Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Antikörper reduziert schädliche Amyloid-Ablagerungen im Hirn von Alzheimer-Patienten

01.09.2016

Der von der Universität Zürich entwickelte Antikörper Aducanumab führt bei Patienten mit frühen Formen von Alzheimer zu einer deutlichen Abnahme der schädlichen Beta-Amyloid-Plaques. Diese für die Krankheit charakteristischen Proteinklumpen im Gehirn von Betroffenen sind mitverantwortlich dafür, dass die Hirnzellen allmählich absterben. Die Wissenschaftler konnten zudem in einer frühen klinischen Studienphase zeigen, dass der Verlust der kognitiven Fähigkeiten bei den Patienten nach einjähriger Behandlung mit Aducanumab im Vergleich zur Placebogruppe grösstenteils gestoppt werden konnte.

Die Ursachen von Alzheimer sind noch immer unbekannt. Sicher ist, dass die Krankheitsprozesse im Gehirn von Betroffenen bereits 10 bis 15 Jahre vor dem Auftreten erster klinischer Symptome wie z.B. Gedächtnisverlust beginnen. Forschende der UZH konnten nun zeigen, dass ein menschlicher monoklonaler Antikörper genannt Aducanumab gezielt an die krankheitsverursachenden Hirnablagerungen bindet, was zu deren Entfernung durch Mikrogliazellen führt.


Nature Vol. 537, No. 7618 (Bild: Nature)

Eine einjährige Therapie mit dem Antikörper im Rahmen einer klinischen Phase Ib-Studie brachte die Beta-Amyloid-Plaques im Hirn der Patientinnen und Patienten praktisch vollständig zum Verschwinden. Die Resultate, die zusammen mit dem Biotechnologie-Unternehmen «Biogen» und der UZH-Spin-off «Neurimmune» erzielt worden sind, wurden in der renommierten Fachzeitschrift Nature publiziert.

Rückgang der Ablagerungen im Gehirn erfolgt zeit- und dosisabhängig

«Die Ergebnisse dieser klinischen Studie stimmen uns sehr zuversichtlich, bei der Behandlung von Alzheimer einen wesentlichen Schritt vorwärts zu kommen», betont Roger M. Nitsch, Professor am Institut für Regenerative Medizin der UZH. «Die Wirkung des Antikörpers ist beeindruckend. Und der Effekt ist abhängig davon, wie hoch die Dosis ist bzw. wie lange die Therapie dauert.» Bei jenen Patientinnen und Patienten, die die höchste Antikörperdosis erhielten, waren nach einem Jahr praktisch keine Beta-Amyloid-Plaques mehr nachweisbar.

Entwickelt wurde der Antikörper mit Hilfe einer Technologieplattform von «Neurimmune». Aus dem Blut von älteren, bis zu 100-jährigen Menschen ohne kognitive Einschränkungen isolierten die Forschenden jene Immunzellen, deren Antikörper zwar die toxischen Beta-Amyloid-Klumpen erkennen, jedoch nicht das überall im Körper vorkommende Amyloid-Vorläuferprotein. Dieses spielt vermutlich eine wichtige Rolle beim Wachstum der Nervenzellen. Die spezifische Bindungsfähigkeit für die krankhaft gefaltete Form des Beta-Amyloids sowie die Tatsache, dass der Antikörper menschlicher Herkunft ist, dürften mitverantwortlich für das gute Sicherheitsprofil von Aducanumab sein.

Experimentelle Behandlung bremst auch den Verlust der geistigen Fähigkeiten

165 Patientinnen und Patienten mit Alzheimer im Frühstadium wurden in der klinischen Phase Ib-Studie behandelt. Obwohl ursprünglich nicht als primäres Studienziel vorgesehen, untersuchten die Wissenschaftler aufgrund der positiven Effekte auch, wie sich die Therapie auf die Krankheitssymptome auswirkt. Dazu verwendeten sie standardisierte Fragebögen, mit denen kognitive Fähigkeiten oder Alltagsaktivitäten der Patienten getestet werden können. «Auch bei den klinischen Symptomen zeigte Aducanumab gute Resultate», fasst Roger M. Nitsch zusammen. «Während sich bei den Patienten der Placebogruppe die geistigen Fähigkeiten signifikant verschlechterten, blieben diese bei den Patienten mit der höchsten Antikörperdosis deutlich stabiler.»

Bei einigen der behandelten Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer trat eine Nebenwirkung auf, die sich durch Magnetresonanz-Bildgebung feststellen lässt (amyloid-related imaging abnormality, ARIA). Diese war in der Minderzahl der Fälle von vorübergehenden milden bis mittelgradigen Kopfschmerzen begleitet. Die Forschenden der UZH gehen davon aus, dass es sich bei ARIA um einen messbaren biologischen Effekt der Amyloidentfernung handelt.

Die vielversprechenden Ergebnisse von Aducanumab werden aktuell in zwei grossen klinischen Studien der Phase III untersucht, um die Sicherheit und Wirksamkeit des Antikörpers weiter zu evaluieren. An insgesamt 2700 Patientinnen und Patienten mit beginnender Alzheimer-Erkrankung werden in mehr als 300 beteiligten Zentren in 20 Ländern Nordamerikas, Europas und Asiens die Wirksamkeit und Sicherheit des Antikörpers geprüft.

Literatur:
Jeff Sevigny, Ping Chiao, Thierry Bussière, Paul H. Weinreb, Leslie Williams, Marcel Maier, Robert Dunstan, Stephen Salloway, Tianle Chen, Yan Ling, John O’Gorman, Fang Qian, Mahin Arastu, Mingwei Li, Sowmya Chollate, Melanie S. Brennan, Omar Quintero-Monzon, Robert H. Scannevin, H. Moore Arnold, Thomas Engber, Kenneth Rhodes, James Ferrero, Yaming Hang, Alvydas Mikulskis, Jan Grimm, Christoph Hock, Roger M. Nitsch & Alfred Sandrock. The antibody aducanumab reduces Aβ plaques in Alzheimer’s disease. Nature. September 1, 2016. doi:10.1038/nature19323

Weitere Informationen zu klinischen Studien mit Aducanumab: https://clinicaltrials.gov
- PRIME: klinische Phase Ib-Studie, abgeschlossen (NCT01677572)
- EMERGE: klinische Phase III-Studie, laufend (NCT02484547)
- ENGAGE: klinische Phase III-Studie, laufend (NCT02477800)

Kontakt:
Prof. Dr. med. Roger M. Nitsch
Institut für Regenerative Medizin
Universität Zürich
Tel. +41 44 634 88 71
E-Mail: roger.nitsch@irem.uzh.ch
Website: http://www.irem.uzh.ch/en/research/Group-R.-M.-Nitsch.html

Weitere Informationen:

http://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2016/alzheimer-aducanumab.html

Kurt Bodenmüller | Universität Zürich

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mikroorganismen auf zwei Kontinenten studieren
13.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht Neue Wirkstoffe aus dem Baukasten: Design und biotechnologische Produktion neuer Peptid-Wirkstoffe
13.12.2017 | Goethe-Universität Frankfurt am Main

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neue Wirkstoffe aus dem Baukasten: Design und biotechnologische Produktion neuer Peptid-Wirkstoffe

13.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Analyse komplexer Biosysteme mittels High-Performance-Computing

13.12.2017 | Informationstechnologie