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Mentalitätswechsel an den Hochschulen ist notwendig

25.07.2003


Ihre Entschlossenheit, die Reformbestrebungen an den deutschen Hochschulen weiter voran zu treiben, hat die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, heute beim Besuch der Universität Bayreuth unterstrichen.



Es habe sich in den fünf Jahren ihrer Amtszeit an den Hochschulen schon einiges bewegt, doch müsse der in Gang gesetzte Prozess konsequent fortgeführt werden. Ein "Mentalitätswechsel" an den Hochschulen sei notwendig, um das Ziel zu erreichen, sie im internationalen Maßstab wettbewerbsfähig zu machen. Dies sei angesichts der globalen Konkurrenzsituation in einem rohstoffarmen Land unabdingbar.

Die Ministerin sprach sich zur Vergleichbarkeit der Leistungen dafür aus, die Rangfolge (Ranking) der Hochschulen und der Fächer mit einem besseren Verfahren zu ermitteln. Sie habe den Wissenschaftsrat deshalb gebeten, dazu Vorschläge zu erarbeiten, sagte Frau Bulmahn. Außerdem sei es zur besseren Konkurrenzfähigkeit notwendig, eine Vernetzung zwischen den Hochschulen und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Sinne von im Ausland gebräuchlichen "Forschungsclustern" zu organisieren. Ministerin Bulmahn machte in ihrem Vortrag deutlich, dass die Hochschulen für die Entwicklung der Bundesrepublik "strategische Bedeutung" hätten. Sie sei mit dem Ziel angetreten, die Qualität der Wissenschaft zu verbessern, um wieder international Spitzenpositionen zu besetzen. Dazu habe man die Rahmenbedingungen verbessern müssen, erläuterte sie, wozu eine Steigerung des Haushalts seit 1998 um 25 % auf nun mehr 9,1 Milliarden Euro gehörten. Eckpunkte der inhaltlichen Reformen sei die Internationalisierung, die Erweiterung von Autonomiespielräumen an den Hochschulen, eine frühere Verantwortung der Wissenschaftler sowie Leistungsanreize.

Hinsichtlich der Internationalisierung verwies Ministerin Bulmahn darauf, dass mit Unterstützung entsprechender Programme die Zahl der ausländischen Studierenden in Deutschland von 6 auf 8% gestiegen sei. Wichtig seien auch die im Zuge der Vereinbarungen von Bologna - dort wurde von 26 europäischen Bildungsministern die Schaffung eines europäischen Hochschulraumes bis 2010 und eine bessere Vergleichbarkeit der Ausbildungsgänge beschlossen - weiter umzusetzen. Sie freue sich, dass die Einrichtung von Bachelor- und Masterstudiengängen "so couragiert umgesetzt wurde". 1600 solcher im internationalen Maßstab vergleichbaren Studiengänge gebe es in der Bundesrepublik bereits, davon 500 englischsprachige. "Dies ist nicht schlecht, aber es müssen noch mehr werden", sagte die Ministerin. Man werde auch keine andere Wahl haben, denn über die Zertifizierung dieser Studiengänge könne man deren Inhalte und Qualität mitbestimmen und internationale Maßstäbe verankern. Außerdem verwies sie darauf, dass bereits 29 deutsche Hochschulen Ausgründungen von Studiengängen oder ganzen Instituten vorgenommen hätten. Solche langfristigen Maßnahmen sollten "höchst offensiv genutzt werden" ermunterte die Bildungsministerin.

Insgesamt gehe es darum, die Bildungsreserven in Deutschland weiter zu mobilisieren und das Thema Bildung und Ausbildung ganz oben auf der Tagesordnung zu halten. Man dürfe sich keine Illusionen über die Güte der Hochschulausbildung machen, die bei weitem nicht so gut sei, wie ihr Ruf. Polen habe etwa genausoviel Studierende wie Deutschland, die sehr gut ausgebildet seien. Deswegen dürfe man sich nicht wundern, wenn Weltfirmen wie Siemens dort investieren.

Andererseits brauche man auch mehr ausländische Fachkräfte in Deutschland, weil sonst der Ersatzbedarf nicht abgedeckt werden könne. Ziel müsse es deshalb auch sein, die Studierendenquote von derzeit 36% weiter anzuheben, wobei die Ministerin darauf verwies, dass diese Quote im Schnitt bei den sogenannten OECD-Ländern bei 45% eines Jahrgangs liegt. Kürzere Studienzeiten durch Bachelor-Angebote führten dazu, dass junge Leute früher in berufliche Positionen kämen. Es komme auch darauf an, diese Studiengänge klar zu strukturieren, gut abzustufen und praxisnah auszurichten.

Hinsichtlich der Forschung verwies Frau Bulmahn darauf, dass von ihr "die Zukunft abhängt" und deshalb die Mittel um 50% aufgestockt worden seien. Große Bedeutung komme dabei der Nachwuchsförderung zu, die durch den Bologna-Prozess weiter angeschoben worden sei. Man müsse im Zuge neuer Studiengänge auch zu strukturierten Promotionsstudiengängen kommen und weiter Anreize durch Programme für Nachwuchswissenschaftler bieten, wie sie etwa das Emmy-Noether- Programm darstellten.

Hinsichtlich der sogenannten Juniorprofessuren, ein Programm, das hervorragenden Nachwuchswissenschaftlern frühzeitig die Möglichkeit zu eigenen Lehre und Forschung geben soll, meinte die Ministerin mit Blick auf Vorbehalte der Länder Bayern, Sachsen und Thüringen, die die klassische Habilitation alternativ beibehalten wollen, die Juniorprofessur sei "kein Königsweg". Man habe aber jetzt mehrere Möglichkeiten zur Professur. Es gelte die Selbständigkeit in Lehre und Forschung frühzeitig zu fördern. Insgesamt sei das Interesse an diesem Programm ungebrochen. Bereits jetzt seien 800 Juniorprofessuren in ganz Deutschland vorhanden und man müsse aufpassen, dass bei den anvisierten 3000 Stellen bis 2007 "das Geld nicht frühzeitig aufgebraucht ist".

Ein wunder Punkt in Deutschland sei die ermittelte Abbrecherquote, betonte Ministerin Bulmahn. Die sei viel zu hoch und es gehe nicht an, dass Studierende "nach dem sechsten oder siebten Semester" ihr Studium abbrächen. Dies sei eine Vergeudung von Ressourcen jungen Leuten wie bei den Ausbildern.

Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, "brauchen wir mehr mutige und visionäre Hochschulen, die solche Wege gehen wie diese", hatte die Ministerin zum Schluß ihres Vortrags ein Bonbon für die gastgebende Universität parat, die sowohl hinsichtlich neuartiger Studiengänge wie auch der Verwendung von Bundesprogrammen und der Förderung von Nachwuchswissenschaftlern in den letzten Jahren erfolgreich gewesen ist. Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion zur Juniorprofessur und Habilitation bestritt die Ministerin Vorwürfe, durch die Juniorprofessur würden Freiräume dadurch beschnitten, dass die Juniorprofessur die klassische Habilitation ablösen soll. Dies sei nicht der Fall, sagte Frau Bulmahn und davon stehe auch nichts im Gesetzestext. Für eine Berufung auf eine Professur sei "nicht der Weg entscheidend, sondern die Leistung". Es gebe verschiedene Wege zur Professur, die sowohl aus den Hochschulen selbst angegangen werden könne wie auch aus außeruniversitären Einrichtungen oder etwa der Wirtschaft. Sie erinnerte daran, dass hinsichtlich der internationalen Vernetzung ein Vorrang für die Habilitation nicht mehr möglich sei.

Im Gegensatz zum Dekan der Sprach- und Literaturwissenschaftlichen Fakultät, Professor Dr. Peter Klotz, der von einer großen Belastung der Juniorprofessuren in der Lehre sprach, meinte Dr. Monika Sokol, die Belastung liege für die acht Bayreuther Nachwuchswissenschaftler nach dem Juniorprofessur-Programm des Bundes eher darin, dass ihr Status nicht anerkannt sei, weil der Freistaat Bayern sie nicht zu einer Juniorprofessorin ernenne. Bayern, Thüringen und Sachsen klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die entsprechenden Formulierungen im Hochschulrahmengesetz.

Auf den Eindruck Professor Dr. Klotz, die Juniorprofessuren paßten besser zu den Natur- als zu den Geisteswissenschaften, wies Ministerin Bulmahn darauf hin, dass das durchschnittliche Habilitationsalter in Deutschland bei 42 liege. "Wenn wir Menschen so lange in Qualifikationsphasen lassen, dann ist das ein Zustand, der nicht erträglich ist".

Universitätspräsident Professor Dr. Dr. h.c. Helmut Ruppert äußerte die Sorge, dass im Zuge von Profilierungsprozessen an den Hochschulen einerseits und im Versuch, andererseits die besten Nachwuchswissenschaftler zu verpflichten, es schwierig werden könne, die von der Hochschule gewünschte Ausrichtung mit den Interessen der Kandidaten in Einklang zu bringen. Hier wünsche er sich eine Auffangposition.

Noch einmal deutlich wurde Ministerin Bulmahn, als es um die Beschränkungen durch das "Ungetüm des Bundesangestelltenvertrags" ging. Der sei für Leistungsanreize absolut hinderlich. Deshalb werde sie weiter für einen eigenständigen Wissenschaftstarifvertrag streiten, um insgesamt die Hochschulen fitter für den internationalen Wettbewerb zu machen.

Kerstin Wodal | BMBF

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