lange bekannt. Um aber genau nachvollziehen zu können, wie die RNA nach dem Verlassen der Polymerase weiterbehandelt wird, muss man wissen, auf welchem Weg die RNA aus der Polymerase herauskommt. Mit den bisher angewandten Messmethoden, etwa der Röntgenstrukturanalyse, lässt sich zwar gut der Weg der RNA im Polymerase-Molekül verfolgen. Sobald die RNA aber die Polymerase verlassen hat, versagt die Methode, weil sich die RNA-Moleküle dann flexibel zwischen mehreren Positionen hin und her bewegen können. Eine solche Dynamik lässt sich mit der Röntgenstrukturanalyse nicht abbilden. Man bekäme als Messergebnis nur eine ungenau bestimmte mittlere Position.

Einen genaueren Einblick verschafft eine neue Methode, die in den Arbeitsgruppen von Michaelis und Cramer im Center for NanoScience (CeNS) der LMU entwickelt wurde. Grundlage ist die Messung des Fluoreszenz-Resonanz-Energie-Transfers (FRET) mit einem Fluoreszenz-Mikroskop. Dabei überträgt ein angeregtes Fluoreszenzfarbstoffmolekül einen Teil seiner Energie auf ein zweites Farbstoffmolekül. Die übertragene Energie und damit die Intensität des gemessenen FRET-Signals hängt sehr empfindlich vom Abstand der beiden Farbstoffmoleküle ab. So lassen sich Entfernungen im Nanometerbereich bestimmen. Diese Methode kombinierten Michaelis, Cramer und ihre Mitarbeiter mit einem Verfahren, das aus der Satelliten-Navigation (Globales Positionierungs-System GPS) bekannt ist. Um den Ort eines Objekts präzise zu bestimmen, benötigt man nur seine Distanz zu drei bekannten Positionen. So peilt ein GPS-Empfänger in einem Navigationsgerät drei Satelliten an, misst die Distanz zu diesen und errechnet daraus die eigene Position.

Um die Position von RNA-Molekülen zu bestimmen, markierten die Münchener Wissenschaftler zwei bekannte Stellen auf der zu kopierenden DNA und noch zwei weitere Stellen im RNA-Polymerase-Molekül mit unterschiedlichen Fluoreszenz-Farbstoffen, die in Analogie zum GPS als "Satelliten" betrachtet werden können. Ein weiterer Farbstoff kam ans vordere Ende der RNA. Aus den Distanzen der vier Satelliten zum RNA-Molekül konnten sie nun dessen genaue Position ermitteln. "Wir haben so gewissermaßen ein Nano-Positionier-System (NPS) entwickelt und damit für mehrere verschieden lange RNA-Sequenzen deren Lage nach Austritt aus der Polymerase bestimmt", sagt Michaelis. Im Prinzip ist das Farbstoffmolekül auf der RNA also ein Beobachter an der Spitze eines Zuges, an den immer mehr Wagen angehängt werden. Es schaut aus dem Fenster und beobachtet, wie sich seine Umgebung und seine Position verändert, je länger der Zug wird.

Ein erster Schritt ist damit getan. Als Nächstes wollen die Wissenschaftler untersuchen, was passiert, wenn die RNA-Produktion ins Stocken gerät. Dies kann zum Beispiel durch einen Fehler in der abgelesenen DNA verursacht werden. Um die Polymerase-Maschine dann wieder zum Laufen zu bringen, muss dieser Fehler zunächst repariert werden. Aber wie genau funktioniert das? Die Forscher erhoffen sich von ihrer Arbeit weitere Erkenntnisse über diesen Reparaturprozess. Solche Erkenntnisse könnten möglicherweise zur Entwicklung von Behandlungsmethoden für Krankheiten führen, bei denen eine Störung der DNA-Reparatur vorliegt.

Die aktuell in den PNAS vorgestellten Arbeiten entstanden im Rahmen der Exzellenz-Cluster "Nanosystems Initiative Munich" (NIM) und "Center for Integrated Protein Science Munich" (CiPSM). NIM hat es sich zum Ziel gesetzt, funktionale Nanostrukturen für Anwendungen in der Medizin und in der Informationsverarbeitung zu entwickeln, zu erforschen und zum Einsatz zu bringen. Der Schwerpunkt der Forschung in CiPSM zielt auf das fundamentale Verständnis der Funktion von Proteinen in lebenden Systemen.

Publikation:
"Single-molecule tracking of mRNA exiting from RNApolymerase II",
Joanna Andrecka, Robert Lewis, Florian Brueckner, Elisabeth Lehmann, Patrick Cramer and Jens Michaelis, PNAS am 27.12.2007
Ansprechpartner:
Professor Jens Michaelis
Department für Chemie und Biochemie der LMU
Geschäftsführender Direktor, Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Tel.: 089 / 2180-77561
Fax: 089 / 2180-99 77561
E-Mail: michaelis@lmu.de
Web: www.cup.uni-muenchen.de/pc/michaelis
Professor Patrick Cramer
Department für Chemie und Biochemie sowie Genzentrum der LMU
Tel.: 089 / 2180-76951
Fax: 089 / 2180-76999
E-Mail: cramer@lmb.uni-muenchen.de
Dr. Peter Sonntag
Nanosystems Initiative Munich (NIM)
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 089 / 2180-5091
Fax: 089 / 2180-5694
E-Mail: peter.sonntag@lmu.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Berichte zu: DNA NIM Polymerase Protein RNA RNA-Molekül Satelliten-Navigation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen
20.09.2017 | Veterinärmedizinische Universität Wien

nachricht Molekulare Kraftmesser
20.09.2017 | Max-Planck-Institut für Biochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik