Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Moralisch verwerflich? - Psychologen der Universität Leipzig erforschen das Spicken

05.09.2013
Mehr als die Hälfte aller Mädchen und Jungen findet es in Ordnung, in der Schule abzuschreiben oder einen Spickzettel zu benutzen. 36 Prozent sind dagegen.

Vor allem ältere Schüler akzeptieren das Spicken als selbstverständlichen Teil ihres Alltags. Die Psychologinnen Dr. Brigitte Latzko und Andrea Fischer von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig gehören zu den Wenigen, die sich im deutschsprachigen Raum dem Phänomen des Spickens wissenschaftlich nähern.

Im Fokus ihrer Arbeiten stehen moralische Aspekte. Vor kurzem starteten sie eine Befragung angehender Lehrkräfte zu diesem Thema. Deren Toleranzgrenzen sind verschieden.

Die Studierenden der Universität sollen sich dabei aus dem Blickwinkel der noch Lernenden, die selbst noch Prüfungen ablegen müssen, und aus Sicht der zukünftigen Lehrer zum Spicken positionieren. Die bisher gewonnenen Erkenntnisse sind Latzko zufolge sehr unterschiedlich, vor allem was die Akzeptanz des Spickens angeht.

Allerdings war sich die Mehrzahl der befragten Grundschul- und Gymnasialstudierenden einig, dass - aus Pädagogensicht betrachtet - das Benutzen von Spickzetteln bestraft werden sollte. Deutlich größer war allerdings bei den angehenden Grundschulpädagogen, die sich in die Rolle der Schüler versetzen sollten, die Ansicht, dass das Mogeln keine Konsequenzen haben sollte.

Die Toleranzgrenze der Lehramtsstudenten bei der Frage, wann das Mogeln beginnt, ist ebenfalls sehr verschieden. Für manche sei schon der Blick aufs Handy ein Indiz für möglichen Betrug. Auch das Beschaffen von Klausuren von Schülern höheren Klassenstufen oder anderen Studierenden sei häufig als schweres Delikt betrachtet worden.

"Mit der neuen Technik wird das Mogeln immer raffinierter", erklärt Dr. Latzko. Für die Lehrer bringe dies zusätzliche Probleme mit sich. "Aus juristischen Gründen können sie den Schülern nicht einfach das Handy wegnehmen", sagt Latzko. Wohl auch deshalb seien viele Lehrer in dieser Sache nicht konsequent genug.

Bereits in früheren Studien wurde erforscht, dass diese Akzeptanz des Abschreibens mit zunehmendem Alter der Lernenden wächst. Das schlechte Gewissen beim Mogeln wiederum werde in höheren Klassen immer geringer. Ein wichtiger Indikator sei dabei das Auftreten des Lehrers, berichtet Latzko. Auch der größer werdende Leistungsdruck in den höheren Klassen veranlasse mehr Schüler zum Spicken. "Die Lehrer sollten ihren Schülern verdeutlichen, dass sie nicht mogeln sollen. Nur dann können die Lehrkräfte feststellen, was die Kinder vom abgefragten Lernstoff noch nicht verstanden haben", sagt die Expertin.

Leider aber sieht die Realität oft anders aus: Da das Thema Spicken nicht zum Lehrplan in der Lehrerausbildung gehört, setzten sich viele Pädagogen damit zu wenig auseinander. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Reaktionen der Lehrkräfte, wenn sie einen mogelnden Schüler erwischen: Die einen nehmen sofort die Klassenarbeit weg und bewerten sie mit einer Sechs, andere ermahnen nur ohne weitere Folgen und ein Teil der Lehrer schaut weg, wie Latzko, Fischer und ihr Team erforscht haben.

Frühere Befragungen zu diesem Thema unter Schülern und Lehrern ergaben, dass Jungen eher spicken als Mädchen, weil sie weniger ängstlich sind als ihre Mitschülerinnen. Zudem habe ein Pädagoge, der mit seinen Schülern offen über das Mogeln spricht, weniger Probleme damit als seine Kollegen, die dieses Thema nicht mit ihrer Klasse diskutieren. "Jeder Lehrer muss sich selbst zu seinem Erziehungsziel positionieren", betont Latzko.

Wie erfinderisch Schüler beim Spicken sein können, beweist eine Ausstellung im Leipziger Schulmuseum zu dem Thema. "Dort ist zum Beispiel das Etikett einer Fantaflasche mit Informationen von einer Klassenarbeit bedruckt", erzählt Fischer. Im Zeitalter der Tattoos schreiben besonders Dreiste das Abgefragte einfach zur Tarnung in der Farbe des Körperschmucks auf die Haut. Ein Delinquent hatte mathematische Formeln in seine Schokolade geritzt. "Wenn der Lehrer gekommen wäre, hätte der Schüler die Schokolade einfach aufgegessen und weg wäre der Beweis", sagt Fischer, die vor einem Jahr in das Forschungsprojekt eingestiegen ist.

Sie gehört zum Team um Latzko, die die Vertretungsprofessur für Psychologie in Schule und Unterricht an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät inne hat. Gemeinsam erforschen sie das Spannungsfeld der unterschiedlichen Betrachtungsmöglichkeiten des Mogelns und gehen Fragen nach wie: Ist Spicken als besondere Geschicklichkeit oder Betrug, als Strategie für Wissenserwerb oder als moralisches Vergehen zu werten?

Die Psychologinnen wollen ihre Befragung von Lehramtsstudierenden in den kommenden Monaten fortsetzen und die Ergebnisse im kommenden Jahr in einem Fachjournal veröffentlichen. "Das Mogeln per se ist schon sehr spannend", meint Latzko. Wenn die Studierenden bei ihr eine Klausur schreiben, sind die Regeln klar: Handys und Taschen sind vor Beginn bei ihr abzugeben. Nur Stift und Papier sind erlaubt.

Weitere Informationen:

PD Dr. Brigitte Latzko
Telefon: +49 341 97-31436 oder -31460
E-Mail: latzko@rz.uni-leipzig.de
Web: www.uni-leipzig.de/~erzwiss
Andrea Fischer
Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Telefon: +49 341 9731475
E-Mail: andrea.fischer@uni-leipzig.de

Susann Huster | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Fast jeder vierte Hochschulabschluss ist ein Master
30.09.2016 | Statistisches Bundesamt

nachricht Digitaler Wandel kommt im Bildungsbereich an
25.08.2016 | Technologiestiftung Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie