Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fibonacci: Forschergeist statt Formeln pauken

25.02.2010
Universiät Bayreuth ist Schaltstelle eines eruopäischen Bildungsprojekts

Formeln zu pauken, ist längst nicht alles: Der Unterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften soll Schülern in Europa schon bald viel mehr Freude machen. Forschen, Experimentieren und Entdecken werden neugierig machen und Interesse wecken, so soll zielgerichtetes und erfolgreiches Lernen gefördert werden.


Die Europäische Union hat dazu das Bildungsprojekt Fibonacci auf den Weg gebracht. An der Universität Bayreuth, genauer: am Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik, befindet sich eine der Schaltstellen dieses ambitionierten Vorhabens. Hier ist das Projekt in wesentlichen Teilen entwickelt worden, von hier aus wird es koordiniert.

Mit 25 Institutionen aus 21 europäischen Ländern ist Fibonacci schon jetzt das größte europäische Bildungsprojekt, das im siebten Forschungsrahmenprogramm der EU gefördert wird. In Paris fand die Auftaktveranstaltung für das Fünf-Millionen-Projekt statt, dabei wurde deutlich: Der Ansatz ist gesamteuropäisch, das Fibonacci-Netz wird bald noch dichter. Bis 2013 sollen mindestens 24 weitere Partner in das Projekt eingebunden werden. Die Universität Bayreuth ist eine der zwei Fibonacci- Zentralen. Professor Dr. Peter Baptist, Inhaber des Lehrstuhls Mathematik und ihre Didaktik, und seine Mitarbeiterin Dagmar Raab koordinieren den Projektbereich Mathematik. Baptist gehört zudem als einziger Wissenschaftler aus Deutschland dem Scientific-Committee des Gesamtvorhabens an.

Ausgangspunkt waren die alarmierenden Ergebnisse eines Berichts, den der frühere französische Premierminister Michel Rocard gemeinsam mit einer hochkarätigen Expertengruppe vorgelegt hatte. In dem Report unter dem Titel „Science Education Now: A Renewed Pedagogy for the Future of Europe“ ist von dringendem Handlungsbedarf die Rede: „Aus zahlreichen Studien

geht hervor, dass immer mehr junge Menschen in Europa ihr Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern und an der Mathematik verlieren. Trotz zahlreicher konkreter Projekte und Maßnahmen, mit denen dieser Trend umgekehrt werden soll, ist nur wenig Fortschritt erkennbar. Wenn keine wirksameren Maßnahmen ergriffen werden, werden Europas langfristige Innovationsfähigkeit und auch die Qualität seiner Forschung leiden.“ Eine reelle Chance, die Trendumkehr zu schaffen, sieht die Kommission in der Abkehr von herkömmlichen, häufig demotivierenden Unterrichtsmethoden (Formeln lernen, Formeln anwenden, Prüfung ablegen) und in einer Zuwendung zu eigenständigem forschend- entdeckenden Lernen (IBSME, inquiry based science and mathematics education).

Ein Ansatz, den der Bayreuther Mathematik-Didaktiker Professor Dr. Peter Baptist seit langem schon erfolgreich vertritt. „Wir arbeiten problemorientiert“, sagt Baptist. „Bei unserer Art des Lernens stehen nicht die Formeln im Vordergrund. Wir hängen stattdessen den Schulstoff u.a. an nachvollziehbaren, realitätsnahen Problemen auf und schaffen so Verständnis für die Mathematik. Erst wenn das erreicht ist, geht es ans Üben und ans Automatisieren.“ Das mag logisch klingen, doch Baptist weiß wohl, dass vielerorts noch ganz anders verfahren wird. Gar nicht so selten wird geübt, was das Zeug hält – egal, ob die Schüler verstanden haben, worum es bei dem mathematischen Problem wirklich geht.

Den Unterricht in Mathematik und in den Naturwissenschaften in diesem Sinne zu verändern, war bereits zentrales Anliegen des deutschen Vorläuferprojektes von Fibonacci. In den vergangenen neun Jahren brachte SINUS-Transfer in Deutschland Erfolge, die Europas Bildungspolitiker überzeugten. Für die Naturwissenschaften übernahm das EU-Projekt Pollen Vorbildfunktion. Als Reaktion auf den Rocard-Report entwickelten die Ecole normale supérieure Paris (Koordinator des EU-Projektes Pollen) und der Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik der Universität Bayreuth (zentrale Koordination des Projektes SINUS-Transfer im Fach Mathematik) das Projekt Fibonacci. Aus einem Wettbewerb der EU im Rahmen des siebten Forschungsrahmenprogramms ging Fibonacci als das größte Siegerprojekt mit einem Fördervolumen von fünf Millionen Euro hervor.

Diese fünf Millionen sieht Peter Baptist als eine Art Anschubfinanzierung. Der Bayreuther Universitätsprofessor geht davon aus, dass in den beteiligten europäischen Ländern Ministerien und Institutionen Fibonacci ebenfalls unterstützen werden. Der Freistaat Bayern tut das bereits – mit zahlreichen Teilabordnungen von Lehrkräften als Fibonacci-Moderatoren wird eine Fortbildungsinitiative an bayerischen Gymnasien auf den Weg gebracht. Weitere Bundesländer werden folgen. Thüringen, Berlin und Schleswig-Holstein haben bereits angeklopft. Und auch die Vereinigung MINT-EC, die bundesweit über 100 Gymnasien fördert, wir an Fibonacci teilnehmen. Diese Form der Unterstützung hat für Baptist über den monetären Aspekt hinaus Bedeutung. „Endlich stellt sich in der Bildungspolitik eine Nachhaltigkeit ein“, sagt er. „Jetzt hat die Politik erkannt, dass man für Veränderungen im Bildungsbereich einen langen Atem braucht.“

Einen langen Atem und eine breite Basis. Funktionieren wird Fibonacci, wenn engagierte Lehrer die sich bietende Chance wahrnehmen. In Bayern sind bereits 20 Pädagogen benannt, die Erfahrung aus dem SINUS-Projekt mitbringen und künftig ihren Lehrerkollegen die Fibonacci- Philosophie nahebringen werden. Eine solche I mplementierung des Programms in die Lehrer- aus- und -fortbildung gehört ebenso in den Projektplan wie der Aufbau und die Weiterentwicklung eines europaweiten Netzwerkes von Referenzzentren zur Weiterentwicklung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts. Unter dem Fibonacci-Dach finden Entwicklung, Umsetzung und Evaluation von Unterrichtskonzepten zur Förderung forschend- entdeckenden Lernens statt. Es werden Schul- und Lehrernetzwerke auf regionaler und nationaler Ebene mit dem Ziel verstärkter Kooperation und Teambildung initiiert, es wird die Kooperation von Grund- und weiterführenden Schulen gefördert. Weitere Ziele sind die Erarbeitung und Bereitstellung geeigneter Fortbildungs- und Unterrichtsmaterialien (in Englisch und in der jeweiligen Landessprache), der Aufbau einer Kommunikationsplattform mit integrierter Materialdatenbank sowie der Aufbau eines europäischen Kompetenzzentrums für die Förderung und Weiterentwicklung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts.

Die organisatorische Gesamtkoordination hat die Ecole normale supérieure Paris übernommen. Die wissenschaftliche Koordination teilen sich der Lehrstuhl für Mathematik und ihre Didaktik der Universität Bayreuth (für das Fach Mathematik) und die Ecole normale supérieure (für die naturwissenschaftlichen Fächer). Neben der Universität Bayreuth werden auch die Universitäten Augsburg (Schwerpunkt Mathematik, Grundschule) und Berlin (Schwerpunkt Naturwissenschaften) als sogenannte Referenzzentren ihre Erfahrungen aus den Programmen SINUS und SINUS-Transfer sowie Pollen in das EU-Projekt Fibonacci einbringen.

Frank Schmaelzle | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Die Verbindung macht’s
24.03.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

nachricht Gleich und Gleich gesellt sich gern!
21.03.2017 | Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

200 Weltneuheiten beim Innovationstag Mittelstand in Berlin

26.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Wie digitale Technik die Patientenversorgung verändert

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Akute Myeloische Leukämie: Ulmer erforschen bisher unbekannten Mechanismus der Blutkrebsentstehung

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Naturkatastrophen kosten Winzer jährlich Milliarden

26.04.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Zusammenhang zwischen Immunsystem, Hirnstruktur und Gedächtnis entdeckt

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie